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PolarNEWS Magazin - 27 - D

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Text: Peter Balwin An

Text: Peter Balwin An diesem windstillen Tag irgendwo an der Ostküste Grönlands flimmert die erwärmte Sommerluft besonders stark über der prächtig grünen Tundra. Tief gebeugt unter der Last seines Trekkingrucksacks stolpert ein Wanderer über das unebene, weglose Gelände. Vor seinem schweissbedeckten Gesicht tanzen Myriaden von Mücken. Geplagt und verärgert bleibt der Wanderer stehen und will den Mückenschwarm händewedelnd verscheuchen – vergeblich. Da bemerkt er weit entfernt eine weisse Gestalt mitten im grünlichen Geflimmer. Sie steht wie eine Marmorsäule auf einem Tundrahügel. Ein Geist aus einer Inuit- Legende? Vergessener Abfall einer Expedition? Der Wanderer geht vorsichtig auf die Gestalt zu, doch da breitet die «Säule» ihre mächtigen Schwingen aus und hebt ab: Es ist eine Schnee-Eule – sie steuert lautlos und zielgerichtet auf einen Punkt in der knöchelhohen Vegetation zu, streckt ihre Füsse mit gespreizten Krallen nach vorne und erbeutet einen Lemming. Lange zappelt der kleine Nager nicht, während die Schnee-Eule mit ihm in den Fängen wegfliegt. Hat sie ein Nest in der Nähe, in dem Küken auf Nahrung warten? Und wie viele Stunden hat sie auf ihrem Aussichtspunkt auf Beute gewartet? Klar ist: Der Wanderer ist gerade einem der attraktivsten und faszinierendsten Tiere dieser kalten Weltregion begegnet. «Schnee-Eulen sind die Extremisten unter den Eulen: Sie sind rätselhaft und auffällig, zaghaft und scheu, aber auch furchtlos; manchmal fressen sie gierig, dann wieder fasten sie für eine lange Zeit.» – So beschreiben die beiden Forscher Eugene Potapov und Richard Sale diesen arktischen Beutegreif in ihrer Monographie «The Snowy Owl». Beliebt und berühmt Schnee-Eulen nennen einen der extremsten Lebensräume der Erde ihr Zuhause, die Arktis. Zusammen mit Elfenbeinmöwe, Walross, Moschusochse, Narwal und Eisbär gehören sie zu den Charaktertieren dieses eiskalten Lebensraumes. Dabei gehören sie weltweit zu den wenigen Vögeln, die man nicht mit einer ähnlichen Vogelart verwechseln kann. Und sie sind berühmt: Sogar Bewohner von Tropeninseln erkennen eine Schnee- Eule auf Anhieb. Allerdings hat da die Filmindustrie mächtig nachgeholfen mit den Harry-Potter-Filmen: Die Schnee- Eule Hedwig ist der treue Begleiter des Filmhelden... Schön für die Fantasy-Welt. Wer in der Realität eine Schnee-Eule sehen will, muss weit hinauf in die Arktis reisen und doppelt Glück haben: Schnee- Eulen sind Einzelgänger, und sie halten grossen Sicherheitsabstand. Aber wenn, dann trifft man die Eule in ihren Brutgebieten von der arktischen Baumgrenze an nordwärts – in der Tundra. Im Süden zieht die Vegetation eine zweite Grenzlinie: Südlich der Buschtundra brüten keine Schnee-Eulen mehr. Besonders dicht besiedelt sind die kanadischen Arktisinseln, die russische Taimyr-Halbinsel, die Neusibirischen Inseln sowie die Wrangel-Insel. In Grönland kommt sie entlang der menschenleeren Ostseite vor bis hinauf zur Nordküste. In Spitzbergen/Svalbard werden Arktisreisende allerdings vergeblich nach dieser Eule suchen; sie ist zwar als gelegentlicher Besucher (wahrscheinlich von der Taimyr-Halbinsel her) vermerkt, kann Bild vorherige Seiten: pchoui / iStock 18 PolarNEWS

Das Daunenkleid der Jungvögel ist zur besseren Tarnung der Farbe des Bodens angepasst. angewiesen ist. Anderseits, und das ist der springende Punkt, schwankt der Bestand an Schnee-Eulen mit dem Sein oder Nichtsein der Lemminge. Denn deren Population bricht im festgelegten Rhythmus regelmässig zusammen (siehe POLAR- NEWS Nr. 9, Mai 2009). Deshalb kann alle vier bis zehn Jahre ein aussergewöhnlich schlechtes Jahr für die Schnee- Eule auftreten. Dann brütet sie in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet nicht. Bild: Karupelv Valley Project / Johannes Lang aber auf Svalbard nicht brüten, weil Kleinsäuger wie der Lemming, ihre Hauptnahrung, fehlen. Wie viele gibt es eigentlich? Doch wo immer Schnee-Eulen verbreitet sind, ihre Zahl nimmt ab. Ursprünglich schätzte man die Weltpopulation auf 300’000 Individuen, davon allein 140’000 in Nordamerika. Neuerdings gehen kritischere Schätzungen von nur noch rund 14’000 Brutpaaren aus, sogar von bloss 7000 bis 8000 Paaren ist die Rede. Dies ist der Grund, weshalb die Schnee-Eule von der Weltnaturschutzunion IUCN als bedroht bezeichnet und in der Kategorie «gefährdet» (vulnerable) aufgelistet wird. Der Grund für derart variierende Zahlen: Eine Volkszählung bei den Schnee-Eulen ist schwierig. Einerseits ist der grösste Teil des hochnordischen Brutgebietes derart abgeschieden und weitläufig, dass man auf blanke Hochrechnungen und/ oder Zählungen aus dem Winterquartier Auf dem Rückzug Solche zyklischen Bestandsschwankungen führten zum Beispiel in Ostgrönland dazu, dass Forscher während einer Lemming-reichen Phase von 13 Jahren insgesamt 189 Schnee-Eulen-Küken zählten – in einem fast gleich langen Zeitraum mit ganz wenigen Lemmingen waren es nur 11 Jungvögel. Ähnlich markant geht es auf der 70’000 Quadratkilometer grossen Banks-Insel im kanadisch-arktischen Archipel zu und her: In guten Lemmingjahren gibt es dort bis zu 20’000 Schnee-Eulen, aber nur 2000, wenn der Lemmingbestand eingebrochen ist. Die Lemminge erklären aber noch nicht die ganze Geschichte: In Fennoskandien, dem arktischen Teil Skandinaviens plus der Kola-Halbinsel und Karelien, schätzen Experten den Brutbestand aktuell auf kaum noch 50 Paare – obwohl zwei Lemming-Spitzenjahre zu verzeichnen waren. Zum Vergleich: Das letztmals verzeichnete Schnee-Eulen-Rekordjahr war 1978; damals brüteten allein in Schweden und Norwegen immerhin noch gegen 200 Paare. In Finnland nahm die Anzahl der Schnee-Eulen-Beobachtungen im Winter und Frühling in den letzten zwei Jahrzehnten um etwa 60 Prozent ab. Ähnlich tönt es aus Nordamerika: Seit 1970 wird der Rückgang mit 64 Prozent angegeben. Diese Zahlen zeigen: Es gibt immer weniger Schnee-Eulen in der Arktis, der Bestand nimmt ab. Noch fachsimpeln die Experten über die Dramatik dieses Bestandseinbruchs – sollte es in diesem Ausmass weitergehen, dann wird diese Eule, die heute in der Kategorie «gefährdet» zu finden ist, auf der globalen Roten Liste wohl bald als «stark gefährdet» (endangered) klassifiziert. PolarNEWS 19

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