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Netzwoche 6/2019

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28 People Live « Dinge

28 People Live « Dinge sollten für uns da sein, nicht umgekehrt » Radikaler Minimalismus und digitales Nomadentum – sind das weitere Formen von Selbstoptimierung? Oder einfach eine Überlebensstrategie im Zeitalter des Überflusses an Dingen und Daten? Die Swiss-ICT-Redaktion sprach mit Cédric Waldburger, einem Digitalunternehmer und radikalen Minimalisten. Interview: Fridel Rickenbacher, Swiss-ICT Statussymbole haben für viele ihre Kraft verloren. Das Bedürfnis, sich von Unnützem zu befreien, haben deshalb immer mehr Menschen in den Industrieländern. Sie leiden unter den zu vielen Informa tionen, an zu vielen Dingen und an zu wenig Zeit fürs Wesentliche. Litten oder leiden auch Sie darunter? Cédric Waldburger: In meinem Fall war der Wendepunkt der, dass ich auf einer meiner Businessreisen von New York nach Amsterdam wegen meiner damaligen Wohnung in der Schweiz via Zürich flog. Ich dachte mir dann: Es ergibt doch keinen Sinn, dass ich mein Leben und meine Lebenszeit rund um Dinge und Statussymbole organisiere zulasten der Effizienzoptimierung. Ich entschied mich zu einem radikalen Schritt, gab meine Wohnung auf und reduzierte meinen Besitzstand auf den Inhalt eines Rollkoffers beziehungsweise letztlich eines Rucksacks. Dinge sollten für uns da sein und nicht umgekehrt. Sie besitzen offiziell nur noch 64 Gegenstände. Was würden Sie denn auf eine einsame Insel mitnehmen? Alles, was zu meinem Besitztum gehört, hat nur noch einen pragmatischen Wert, jedoch keinen emotionalen. Viele funktionelle Dinge helfen mir vor allem bei meiner grossen Reisetätigkeit. Sie sind Mittel zum Zweck meiner übergeordneten Ziele zum Glück. Es ist letztlich eine Kombination aus Technologie und immer noch einem grossen Anteil an Kleidung. Wenn ich auf einer einsamen Insel arbeiten wollte, dann würde ich mein Notebook und Smartphone mitnehmen, ansonsten meinen Fotoapparat. Weil Sie Ihren ganzen Besitz immer bei sich tragen, sind Sie sehr frei und dadurch uneingeschränkt laufend in Bewegung. Könnten Sie sich das auch vorstellen ohne Ihre digitalen Helfer, das Internet und künftig die Bots? Einen Grossteil meines Tages verbringe ich mit Denken und damit, mit anderen Menschen oder meinen Teams zu kommunizieren. Ohne Technologie wäre Letzteres viel schwieriger. Das Internet hat einen grossen Einfluss darauf, dass mein Leben so funktioniert. Ist radikaler Minimalismus und Selbstoptimierung ein möglicher Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft? Oder ist Ihr jetziger ökologi- « Der Fortschritt kann nicht aufgehalten werden. Was neu ist, ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Welt verändert und das stellt uns vor neue Heraus forderungen. » i Cédric Waldburger, Unternehmer ZUR PERSON Cédric Waldburger pflegt einen sehr minimalistischen Lebensstil – er besitzt nur 64 Gegenstände und ist dauernd auf Achse. So hat er keine feste Adresse, verbringt im Schnitt nur 3,5 Tage hintereinander an einem Ort, und sein ganzes Besitztum ist in Schwarz gehalten. Im Alter von 14 Jahren gründete er sein erstes Geschäft, Mediasign, eine Schweizer Agentur, die auf Marken- und Markenstrategie spezialisiert ist. Zu den von ihm gegründeten, mitbegründeten oder anderweitig begleiteten Unternehmen gehören Tenderloin Ventures, die Glimpse Corp., die Dfinity- Foundation und Sendtask. Als Investor ist er bei zehn weiteren Firmen an Bord. Artikel online auf www.netzwoche.ch Webcode DPF8_122107 scher Fussabdruck aufgrund der hohen Reisetätigkeit und Digitalisierung doch eher hoch? Ich fliege momentan zu viel. Das liegt vor allem daran, dass ich noch an sehr vielen Projekten gleichzeitig beteiligt bin. Ein Ziel meiner weiteren Selbstoptimierung ist, mich auf weniger und letztlich nur noch ein Projekt zu konzentrieren. Damit wird auch die Anzahl der Reisen stark abnehmen. In Gedanken an unsere Umwelt strebe ich auch danach, meinen persönlichen Abfall weiter zu reduzieren und den Konsum unverpackter Artikel zu steigern. Die Digitalisierung ist geprägt von disruptiven Chancen und gleichzeitig komplexen Herausforderungen rund um «Data Monetization» und «Business Model Maturity». Ist auch hier trotz Datenwachstum eine Erfolgsstrategie in der Minimalisierung, Simplifizierung und Fokussierung zu finden? Mir persönlich helfen viele Tools bei der Optimierung meines Lebens, von Arbeit und Zeit. Insgesamt suche ich immer nach simplen Lösungen nach dem 80/20-Prozent- Prinzip. Mein Daten- und Tool-Universum bewirtschafte ich grösstenteils bewusst nur noch im Webbrowser oder auf dem Smartphone. Dadurch sind gewisse Inhalte und Editiermöglichkeiten simplifiziert auf das Wesentliche, aber optimiert auf die Portabilität. Automatisierung und geänderte Jobprofile können zu Personalabbau oder einer internen Restrukturierung führen. Die Digitalisierung führt jedoch auch zu neuen Jobs. Was sind Sie hier eher – Pessimist oder Optimist? Ich bin Optimist: Jede Veränderung ist auch eine Chance. Der Fortschritt kann nicht aufgehalten werden. Was neu ist, ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Welt verändert und das stellt uns vor neue Herausforderungen. Wenn man diese jedoch als Chance sieht, wird man auch in Zukunft immer Jobprofile finden. Temporär wird es negative Auswirkungen auf gewisse Bereiche geben. Insbesondere dort, wo ganze Tätigkeitsfelder durch Maschinen abgelöst werden. Wir sollten Lösungen schaffen, die jedem Menschen helfen, stets weiter zu lernen und sich entwickeln zu können. Die Idee des lebenslangen Lernens ist auch nach dem jugendlichen Status als «Lernender» unumgänglich für den Bestand im künftigen Leben und in der Wirtschaft. 06 / 2019 www.netzwoche.ch © netzmedien ag

People Live 29 Für unsere Psyche und für das Dasein als Mensch tut es gut, stets zu lernen. « Ich sehe es als grosse Chance, dass uns Blockchain-basierte Anwendungen die Daten hoheit zurückgeben. » Cédric Waldburger, Unternehmer Trotz der Digital-Euphorie und Technologien rund um Virtual Reality, Conferencing-Systemen und Collaboration-Tools reisen und fliegen Sie viel und treffen sich mit Menschen und Ihren Teams. Versuchen Sie auch, die Digitalisierung zu minimieren oder zu optimieren zugunsten der Menschen, die Sie mögen und schätzen? Bei allen meinen Investments und Projekten steht immer das Team im Fokus. Eine Firma oder eine Gesellschaft ist immer nur so gut, wie die Firma oder die Gesellschaft, mit der man das Projekt angeht. Es gibt kein «gutes Produkt» oder einen «guten Markt». Das Einzige, was zählt, ist das Team. Es ist wichtig, dass man den Menschen sieht und nicht nur den Mitarbeiter. Man kann mit all den Collaboration-Tools viel unterstützen und optimieren, aber letztlich ist es das Team, das unabhängig davon funktionieren und harmonieren muss. Im Team ist es unabdingbar, den Menschen hinter der E-Mail-Adresse oder dem Slack-Namen zu kennen. Das Team und die Menschen dahinter kann man nicht auf Distanz oder in einer Video- oder Telefonkonferenz spüren. Darum nutze ich bewusst persönliche Begegnungen und Aktivitäten. Dafür braucht es auch technologie-befreite Zeit. Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, 5G, Blockchain, Smart Cities und generell die Cloud führen dazu, dass die Vernetzung, die «Vergläserung des Menschen» und der Stromverbrauch rasant zunehmen. Wie stufen Sie als voll digitalisierter Nomade die Security- und Privacy-Thematik und als ökologieinteressierter Minimalist die Ökonomie ein? Ja, ich bin sehr gläsern im Internet. Zu einem Teil eher bewusst und zu einem Teil mitunter unbewusst. Ich sehe es als grosse Chance, dass uns Blockchain-basierte Anwendungen die Datenhoheit zurückgeben. Bei einer auf Blockchain basierenden Identität könnten etwa nur noch abstrahierte Daten freigegeben werden. Ein Beispiel: Wenn ich zeigen muss, dass ich über 18 Jahre alt bin, könnte das eine Smart-Contract-Anwendung beweisen, ohne mein Geburtsdatum oder meine Staatsangehörigkeit preiszugeben. Und zu Ihrer Frage zum Zusammenspiel von Ökologie und Ökonomie: Zum einen müssen wir einen Weg finden, erneuerbare Ressourcen öfters und besser zu nutzen. Auf der anderen Seite müssen wir herausfinden, wann uns das Aufgeben eines Teils unserer Privatsphäre etwas wert ist, und dann wie viel. Gewisse Businessmodelle, die wir täglich nutzen, wären ohne personalisierte Werbung nicht möglich. Glauben Sie, dass die Digitalisierung die Gesellschaft zum Umdenken bewegen wird? Wird sich der minimalistische David gegen den konsumgetriebenen Goliath behaupten können? Meine persönliche Erfahrung ist, dass sich Digitalisierung www.netzwoche.ch © netzmedien ag 06 / 2019

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