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Netzwoche 14/2018

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14 Wie

14 Wie das neue Beschaffungswesen digitaler und nachhaltiger werden soll Die diesjährige IT-Beschaffungskonferenz hat am 29. August in Bern stattgefunden. Den ganzen Tag über konnten die Teilnehmer fünf Planungsreferate besuchen. Zahlreiche Sessions gaben den Besuchern zudem die Möglichkeit, sich in weitere IT- und Beschaffungsthemen zu vertiefen. Autorin: Barbara Camenzind « Simap ist ein Fixstern am schweizerischen Beschaffungsfirmament, aber schon etwas in die Jahre gekommen. » Thomas Fischer, Vorstandsmitglied von Simap.ch und Leiter Beschaffungskonferenz des Kantons Bern An der Universität Bern haben sich Politiker, Beamte und IT-Spezialisten zur IT-Beschaffungskonferenz getroffen. Veranstalter der Konferenz sind die Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit der Universität Bern, das ISB, die SIK, Swiss-ICT und CH Open. Das Kernthema der diesjährigen Austragung waren die IT-Beschaffungen im Lichte der digitalen Transformation. Thomas Myrach, Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität Bern, und Matthias Stürmer, Leiter der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit der Universität Bern, begrüssten die Teilnehmer. «Billig kommt langfristig nicht immer günstiger» Kathrin Bertschy, Nationalrätin der Grünliberalen Partei und Mitglied der Kommision für Wirtschaft und Abgaben des Nationalrates, eröffnete die Konferenz. Sie berichtete über den aktuellen Stand der Gesetzesrevision des BöB und den weiteren politischen Fahrplan. «In Zukunft wird die Nachhaltigkeit und somit Innovationen, Lebenszykluskosten oder Langlebigkeit von Produkten und Dienstleistungen bei der Vergabe stärker berücksichtigt», sagte Bertschy zur wichtigsten Änderung im neuen BöB. Dies sei auch im Sinne der Steuerzahlenden, die letztlich die Beschaffungen finanzierten. Weil billig nicht immer günstiger komme, so Bertschy. Einen klaren Konsens habe es im Nationalrat darüber gegeben, dass der Zugang zu den Beschaffungsdokumentationen nicht eingeschränkt werden dürfe. Nachdem Journalisten in den letzten Jahren mehrere Beschaffungsskandale aufgedeckt hätten, habe der Bundesrat den Zugang zu den Unterlagen erschweren wollen. Der Nationalrat habe diese Einschränkung entschieden abgelehnt, sagte Bertschy. Uneinigkeiten bestünde einerseits noch darin, wie detailliert der Zweckartikel über die Nachhaltigkeit im Gesetz ausgeführt werden solle. Andererseits gebe es noch Anträge der bürgerlichen Parteien, die Schweizer Unternehmen vor ausländischer Konkurrenz schützen wollten. Die Mehrheit des Nationalrats sei sich darüber einig, dass das Preisniveau im Land des Anbieters berücksichtigt werden solle – das dürfte allerdings mit WTO-Verträgen nicht vereinbar sein, sagte Bertschy. Das Gesetz wird laut Bertschy voraussichtlich in der Herbst- oder Wintersession vor den Ständerat kommen. «Es ist die Rede von einer Inkraftsetzung des neuen Beschaffungsgesetzes im Verlauf des Jahres 2020 oder ab 1.1.2021», sagte die Bernerin am Ende ihres Vortrags. Das sei wahrscheinlich etwas später, als die Schweiz sich erhofft habe. «Good Governance» gegen Korruption Im zweiten Plenumsreferat betonte Marc Steiner, Richter am Bundesverwaltungsgericht, die Bedeutung der Transparenz im öffentlichen Beschaffungswesen. Transparenz gehöre neben «good Governance» zu den Leitprinzipien der Revision des Beschaffungsgesetzes. «Gerade dem Korruptionswesen muss man bei IT-Beschaffungen immer mehr Aufmerksamkeit schenken», sagte Steiner. Sie seien anfällig für unsaubere Vergaben und Missbrauch. Deswe- 14 / 2018 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

Kathrin Bertschy, Nationalrätin der Grünliberalen Partei, Kanton Bern. 15 Marc Steiner: «Die vom Bundesrat vorgeschlagene Ausstandsregelung nach Artikel 13 ist ein Skandal.». gen sei die Glaubwürdigkeit der öffentlichen Hand oberstes Gebot. Die Korruptionsbekämpfung werde neu als Gesetzesziel verankert. Die vom Bundesrat vorgeschlagene Ausstandsregelung (Artikel 13) bezeichnet Steiner als «Skandal». Zum Abschluss zeigte Steiner auf, dass das Gesetzesziel nicht mehr nur die Marktöffnung sei, sondern dass ein Paradigmenwechsel vom Preis- zum Qualitätswettbewerb stattgefunden habe. Support liege grösstenteils bei Seco. «Simap2019» wird laut Fischer sowohl das alte als auch das neue Beschaffungsgesetz parallel unterstützen. Als «Applikation von Beschaffungsprofis für Beschaffungsprofis» sei die Plattform jedoch auch herausfordernder als die alte Version. Man müsse gerade zu Beginn noch mit Fehlern und dementsprechend ausgelasteten Hotlines rechnen. Geduld und viel Zeit sei gefordert. «Simap ist ein Fixstern am schweizerischen Beschaffungsfirmament» Auch die Beschaffungsplattform Simap.ch wird digitaler. Thomas Fischer, Vorstandsmitglied von Simap.ch und Leiter Beschaffungskonferenz des Kantons Bern, stellte das Projekt «Simap2019» vor. Die neue, modular aufgebaute und auf Open Source basierende E-Procurement-Plattform soll am 1. Mai 2019 live gehen. Die bisherige Plattform «Simap.ch» ist laut Fischer zwar «ein Fixstern am schweizerischen Beschaffungsfirmament», aber schon etwas in die Jahre gekommen. Der Verein Simap habe sich deswegen mit dem Projekt «Simap2019» zum Ziel gesetzt, ein neues offizielles Publikationsorgan für das öffentliche Beschaffungswesen zu lancieren. Der Start von «Simap2019» soll gemäss Fischer zeitgleich mit der Einführung des neuen BöB erfolgen. «Wir wollen damit den Schritt zum digitalen Beschaffungsprozess machen», sagte Fischer. Als neue Features der Plattform zählte er folgende Punkte auf: ·· der ganze Beschaffungsprozess soll komplett digital über die Plattform durchführbar sein; ·· Einladungsverfahren auf noch unveröffentlichte Publikationen können elektronisch durchgeführt werden; ·· diverse Statistikfunktionen sind implementiert; ·· die Handhabung der Nachweise wird vereinfacht (Nachweismanagement-Funktion); ·· Mini-Tender und elektronische Auktionen sind digital möglich; ·· Schnittstellen erlauben es, Teilprozesse auszu lagern. Eine neue Plattform von Profis für Profis Der juristische Support für «Simap2019» erfolgt laut Fischer durch die Kantone oder den Bund. Der technische Mehr «Intelligence» im Beschaffungswesen Matthias Stürmer von der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit an der Universität Bern stellte an der Beschaffungskonferenz eine eigens entwickelte Plattform namens «IntelliProcure» vor. Das Ziel dieser Plattform ist gemäss Stürmer, Simap-Daten zu analysieren, was mehr Wissen, Erfahrungsaustausch, Effizienz und Vernetzung in das öffentliche Beschaffungswesen bringen soll. Gemäss der Forschungsstelle werden auf Bundes-, Kantonsund Gemeindeebene jährlich 40 Milliarden Franken für öffentliche Beschaffungen ausgegeben. Die Vergabe hapere jedoch oft an «Intransparenz und Ineffizienz», wie die Forschungsstelle in einer Mitteilung schreibt. Forscher der Universität Bern analysierten für «IntelliProcure» über 330 Gigabyte an Ausschreibungsmeldungen, -unterlagen und Zuschläge. Diese Daten sollen Interessierten aufbereitet und verlinkt über die Plattform zur Verfügung gestellt werden. «Es ist sehr sinnvoll, dass der Simap-Datenschatz gehoben wird, die Daten veredelt und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden», sagt Marcel Hadorn, Rechtsanwalt und Teamleiter beim Kompetenzzentrum Beschaffungswesen des Bundes. «IntelliProcure» richtet sich laut Angaben der Forschungsstelle an Beschaffungsstellen, Anbieter und Organisationen wie Beratungsunternehmen, Anwaltskanzleien oder Architekturbüros. Die Nutzung der Plattform ist kostenpflichtig – die Beträge liegen zwischen 200 bis 800 Franken jährlich, je nach Organisationsgrösse. Die Veranstalter der IT-Beschaffungskonferenz 2018 zeigten sich nach dem Event erfreut über den neuen Besucherrekord und das rege Interesse an den interessanten Vorträgen, tollen Gesprächen und zahlreichen Impulsen. « Es ist sehr sinnvoll, dass der Simap-Datenschatz gehoben wird, die Daten veredelt und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. » Marcel Hadorn, Rechtsanwalt und Teamleiter beim Kompetenzzentrum Beschaffungswesen des Bundes Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_104749 www.netzwoche.ch © netzmedien ag 14 / 2018