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Netzwoche 2/2019

16 People Live Der

16 People Live Der Slogan Ihres neuen Buches «Click Here to Kill Everybody» « Ich sehe bis jetzt keinen Einsatzzweck für die Blockchain » Bruce Schneier ist Autor von 13 Büchern sowie zahlreicher Artikel, Essays und akademischer Arbeiten. Der international anerkannte Sicherheitsexperte ist regelmässig Gast im Fernsehen und hat in mehreren US-Regierungsausschüssen gearbeitet. Im Interview bezieht er Stellung zu Cybersecurity, tödlichem IoT und Blockchain. Interview: Oliver Schneider « Keiner reisst sich um Krypto währungen. Das Problem in der Finanzwelt ist heute ausserdem nicht die IT-Sicherheit, sondern die finanzielle Sicherheit. » Bruce Schneier, Sicherheitsexperte lautet: «Eine Welt von intelligenten Geräten bedeutet, dass das Internet Menschen töten kann.» Ist das nicht etwas übertrieben? Bruce Schneier: Ganz und gar nicht. Maschinen können Menschen töten, zum Beispiel Autos oder medizinische Geräte. Das sind wir gewohnt. Gegenfrage: Wie kommen Sie darauf, dass ich übertreibe? Das klingt, als seien Computertechnik und das Internet böse Dinge, die sich von selbst gegen den Menschen verschwören. Technik kann doch nicht böse sein, nur missbraucht werden. Auf jeden Fall, aber diese Gefahr des Missbrauchs des Internets der Dinge ist absolut real. Vielleicht noch nicht heute, aber bald. Computer sind verwundbar, also wird auch jedes selbstfahrende Auto, jeder Spitalroboter verwundbar sein. Natürlich sind Maschinen nicht von selbst böse. Es braucht den Menschen, der absichtlich klickt, dann kann Technik töten. Deshalb habe ich diesen Slogan gewählt. Was können wir mit der Blockchain-Technologie heute machen, das zuvor nicht möglich war? Ich sehe bis jetzt keinen Einsatzzweck für die Blockchain. Der Bitcoin ist auf eine gewisse Weise einzigartig, weil er einen Wert in der digitalen Welt abbildet. Aber die Probleme des Bitcoin sind viel grösser als sein Nutzen. Davon abgesehen ist mir aber kein einziger Use Case für die Blockchain begegnet. Jedes Unternehmen, das heute auf die Blockchain setzt, könnte eigentlich auf sie verzichten. Niemand hatte jemals ein Problem, für das die Blockchain eine Lösung ist. Stattdessen nehmen die Leute die Technologie und machen sich auf die Suche nach Problemen. Was ist mit den hunderten Firmen, die – gerade in der Schweiz – Blockchain-Lösungen entwickeln? Für die ist die Technologie in erster Linie ein PR-Instrument. Sie werden die Blockchain wieder fallen lassen, wenn klar wird, dass sie keinen Mehrwert bringt. i ZUR PERSON Bruce Schneier ist ein international anerkannter Sicherheitsexperte, vom «Economist» wurde er als «Sicherheitsguru» bezeichnet. Er ist Autor von 13 Büchern sowie zahlreicher Artikel, Essays und akademischer Arbeiten. Schneier hat vor dem US-Kongress ausgesagt, ist ein häufiger Gast im Fernsehen und Radio und hat in mehreren Regierungsausschüssen gearbeitet. Er ist Fellow am Berkman Klein Center for Internet & Society an der Harvard University, Vorstandsmitglied der Electronic Frontier Foundation sowie Sonderberater für IBM Security und Chief Technology Officer bei IBM Resilient. Quelle: schneier.com In der IT dreht sich momentan alles um Blockchain. Was halten Sie von dieser Technologie? Das Bitcoin-Whitepaper von Satoshi Nakamoto war damals 2008 nur irgendein Konzept von irgendeinem Krypto-Anarchisten. Seine Ideen waren interessant formuliert, aber nicht wirklich neu. Es war eigentlich nichts von Bedeutung darin, das nicht zuvor schon bekannt gewesen war. Blockchain war nur eine Evolution, kein radikal neues Ding. In der Kryptografie-Community hat die Technologie nicht für Furore gesorgt. Ich und viele andere haben ihr deshalb auch keine besondere Beachtung geschenkt. Könnte es sein, dass wir in 20 Jahren mit einer Währung auf Blockchain-Basis bezahlen? Nein, ganz gewiss nicht. Wir haben heute bereits viele Formen von digitalem Geld – Kreditkarten, Paypal und so weiter. Die funktionieren alle gut. Keiner reisst sich um Kryptowährungen. Das Problem in der Finanzwelt ist heute ausserdem nicht die IT-Sicherheit, sondern die finanzielle Sicherheit. Solange niemand Geld verliert, wenn seine Bank gehackt wird, wird das auch so bleiben. Es gibt viele Forderungen nach mehr Offenheit und Transparenz in der IT – Open Source, ein offener Zugang zum Internet, Open Data. Geht die Kryptografie nicht in die falsche Richtung? Open ist super, und Kryptografie ermöglicht diese Offenheit. Kryptografie geht nicht in eine Richtung, sondern schafft Eigenschaften von Systemen. Wenn diese Eigenschaft Offenheit ist, besteht auch kein Widerspruch zwischen den beiden. Aber steht die zunehmende Verschlüsselung von Kommunikation mit dem Prinzip der Offenheit nicht in Konflikt? Wir können natürlich alle Kommunikation auf dem Planeten offenlegen, aber ist das wünschenswert? Würden Sie wollen, dass jeder die privaten Unterhaltungen mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin mitlesen kann? Nein, natürlich nicht. Da haben Sie's. Die digitale Technologie beeinflusst Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Welche Auswirkungen hat das auf unsere Welt? Die Auswirkungen sind riesig und ich glaube nicht, dass 02 / 2019 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 17 Aber es stimmt, Techno-Utopien sind in der IT-Branche weit verbreitet. Was sagen Sie zu diesen Utopisten mit Ihrer Erfahrung als Sicherheitsexperte? Digitale Technologien sind fundamental menschlich. Sie können soziale Probleme nicht so einfach lösen, wie sich das manche vorstellen. Immer mehr Menschen realisieren das auch. Es gibt heute weniger Techno-Utopien als noch vor zwei, drei Jahren. Der Brexit oder die Wahlen in den USA haben das gezeigt. Auch die neue öffentliche Skepsis gegenüber Google und Facebook ist ein Zeichen dieses Sinneswandels. Kritiker sagen, dass das Geschäftsmodell von Firmen wie Google oder Facebook grundsätzlich falsch sei, weil es nicht auf Zahlungen, sondern auf der Überwachung der Nutzer basiere. Wie sehen Sie das? Es geht bei dieser Diskussion darum, ob der Überwachungskapitalismus als Geschäftsmodell eine gute Idee ist. Und ja, es gibt gute Gründe dafür, anzunehmen, dass der Überwachungskapitalismus nicht erstrebenswert ist und solche Firmen nicht existieren dürften. Deshalb sollten wir diese Diskussion führen. Es wird aber noch nicht ernsthaft gemacht, auch weil das Geschäftsmodell quasi von selbst aus dem Internet heraus entstanden ist. Gibt es denn alternative Geschäftsmodelle? Sollten wir Google für jede Suchabfrage einzeln bezahlen? Es gibt viele Alternativen für Internetfirmen. Was Sie vorschlagen wären Mikrotransaktionen. Eine andere Möglichkeit wäre ein Abonnement. Auch eine staatliche Finanzierung ist denkbar. Unternehmen haben Geld gemacht, lange bevor sie die Leute ausspioniert haben. Sie werden andere Wege finden, Geld zu verdienen, darüber mache ich mir überhaupt keine Sorgen. « Techno-Utopien sind in der IT-Branche weit verbreitet. » Bruce Schneier, Sicherheitsexperte wir sie schon ganz verstehen. Wir beginnen erst damit, sie zu erfassen. Welche Rolle hat Cybersicherheit in diesem Kontext? In einer Welt, in der alles ein Computer ist, wird Cybersicherheit zur zentralen Sicherheit. Sie wird zur nationalen Sicherheit, zur Sicherheit der Demokratie, zur persönlichen Sicherheit oder zur medizinischen Sicherheit. Alles wird durch Computer vermittelt und deshalb ist Cybersicherheit das A und O. Manche loben digitale Technologie als Lösung für die Probleme der Menschheit – Armut, Krankheit oder sogar den Klimawandel ... ... Was natürlich lächerlich ist. Dabei wissen wir das längst. Was war die wichtigste technologische Entwicklung in den letzten zehn Jahren? Schwer zu sagen, vermutlich irgendwas im Biotech-Bereich. Dort würde ich suchen, wenn ich müsste. Welche Technologien werden die Welt in den nächsten zehn Jahren prägen? Wenn ich das wüsste! Bei solchen Fragen bin ich wirklich schlecht. Was ich weiss: Oft tauchen Technologien auf, mit denen niemand gerechnet hat, deshalb möchte ich mich da nicht festlegen. IT wird immer intelligenter und leistungsfähiger. Wie werden die Menschen in der Lage sein, Schritt zu halten? Es kann gut sein, dass Computer den Menschen irgendwann abhängen – vielleicht in 20, vielleicht in 1000 Jahren. Wir sind wohl kaum der Gipfel der Evolution. Das Problem mit künstlicher Intelligenz besteht darin, dass sich die Technologie nicht linear entwickelt. Was heute noch kaum www.netzwoche.ch © netzmedien ag 02 / 2019

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