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L E T O U R 20 19

L E T O U R 20 19 THIBAUT PINOT Unter Tränen steigt Pinot ins Teamauto, nachdem er realisieren muss, dass seine Tour vorbei ist. worten und seine Körpersprache auf der Pressekonferenz suggerierten, dass er keinerlei Zweifel an seiner Fähigkeit hatte, die Tour zu gewinnen – er war sehr sachlich in seinem Selbstvertrauen, nicht defensiv. Madiot, der neben ihm saß, sagte: „Wir sind Zen.“ ‚Zen‘ wäre das letzte Adjektiv, das man benutzen würde, um Madiot – der gefilmt worden war, wie er sich bei Pinots Sieg am Tourmalet die Seele aus dem Leib schrie – zu charakterisieren, aber bei der diesjährigen Tour strahlte Groupama eine ruhige Zuversicht aus. Pinot hat sich wirklich verändert. Man könnte sagen, dass sein Kopf seine Beine eingeholt hat – der Mann, der mit 22 Jahren eine Tour-Etappe gewann, war abseits der Straße immer noch ein Junge. Aber jetzt, nicht mehr still und feindselig, fuhr er wie ein Toursieger und benahm sich auch wie einer. „Das Erste, was Sie über Thibaut wissen müssen, ist, dass er ein sehr spontaner Junge ist“, sagte Elisa Madiot, die Pressesprecherin des Teams, zu Procycling. „Als Person und Athlet würde er nie etwas tun, was er nicht will. Er tut, wonach er sich fühlt, und als Athlet hat er ein sehr gutes Gespür für ein Rennen. Er spürt die Situation – er ist der Beste, den ich je gesehen habe. Andererseits, wenn er etwas nicht will, kannst du alles versuchen, aber er wird es nie tun.“ Sie sagt weiter: „Als er jünger war, konnte er nicht verstehen, warum die Leute so interessiert an ihm waren, er hatte Angst vor den Erwartungen an ihn, und er wollte nicht, dass sich sein Leben verändert. Er ist gerne mitten in der Natur mit seinen Tieren und niemandem um ihn herum. Aber er beginnt zu verstehen, dass es seine Nachteile hat, ein erfolgreicher Sportler zu sein, und es ist Teil des Lebens, das er sich ausgesucht hat.“ Sein Bruder Julien, der zum Trainerstab von Groupama gehört, bestätigt, was Elisa Madiot sagte. „Als er jung war, behielt Thibaut seine Meinung immer für sich. Er mochte es nie, eingeschränkt zu werden; er lässt sich nicht gerne managen. Er will seine Entscheidungen immer selbst treffen und nicht auf Leute hören, die ihn in eine Schublade stecken wollen, sei es in der Schule oder in seinem Radsportteam“, sagte er. „Aber andererseits hat er eine Reflexionsfähigkeit, dank derer er einen Fehler sehr selten zweimal macht.“ AUS DEM RAMPENLICHT Pinot stand 2019 nie mitten im Fokus der französischen Erwartungen. Alaphilippe, ein viel gewinnenderer und extrovertierterer Charakter, der sich in seiner Haut vollkommen wohlzufühlen schien, trug fast zwei Wochen lang das Gelbe Trikot und absorbierte viel von der Aufmerksamkeit, die Pinot zuteilgeworden wäre, wenn er als einziger Franzose nahe der Spitze der Gesamtwertung gewesen wäre. Angesichts seiner spritzigen Angriffe, seines Siegs im Zeitfahren und starker Vorstellungen in den Pyrenäen war die größte Frage, die das französische Publikum sich stellte: Kann Alaphilippe die Tour gewinnen? Aufgrund der in Albi verlorenen Zeit kam Pinot nie näher als eine Minute an das Gelbe Trikot heran. Es war fast, als wüssten das französische Publikum und die Presse, dass sie ihn, wenn sie zu sehr darauf hofften, dass Pinot gewinnt, mit Druck überladen würden; und es gab die nagende Furcht, dass irgendetwas irgendwie bei ihm schiefgehen würde … wie immer. Die Aussicht auf einen ersten französischen Sieger seit 34 Jahren hätte die Nation in Ekstase versetzen sollen – unter den gegebenen Umständen war sich das Publikum zwar bewusst, dass etwas Besonderes passierte, folgte aber Alaphilippes Beispiel und nahm die Tour Tag für Tag. (Pinots Bruder Julien behauptete, der erste französische Sieger seit Jahren zu sein, sei nicht ausschlaggebend; sie wollten nur die Tour gewinnen. „Der erste französische Sieger seit Hinault zu sein, belastet uns nicht. Es ist uns egal“, sagt er zu Procycling. „Die Journalisten interessiert es. Uns? Pah.“) Doch Pinot versteckte sich nicht. „Bei Thibaut geht es mehr um Emotionen als um Action“, sagte Madiot dem Daily Telegraph während der Tour. Seine Angriffe in Saint-Étienne, am Tourmalet und Prat d’Albis erinnerten an die Frankreich- Rundfahrten in den Zeiten vor Ineos/Sky, vor Armstrong und vor Indurain und ver- 102 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

L E T O U R 20 19 THIBAUT PINOT ETAPPE 15 SONNTAG, 21. JULI LIMOUX › FOIX PRAT D’ALBIS 185,5 KM William Bonnet tröstet Pinot, als der Schmerz seiner Verletzung zu stark ist, um weiterzufahren. zauberten die einheimischen Fans ebenso sehr wie die neutralen Zuschauer. Er nahm uns alle mit in schwindelerregende Höhen, daher war es nur natürlich, dass wir seinen Schmerz mitfühlten, als er hart auf der Erde aufprallte. Viele Jahre bewahrte Pinot eine gewisse Distanz zum französischen Publikum, erst durch öffentliche Bekundungen von mangelndem Selbstvertrauen, dann dadurch, dass er dem größten Rennen seines Heimatlands die kalte Schulter zeigte und es vorzog, sich auf neutralem Terrain in Italien oder Spanien zum Ausdruck zu bringen. 2019 gestattete er den französischen Fans zumindest, sich von ihnen in guten wie in schlechten Zeiten in die Arme nehmen zu lassen. Ob Pinot davon profitiert oder nicht, ist fraglich – die französische Presse schlachtete seine Qualen in Tignes weidlich aus, und die Erwartung schien zu sein, dass sein Martyrium öffentlich und schmerzvoll sein sollte. Aber die breitere Geschichte war eine positivere. Pinot hatte endlich die Tour wiederentdeckt – er versprach, sich von nun an darauf zu konzentrieren, das Gelbe Trikot zu gewinnen. Die Tour hat Thibaut Pinot immer geliebt, aber er hat lange gebraucht, diese Liebe zu erwidern. Als sich die Tour dem Fuße des Prat d’Albis näherte, öffnete der Himmel seine Schleusen. Zwei Wochen lang war das Peleton weitgehend von Regen verschont worden, aber jetzt, als sich der letzte Anstieg der Pyrenäen näherte, kam es zu einem heftigen Regenguss. Die Stadt Foix im Tal war durchnässt, während niedrig stehende Wolken und Nebel die Gipfel geheimnisvoll ver - deckten. Jeder machte sich Gedanken, was wohl oben zu erwarten sei. Da die GC-Fahrer am Tourmalet die Kontrolle behalten hatten, wurde eine große Ausreißergruppe mit 36 Fahrern ziehen gelassen, um um den Tagessieg zu fahren. Simon Yates hatte bei den ersten drei Anstiegen des Tages abgewartet, bis die Gruppe allmählich kleiner wurde. Als Simon Geschke an der Mur de Péguère vorausging, fuhr Yates die Lücke zu und zog schließlich von dannen. Er jagte solo den letzten Anstieg hinauf und holte seinen zweiten Sieg. Als die GC-Fahrer am Prat d’Albis eintrafen, erwies sich Thibaut Pinot zum zweiten Mal in Folge als der beste Kletterer des Rennens. Er ging an der steilen, neunprozentigen Steigung sechs Kilometer vor dem Ziel aus dem Sattel und keiner seiner Konkurrenten konnte folgen. An der Linie hatte er weitere 1:16 auf das Gelbe Trikot gutgemacht. Nur 2:14 lagen jetzt zwischen den ersten sechs Plätzen und der Sieger stand noch in den Sternen. ETAPPENERGEBNIS 1 Simon Yates Mitchelton-Scott 4:47:04 2 Thibaut Pinot Groupama-FDJ +0:33 3 Mikel Landa Movistar gl. Zeit GESAMTWERTUNG 7Anzahl der Grand-Tour- Etappensiege von Pinot SEINE ANGRIFFE IN SAINT-ÉTIENNE, AM TOURMALET UND PRAT D’ALBIS ERINNERTEN AN DIE ZEITEN VOR INEOS/SKY, VOR ARMSTRONG UND VOR INDURAIN UND VERZAUBERTEN DIE EINHEIMISCHEN FANS EBENSO SEHR WIE DIE NEUTRALEN ZUSCHAUER. 1 Julian Alaphilippe Deceuninck–QS 61:00:22 2 Geraint Thomas Team Ineos +1:35 3 Steven Kruijswijk Jumbo–Visma +1:47 PUNKTEWERTUNG 1 Peter Sagan Bora–hansgrohe 284 2 Sonny Colbrelli Bahrain Merida 191 3 Michael Matthews Team Sunweb 187 SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 103