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PolarNEWS Magazin - 7

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Da war noch klar Schiff:

Da war noch klar Schiff: Die «Explorer» vor der Antarktischen Halbinsel. Baujahr 1969, Tiefgang 4,2 Meter, 72,8 Meter lang, 14 Meter breit. Geschwindigkeit: 11 Knoten. Von Peter Kunz (Text und Bilder) und Arne Kertelhein (Bilder) Nach elf Uhr gehen meine Partnerin Dora und ich zu Bett. Wir hören in der Kabine, wie schon so oft, wie das Eis kratzend um den Bug herum gedrückt und weggepresst wird. Zweimal allerdings knallt es so laut, dass wir uns fragen, ob wir diese Nacht werden schlafen können. Ich habe eben das Licht gelöscht, als die Alarmglocke das Notsignal gibt. Was ist los? Es folgt die Laut sprecher durchsage des Kapitäns: Be sammlung mit Schwimm - westen im offiziellen Meeting point im obersten Aufenthalts raum, wie am ersten Tag geübt. Einige Minuten später folgt der beruhigende Durchsage-Zusatz, es sei im untersten Deck aus noch unbekannter Ursache etwas Wasser eingedrungen, die Pumpen seien jedoch aktiviert worden; aus Sicher - heitsgründen möge man sich aber dennoch ankleiden und sich aufs obere Deck begeben. Meine Partnerin Dora ist ziemlich rasch bereit und eilt nach oben. Ich dagegen bin etwas verärgert: Ich weiss zwar, dass Sicher - heit hier stets das oberste Gebot ist und allen anderen Überlegungen vorangestellt wird. Aber mitten in der Nacht ist’s lästig, weil es jetzt wohl zwei bis drei Stunden dauern wird, bis wir in unsere Kabine zurück können. Ich lasse mir deshalb Zeit und kleide mich voll an, wie für einen Zodiakausflug mit Stiefeln und dicker Jacke. Denn falls wir aufs Freideck müssen, wird’s kalt. Ich gehe in den Korridor und schaue im Treppenhaus hinunter zum unteren Kabinendeck: Da steht tatsächlich etwa eine Handbreit hoch Wasser im Gang. Ich suche in unserer Kabine also noch die Chips hervor, auf denen alle Fotos unserer Reise gespeichert sind, und greife zu den Pillen, die ich täglich einnehmen muss. Sicher ist sicher. Am Besammlungsort herrscht eine sonderbare Stimmung. Einige sind sehr still, andere machen Spässe. Es herrscht Unsicherheit. Die Crew beantwortet Fragen und regt an, Witze ins Mikrofon zu sprechen – man kennt sich ja mittlerweile recht gut. Mit den voluminösen Schwimmwesten, die wir anziehen müssen, sind deren Träger in ihrer Be - wegungs freiheit eingeschränkt, man kann damit kaum bequem sitzen. Die Situation ist nicht extrem angespannt: Alle glauben, bald wieder in der Kabine zu sein, um so mehr, als der Kapitän nun persönlich erscheint und versichert, dass die Pumpen funktionieren und das Wasser zurückgeht. Ich lege mich in einer dunklen Ecke auf den Boden und versuche zu dösen, nachdem ich das verantwortliche Crewmitglied informiert habe, dass es mir gut geht, dass ich nur müde bin. Das nächste, was ich mitbekomme, ist die Meldung, dass es sich beim Schaden am Schiff zwar nur um ein faustgrosses Leck handle, dass die Pumpen aber dennoch Mühe hätten, das eindringende Wasser wieder hinauszubefördern, denn das alte Schiff hat keine Doppelwandung. Einer der Passagiere erzählt, er sei erwacht, als es ihm auf den Kopf tropfte und das eiskalte Wasser schon knöcheltief im Kabinenboden stand. Dann geht es nicht mehr lange, bis der Kapitän wieder persönlich erscheint und informiert, dass er – natürlich nur aus Sicher - heitsgründen – «Mayday» abgegeben hat. Dieser Funkspruch, erklärt er, werde global ausgesendet, er habe Reaktionen sogar aus dem Mittelmeer erhalten. Ein Schwester - schiff der «Explorer» sei 10 Stunden entfernt, zwei andere nur etwa 5 Stunden. Sie alle hätten ihren Kurs geändert und eilten herbei. Zurück in die Kabine Doch sowas tut man nicht nur sicherheitshalber, sondern meiner Meinung nach nur im Ernstfall. Okay: Ab jetzt wird’s konkret... Die Leute werden leiser. Das Schiff liegt schon bedenklich schräg im Wasser. Ich will aufs Salondeck hinunter zur Toilette, was eine Sondererlaubnis vom Personal erfordert, da niemand mehr zu den unteren Decks darf. Ich kriege die Erlaubnis. Die quer im Schiff liegende Treppe ist inzwischen enorm steil geworden. Tatsächlich will ich jedoch zu unserer Kabine hinunter, um den Tresorschlüssel zu holen, denn dort liegt unsere ganze Barschaft. Über die Treppen und durch die Korridore auf dem Kabinendeck ziehen sich Schläuche, Mann - schaft rennt herum, im untersten Deck steht 16 Polar NEWS

das Wasser jetzt deutlich über einen Meter hoch. Das sieht nicht gut aus... In unserer Kabine angelangt, ziehe ich, um den Rucksack zu durchwühlen, die störende Schwimmweste aus, finde endlich den Tresorschlüssel, schmeisse noch einige nützliche Dinge in den Rucksack – da wird’s plötzlich stockdunkel. Schlechtes Zeichen. Die Maschine oder wenigstens die elektrische Anlage steht unter Wasser, das verschärft die Situation erheblich. Nur noch im Dunkeln den halboffenen Rucksack schnappen. Ich taste mich zur Treppe, und dann rasch hinauf. Als ich im Salondeck ankomme, brennt wieder Licht. Ich stosse auf den Purser, wie der Versorgungsoffizier in der Schiffssprache heisst, und bitte ihn, zusammen mit seinem Schlüssel meinen Tresor zu öffnen. Doch dafür hat er nun gar kein Musikgehör: keine Zeit! Die Wertsachen aller Passagiere werden aufgegeben! Wieder am Meetingpoint, sehe ich, dass die vier Rettungsboote bis zum obersten Deck hinuntergelassen und für die Evakuation bereitgestellt worden sind. Mit Schrecken stelle ich ebenfalls fest, dass ich meine Rettungsweste in der dunklen Kabine liegengelassen habe. Hinunter kann ich nicht mehr, und ein Ersatz ist nicht aufzutreiben hier oben. Immer mehr Schlagseite Immerhin: Ich entdecke eine Weste für Zodiakboote, die zwar viel kleiner ist als die Rettungs-Schwimmwesten, aber mir dafür mehr Bewegungsfreiheit gibt. Das macht allerdings kaum einen Unterschied: Wer hier ins Wasser fällt, ist nach spätestens drei Minuten ohnehin weggetreten, mit oder ohne Weste. Das Schiff hat nun merklich mehr Schlag - seite. Wie ich später erfahre, dringt wegen Kurz von Mitternacht rammt die «Explorer» wahrscheinlich einen Eisberg und schlägt leck. Es dringt mehr Wasser ins Schiff, als die Pumpen wieder rausbefördern können. der extremen Schräglage Wasser durch die Toiletten ins obere Kabinendeck, sozusagen aus vollen Rohren. Als der Kapitän, nachdem auch die Steuerung ausgefallen ist, «abandon ship» erklärt, besetzen wir die Rettungs boote. Das geht ganz unspektakulär, ohne Panik und nach dem System «first come, first served». Glücklicherweise stehen wir im Besammlungsraum vorne bei der Türe. Es gibt kein Gedränge und keine Panik, aber der Rucksack wird mir weggenommen: Mit allen Klamotten am Leibe und mit den Schwimm westen wird’s ohnehin grauenhaft eng. Im Rettungsboot sitzen 35 Passagiere so eng zusammen wie Kaiserpinguine während der Brutzeit – und das ist vorteilhaft. Denn der Wind bläst kalt. Nach zwanzig Minuten werde ich langsam unruhig. Wieso lässt niemand unser Boot zu Wasser? Bei dieser Schräglage können wir schon längst nicht mehr senkrecht hinunter gelassen werden, sondern nur dem Bug entlang hinunterschaben. Sofern das überhaupt noch geht! Nur ein Boot funktioniert Einige Philippinos aus der Mannschaft werkeln ununterbrochen am Motor unseres Bootes. Mal geht wieder einer weg, mal kommt einer. Später erfahren wir die Ur - sache: Obwohl vor jeder Fahrt routinemässig alle Boote geprüft werden, lässt sich ausgerechnet jetzt von den vier Booten der «Ex plorer» nur in einem einzigen der Motor starten... Der Kapitän will die Boote aber erst wassern, wenn die Motoren laufen, damit sie auf dem Wasser sofort vom Schiff wegkommen. » Eilt mit voller Kraft dem Unfallort entgegen: Die «Endavour» ist zum Zeitpunkt des Unfalls 150 Kilometer von der «Explorer» entfernt. Polar NEWS 17

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