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TOUR OF CALIFORNIA

TOUR OF CALIFORNIA ETAPPE 3: STERNCHEN IN STREIFEN Als D. H. Lawrence schrieb, Kalifornien sei „absolut selbstbezogen, sehr leer, aber nicht falsch und zumindest nicht voller falscher Bemühungen“, hätte er über Ausreißer bei Radrennen schreiben können. Die Kalifornien-Rundfahrt 2019 ist erst zwei Tage alt, aber da die Hierarchie in der Gesamtwertung auf der Etappe nach South Lake Tahoe etabliert wurde und die Sprinter am ersten Tag ihre Chance hatten, können sich Kletterer und Sprinter den Parcours der 3. Etappe anschauen und zu dem Schluss kommen, dass es nichts für sie ist – eine Mittelgebirgsetappe mit ein paar Hügeln und gleichmäßigen Anstiegen, wovon der höchste der 1.274 Meter hohe Mount Hamilton ist. Zu viele Berge für die Sprinter, nicht genug Berge für die Kletterer: daher ein Tag, an dem die Ausreißer durchkommen könnten. Zwei Fahrer gehen aus dem Vorgeplänkel an den ersten Anstiegen hervor. Deceuninck-Profi Rémi Cavagna und Alex Hoehn vom US-Nationalteam. Das Arbeitsarrangement scheint zu sein, dass Hoehn die Bergpunkte und Cavagna den Etappensieg holt. Das funktioniert, bis der Mount Hamilton (HC-Kategorie) kommt, wo Hoehn seinem WorldTour-Rivalen nicht mehr folgen kann. Cavagna bleibt nichts anderes übrig, als an sich selbst zu denken und alleine weiterzufahren. Trotz einiger haariger Momente in den Abfahrten gewinnt Cavagna die Etappe mit sieben Minuten Vorsprung; Hoehn versucht, sich auf den zweiten Platz zu retten, wird aber auf den letzten Kilometern vom Peloton eingeholt und landet auf einem nichtssagenden 63. Platz. Nach der Etappe lässt Hoehn sein Rad ausrollen, um sich von einem Masseur in Empfang nehmen zu lassen, und selbst das Bremsen scheint zu viel für ihn zu sein. „Mir tut der Magen so weh“, sagt er und erklärt, dass er sich mit Koffeingels verpflegt hat, um das Feld auf Distanz zu halten. Als er unter Schmerzen absteigt, das Trikot mit Salzrändern bedeckt, stöhnt er: „Nichts tut nicht weh. Alles tut weh. Ich habe überall Krämpfe.“ Er musste sich zu einem weiteren schmerzhaften Schritt zwingen, die Stufen hoch zum Podium, um das Bergtrikot überreicht zu bekommen, das er einen weiteren Tag lang tragen darf. Er wird es an Astana-Profi Davide Ballerini verlieren, aber auf der letzten Etappe nach Pasadena wird Hoehn als kämpferischster Fahrer des gesamten Rennens geehrt. Das US-Team wuchs bei der Kalifornien-Rundfahrt über sich hinaus. Die Mischung aus Lokalmatadoren und U23-Fahrern hatte nicht die Feuerkraft oder das Gewicht der WorldTour-Teams, auch nicht den Zusammenhalt oder die Vertrautheit der ProConti- und Nachwuchsteams. Aber Hoehn sagte nach der letzten Etappe, dass sie erhobenen Hauptes aus dem Rennen gehen könnten. „Wir sind ohne Siegeserwartungen in das Rennen gegangen, aber dass wir mit diesem Trikot daraus hervorgehen, zeigt, dass wir uns mit den Besten der Welt messen können.“ Sie waren auch dicht dran an einem Etappensieg, als Travis McCabe in Sacramento Zweiter hinter Sagan wurde. Aber kaum, dass sie zusammengekommen waren, gingen die Fahrer des US- Teams wieder getrennte Wege. Hoehn beendete in diesem Jahr seine letzte Saison als U23-Fahrer für das Aevolo-Team. „Ich weiß nicht, was ich nächstes Jahr mache. Ich habe kein Team. Ich will weiter Rennen fahren und ich will weiter gegen die Besten der Welt fahren“, sagt er. „Hoffentlich passiert etwas.“ 64 PROCYCLING | AUGUST 2019

TOUR OF CALIFORNIA ETAPPE 4: DIE LEBENDE STRASSE Der Pacific Coast Highway, auch California State Route 1 genannt, ist ein Meisterwerk der Straßenbaukunst und ein Band, das sich Hunderte von Meilen an der kalifornischen Küste entlangzieht. Die Pazifikküste ist lebendig und ändert sich ständig. Die volle Kraft des Ozeans wirkt auf sie ein, während starke Regenfälle, wenn sie dann kommen, die Erde aushöhlen und kleine und große Erdrutsche verursachen. Die Straße ist eine permanente Baustelle, ihr vollendeter Zustand ist, dass sie unvollendet ist. Es heißt, dass der Moment, um die Forth Bridge neu zu lackieren, gekommen war, als die letzte Farbschicht aufgetragen war, und als das letzte Stück Pacific Coast Highway gebaut war, war es an der Zeit, am nächsten zu arbeiten. Die Kalifornien-Rundfahrt über die Route 1 zu schicken ist – wie Eric Smith, der Technische Direktor des Rennens, mir sagt – eine der größten logistischen Herausforderungen der Woche. „Die Straße verändert sich von Woche zu Woche“, sagt er. „Ich bin sie 50 Mal gefahren, und kein einziges Mal gab es dort keine Baustelle. Es gibt Schlaglöcher und Zeug, das auf die Straße fällt … Wir haben eine kleine Armee von Leuten, die mit Besen, Schaufeln, Asphalt und Farbe vor dem Rennen hereilt, falls es ein großes Schlagloch gibt, das wir nicht reparieren können. Wir machen die Straße so jungfräulich wie möglich für die Fahrer.“ Die Route 1 ist auch eine der schönsten Strecken im Radsport. Ich hätte am liebsten überall angehalten, um das Rennen vor spektakulärer Kulisse vorbeirollen zu sehen. Am Ende entschied ich mich für einen Parkplatz auf einer hohen Klippe, von wo ich sehen konnte, wie sich die Straße durch vier oder fünf Buchten schlängelte – gleich südlich von Big Sur. So konnte ich verfolgen, wie sich das Rennen aus mehreren Meilen Entfernung näherte, bemerken, wie klein es aussah neben den gewaltigen Anhöhen auf der einen Seite und der enormen Ausdehnung des Pazifiks auf der anderen. Aus dieser Entfernung war das Peloton fast unsichtbar, und dass es sich näherte, konnte ich nur aus dem weit entfernten Knattern des Fernsehhubschraubers und dem Schimmern der Scheinwerfer der Begleitfahrzeuge schließen. Die Sonne kam durch, nachdem es stark geregnet hatte, daher war das Meer an den flacheren Stellen türkisfarben. Jedes Mal, wenn das Rennen hinter einem Felsvorsprung verschwand, trat es klarer wieder hervor, wenn es sich wieder in mein Blickfeld schob, bis zuerst eine kleine Ausreißergruppe und dann das Peloton vorbeisausten. Das Feld war in die Länge gezogen. Das Rennen selbst war im Großen und Ganzen nicht aufregend, als könnte es nicht mit der Großartigkeit der Landschaft mithalten. Es sah wie eine klassische Ausreißer-Verfolgungs-Sprintetappe aus, und so erledigte das Peloton die ersten beiden Teile des Jobs. Aber die Ingenieure der Route 1 werden Ihnen raten, nie davon auszugehen, dass ein Job vollendet ist: Ein Akt Gottes kann alles verändern. Und als Tejay van Garderen, der Spitzenreiter, in einen Sturz verwickelt war, bevor es auf den letzten zehn Kilometern einen weiteren Sturz gab, verlor er erst das Trikot und wurde dann wieder eingesetzt, nachdem beschlossen worden war, dass der zweite Sturz nah genug an der Drei-Kilometer-Marke war, um allen Betroffenen dieselbe Zeit zu geben wie dem Sieger. Dass van Garderen praktisch nicht in der Gruppe war, als der zweite Sturz passierte, schien der Aufmerksamkeit der Jury entgangen zu sein. Manchmal, wenn Unvorhergesehenes passiert, flicken sie es einfach, so gut sie können, zum Guten oder Schlechten. AUGUST 2019 | PROCYCLING 65