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© Gruber Images 110 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

L E T O U R 20 19 JOURNAL ETAPPE 18 VALLOIRE 25.07.2019 KOLUMBIEN TOTAL GESPANNT eden Tag nimmt eine lautstarke Gruppe von J Ein-Mann-Bands aus lateinamerikanischen Radiosendern ihre Position vor einem Fernseher in einem kleinen weißen Pavillon direkt hinter der Ziellinie ein. Jeder Journalist ist mit kaum mehr als einem Mikrofon und einer starken, unverwechselbaren Stimme ausgestattet. Wenn einer ihrer Landsmänner im Peloton angreift, ist es, als hätte eine Gänseschar einen Fuchs erblickt: Alle sprechen auf einmal los, um die Fans zu Hause live auf dem Laufenden zu halten. Am Ende der 18. Etappe, als der Teer fast schmolz und die Ohren in der Sonne kribbelten, die auf die Avenue de la Vallée d’Or in Valloire brannte, nahm die Lautstärke zu, als Nairo Quintana die Überlebenden der Ausreißergruppe an den Oberhängen des Galibier, weit oberhalb des Col du Lauteret, angriff. Kurz darauf wurde das Dach des Pavillons praktisch heruntergerissen, als der Golden Boy des Landes, Egan Bernal, die Gruppe um das Gelbe Trikot angriff und niemand, nicht Thibaut Pinot, nicht Steven Kruijswijk, nicht Emanuel Buchmann und nicht sein Teamkollege Geraint Thomas, folgen konnte – auch wenn der Waliser es versuchte. Ein Kolumbianer für den Etappensieg und ein anderer, der in der Gesamtwertung vom fünften auf den zweiten Platz marschiert … für die Radioreporter gab es viel zu berichten. Quintana kam mit einem purpurroten Fleck auf seinem Trikot über die Linie. Blut, flüsterten alle. Woher sollte es kommen? Ein verschüttetes Energiegel erwies sich als wahrscheinlicher. Thomas zog die Medien so stark an, wie ein schwarzes Loch Materie anzieht. Seine Betreuer drängten und kämpften, um die Reporter und Fernsehkameras davon abzuhalten, ihren Fahrer zu zermalmen. Es gab vor allem nur eine Frage: Warum hatte er angegriffen? George Bennett, der zweimal auf der Etappe gestürzt war, wehrte Interviews mit einem wackelnden Finger und einem sauren Gesichtsausdruck ab. Er wurde zur Dopingkontrolle geführt, wo er seinen Kopf unter Schmerzen und Müdigkeit gegen die Kabinenwand lehnte, das gelbschwarze Jumbo–Visma-Trikot über seine Schultern gehängt, seine Beine blutverschmiert und von Schweiß und Öl benetzt. Und dann, einfach so, gingen heftige Regenfälle nieder und die Hitze in Valloire verflüchtigte sich. Nicht so unsere kolumbianischen Freunde vom Radio. Mit Bernal als stärkstem Fahrer in den Alpen würden ihre nächsten Tage noch aufregender werden. SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 111