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L E T O U R 20 19 SIMON

L E T O U R 20 19 SIMON YATES S imon Yates steht auf und schüttelt sein Trikot von der Brust weg, um etwas kühle Luft zirkulieren zu lassen. Es steht ein Klimagerät auf dem Boden des Konferenzraums im dritten Stock des Logis Nîmotel in Nîmes, wo Mitchelton-Scott am zweiten Ruhetag der Tour de France untergebracht ist. Draußen ist das Thermometer auf 37 Grad geklettert. Yates ist zwar in einem australischen Team, aber in diesem sengenden, nicht heimischen Klima ist er immer noch der Junge aus dem englischen Bury. Er lacht, als er dem Team-Pressesprecher sagt, dass er sitzen bleibe, wo er während unseres Interviews saß – nur vor einer Klimaanlage halte man es heute aus. Yates ist guter Dinge, und das ist kein Wunder. Am Tag zuvor hat er seine zweite Etappe bei der Tour gewonnen. Er lächelt, als er sich wieder auf seinen Platz setzt; aufeinanderfolgende Interviews sind nicht anstrengend, wenn man gute Resultate auf seiner Seite hat. Vor sechs Wochen war das noch ganz anders. Yates hatte gerade den Giro d’Italia beendet und war Gesamt-Achter geworden – mit 7:49 Minuten Rückstand auf den Sieger Richard Carapaz. Für andere wäre ein Top-Ten-Platz bei einer großen Rundfahrt ein mehr als respektables Ergebnis, doch nicht für Yates. Er war in Italien angetreten, um den Titel zu holen und die Erinnerungen an zwölf Monate zuvor auszulöschen, als er auf der 19. Etappe, das Rosa Trikot auf den Schultern, entkräftet einbrach. Moralisch gestärkt durch seine erste gewonnene Landesrundfahrt, die Vuelta a España im September, erklärte er mutig, den Giro im Mai gewinnen zu wollen. Auf der Pressekonferenz vor dem Rennen zeigte er selbstsicher und ungeniert auf sich selbst und sagte „ich“, als er gefragt wurde, wer der Favorit sei. Achter zu werden, war nicht sein Plan. Tatsächlich nannte Yates das Resultat „herzzerreißend“. Yates kam dann kurzfristig ins Tour- Aufgebot, um seinen Bruder Adam in der Gesamtwertung zu unterstützen. Simon hatte die Freiheit, auf Etappenjagd zu gehen, insbesondere als Adam die Gesamtwertung abschreiben konnte. Er ergriff die Chance mit beiden Händen und gewann seine ersten beiden Tour-Etappen sicher und souverän, erst auf der 12. Etappe in Bagnères-de-Bigorre aus der Ausreißergruppe heraus, bevor er die Galavorstellung drei Tage später auf der 15. Etappe am Prat d’Albis wiederholte. Wenn Yates’ Glücksbringer beim Giro verloren gegangen war, hatte er ihn wiedergefunden. „Körperlich bin ich sehr gut daraus [dem Giro] hervorgegangen, so gut habe ich mich noch nie von einer großen Rundfahrt erholt“, sagt er zu Procycling, während er mit seinem Silberarmband am linken Handgelenk spielt. „Ich war nie fest für die Tour eingeplant, aber ich habe mich sehr gut regeneriert und bin dann ohne Druck ins Rennen gegangen, es ist eine Kombination, um hier wirklich in guter Form zu starten.“ Yates spielt seine Gefühle nach dem Giro nicht herunter: „Ich bin dort angetreten, um zu gewinnen, daraus mache ich keinen Hehl, und das nicht zu schaffen, war sehr enttäuschend“, sagt er. Aber er will das Resultat abhaken. Er habe danach sofort Urlaub gemacht, wie nach jeder Landesrundfahrt, und nicht viel Zeit zum Grübeln gehabt, wie er sagt. Die Tour lieferte eine willkommene Ablenkung, zumal er mehr Freiheiten hatte und weniger unter Druck stand, als wenn er die Gesamtwertung angepeilt hätte. Stattdessen konnte er an den Tagen, die ihm am meisten lagen, angriffslustig und nach seinem Instinkt fahren, wie er es mag. Die Etappensiege waren eine natürliche Folge. „Ich hatte wirklich Spaß“, sagt Yates. „Wenn es auf das Ende eines Rennens zugeht, spürst du den Druck und willst etwas gewinnen, aber wenn ich etwas versuche und es nicht funktioniert, ist es nicht schlimm, denn mein Ziel war, meinen Bruder Adam zu unterstützen. Ich habe hier nicht wirklich etwas zu verlieren, was mir hilft, glaube ich.“ Am Hourquette d’Ancizan startet Yates die Attacke, die ihm den Sieg auf der 12. Etappe bringen wird. DAS POSITIVE SEHEN Man verliert im Radsport häufiger als man gewinnt. Dass man sich wieder aufrappelt und es erneut versucht, ist also ganz normal. Der Sport ist voller Höhen und Tiefen, doch Yates und sein Mitchelton- Scott-Team scheinen es besser zu verstehen als andere, Enttäuschung schnell in Freude umzumünzen. Beim Giro 2018 ging Mikel Nieve 24 Stunden nach Yates‘ Einbruch am Colle delle Finestre in die Ausreißergruppe und gewann die Etappe. Yates meldete sich nach dem Giro zurück und entschied die Vuelta für sich. Und als er beim diesjährigen Giro keine Chancen mehr auf den Sieg hatte, gewann sein Teamkollege Esteban Chaves die vorletzte Bergetappe (19.). Und jetzt die Tour. Yates’ zwei Siege waren nicht das Einzige, was Mitchelton zu feiern hatte; auch Daryl Impey und Matteo Trentin mischten mit und gewannen die Etappen 8 und 17, ebenfalls aus Ausreißergruppen heraus. Obwohl Adam Yates das Podium weit verfehlte, machten Mitcheltons vier Etappensiege die Tour 2019 zu ihrer erfolgreichsten Auflage überhaupt. Die Reaktion von Sportdirektor Matt White, als Yates seine zweite Etappe gewann, sagte alles. Am Tag vor der 15. Etappe verlor Adam am Tourmalet 6:42 Minuten und rutschte vom 10. auf den 18. Platz ab. Jeder Hauch von Hoffnung auf einen Podiumsplatz war verflogen. Als Simons zweiter Etappensieg MITCHELTON- SCOTTS TOUR-ATTACKEN Alle vier Etappensiege von Mitchelton-Scott bei der Tour entstanden aus Ausreißergruppen. Doch diese Tage waren nicht die einzigen, an denen das Team zum Angriff blies. ETAPPE FAHRER DISTANZ ERGEBNIS 9 Daryl Impey 156 km 1. 12 Simon Yates & Daryl Impey 167 km 1., 6. 15 Simon Yates 147 km 1. 17 Matteo Trentin 194 km 1. 18 Adam Yates 128 km 31. 19 Simon Yates 101 km (2.) 106 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

L E T O U R 20 19 SIMON YATES ETAPPE 16 DIENSTAG, 23. JULI NÎMES › NÎMES 177 KM Die französische Mittagshitze der unbarmherzig brennenden Sonne, die die Kehlen der wartenden Tour-Fans austrocknete und ihnen das Gefühl gab, langsam gebacken zu werden, legte sich über Nîmes. Lethargie machte sich im Peloton breit. Ein nur leichter Wind aus dem Süden brachte nicht die benötigte Abkühlung, und das Feld blieb – von der Hitze wie gelähmt – zusammen. Vielleicht war es aber auch das ungewohnte Format dieser Etappe – sowohl Start als auch Ziel lagen in Nîmes, es war nicht das normale A nach B, das von den Organisatoren geplant wurde. Einer der besten psychologischen Tricks im Umgang mit der gewaltigen Distanz der Tour de France ist, sie in Etappen zu unterteilen, aber im Ziel waren die Fahrer nicht näher an Paris als beim Start. Nach zwei Dritteln des Rennens brach ein Gewitter über das Peloton herein und senkte die hohe Temperatur. In den Tagen zuvor hatte die Hitze die Spritzigkeit der Fahrer gehemmt. Auf dieser flachen Etappe sahen wir nun den zweiten Sprintsieg von Caleb Ewan. Deceuninck führte vorne ab einem Kilometer vor dem Ziel, doch Ewan eröffnete seinen Sprint bei 250 Metern und kämpfte sich vom siebten Platz zu seinem Etappensieg. Die Hitze kehrte schnell zurück, aber die kurze Abkühlung hatte Positives bewirkt. ETAPPENERGEBNIS 1 Caleb Ewan Lotto Soudal 3:57:08 2 Elia Viviani Deceuninck–QS gl. Zeit 3 Dylan Groenewegen Jumbo–Visma gl. Zeit GESAMTWERTUNG 1 Julian Alaphilippe Deceuninck–QS 64:57:30 2 Geraint Thomas Team Ineos +1:35 3 Steven Kruijswijk Jumbo–Visma +1:47 NACHWUCHSWERTUNG 1 Egan Bernal Team Ineos 64:59:32 2 David Gaudu Groupama-FDJ +13:31 3 Enric Mas Deceuninck–QS +42:00 © Gruber Images SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 107