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PC_09_2019_FINAL_X1

ETAPPE 19 JULIAN

ETAPPE 19 JULIAN FREITAG, 26. JULI SAINT-JEAN-DE-MAURIENNE › TIGNES 89 KM „Und so endete die Verteidigung des Gelben Trikots. Nicht mit einem Knall, sondern ganz in Ruhe.“ So hätte das Fazit dieser Etappe aus der Feder eines Schriftstellers lauten können. Es war nicht Julian Alaphilippes Schuld, dass sein Versuch, das Gelbe Trikot zu verteidigen, durch die schweren Unwetter und die von den Wassermassen verursachten Erdrutsche im wahrsten Sinne des Wortes den Bach herunterging. Der Franzose war im Anstieg von Geraint Thomas, Steven Kruijswijk und Emanuel Buchmann abgehängt worden, die wiederum Zeit auf Egan Bernal verloren hatten. Während er auf den Kolumbianer an der Spitze zwei Minuten verloren hatte, hätte er zumindest auf die anderen in der Abfahrt wieder Zeit gutmachen können. Doch die Tour 2019 wurde an diesem Tag vom Wetter bestimmt. Hätte Alaphilippe sie eingeholt? Hätte es Bernal beim letzten Anstieg nach Tignes ruhiger angehen lassen? Wäre etwas noch weniger Vorhersehbares passiert? Während die verbliebenen Fahrer mit den Schultern zuckten und die Radsportwelt in ein schwarzes Loch von Fragen und Spekula tionen fiel, war an diesem Tag eines gewiss: Die Tour des französischen Helden Thibaut Pinot war vorbei, nach dem ein Muskelfaserriss ihn im Vorfeld des vorzeitigen Etappenendes zur schmerzhaften und tränenreichen Aufgabe gezwungen hatte. seinen täglichen Pressekonferenzen mitteilsam und offen war, wenn er Hof hielt und Witze machte mit den Journalisten und der Dolmetscherin. Ihm wurde eine Frage auf Französisch gestellt und er antwortete auf Englisch, bevor er in Gelächter ausbrach angesichts der Absurdität, seine Sprachen als Franzose beim größten sportlichen und kulturellen Ereignis Frankreichs durcheinanderzuwerfen. „See you tomorrow“, sagte er neckisch, als ein Journalist ihn fragte, ob er das Trikot am nächsten Tag halten könne. Natürlich war dies Sagans achte Tour und die siebte, bei der er als Träger des L E T O U R 20 19 ALAPHILIPPE Selbst als Etappe 19 neutralisiert wurde und er Gelb verlor, konnte Alaphilippe noch immer lächeln. Grünen Trikots tägliche Interviewrunden ertragen musste. Es ist Alaphilippes dritte und erst die zweite, bei der er wirklich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Das Neue hat sich noch nicht abgenutzt. Aber er war freundlich und positiv in seinem Umgang mit den Journalisten. Die französischen Medien hätten gerne eine Rivalität mit Pinot hochgespielt, aber als Alaphilippe gegen Ende des Rennens nach dem Groupama-Fahrer gefragt wurde, sagte er: „Wenn ich die Tour nicht selbst gewinnen kann, will ich, dass Pinot sie gewinnt.“ Es gab während Alaphilippes gesamter Tour nicht das geringste Anzeichen, dass ETAPPENERGEBNIS 1 Egan Bernal Team Ineos 2:40:31 2 Simon Yates Mitchelton-Scott +0:13 3 Warren Barguil Arkéa Samsic +0:40 GESAMTWERTUNG © Getty Images, Yuzuru Sunada (Bernal) 1 Egan Bernal Team Ineos 78:00:42 2 Julian Alaphilippe Deceuninck–QS +0:45 3 Geraint Thomas Team Ineos +1:11 NACHWUCHSWERTUNG 1 Egan Bernal Team Ineos 78:00:42 2 David Gaudu Groupama-FDJ +20:45 3 Enric Mas Deceuninck–QS +52:53 116 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

er unter Druck steht. Von Brüssel bis zum Prat d’Albis ging für ihn nichts schief, und auch als er schließlich Zeit zu verlieren begann, griff er das Rennen mit Verve an. Selbst als er das Gelbe Trikot im Chaos der Neutralisierung des Rennens am Iseran verlor, unterhielt er das Publikum, lehnte sich aus dem Fenster des Mannschaftswagens und dirigierte Fans, die seinen Namen sangen. 14 Tage von seinen 14 Tagen als Spitzenreiter hatte er alle Fragen, ob er das Rennen gewinnen könne, bescheiden abgewehrt. „Es war eine unvergessliche Tour mit 14 Tagen in Gelb und meinen zwei Etappensiegen“, sagte er, als ihm das Leadertrikot schließlich abgenommen wurde. „Aber das ändert nicht meine Zukunft. Es ist mir klar: Der Parcours der ersten Woche hat mir perfekt gelegen; das Zeitfahren in Pau war wie geschaffen für mich. Vielleicht muss ich ein paar Jahre warten, bis die Umstände wieder so günstig für mich sind.“ Lefevere hat ihm geraten, die Gesamtwertung weitere zwei Jahre nicht als offizielles Projekt zu betrachten, was heißt, dass die Fans vielleicht eine Weile auf eine Wiederholung von 2019 warten müssen. „Das passt mir gut“, sagte Alaphilippe. „Es würde genau zum Nachteil dessen gereichen, was es mir erlaubt, Rennen zu gewinnen. Wenn ich mich ganz auf die Gesamtwertung konzentrieren würde, würde es auf Kosten dessen gehen, und das will ich im Moment nicht. Um eine „DER PARCOURS DER ERSTEN WOCHE HAT MIR PERFEKT GELEGEN; DAS ZEITFAHREN IN PAU WAR WIE GESCHAFFEN FÜR MICH. VIELLEICHT MUSS ICH EIN PAAR JAHRE WARTEN, BIS DIE UMSTÄNDE WIEDER SO GÜNSTIG FÜR MICH SIND.“ Auch wenn er am Prat d’Albis von der GC-Gruppe abgehängt wurde, gab Alaphilippe nicht auf. 4Anzahl der Etappensiege für Alaphilippe bei der Tour de France große Rundfahrt zu gewinnen, musst du dich drei Wochen lang konzentrieren und sogar schon monatelang vorher. Für mich ist das schwer – ich muss mich ein bisschen entspannen können, bevor ich mich auf ein anderes Ziel konzentriere.“ Alaphilippes größter Einfluss auf die Tour 2019 könnte jedoch seine Wirkung als Katalysator sein. Obwohl er nicht die Gesamtwertung anstrebte, erinnerte es an Simon Yates’ Methode beim Giro d’Italia 2018. Wie Alaphilippe hatte Yates in den ersten zwei Wochen seinen Rivalen hier und da ein bisschen Zeit abgenommen, und obwohl er auf der 19. Etappe schließlich einbrach, nutzte er eine andere Technik als die von Sky in den letzten Jahren eingesetzte Methode, einmal zuzuschlagen und alles klarzumachen. Wenn die richtige Tour-Route abgesteckt wird und Alaphilippe eine ähnliche oder sogar noch bessere Form hat als 2019, könnten sich seine Rivalen an ihm die Zähne ausbeißen. Alle Zeitgewinne hat er dieses Jahr à la pédale herausgefahren – mit seinen Beinen statt mit Taktik oder Glück. Wenn er diese Gelegenheit noch einmal bekommt, aber ohne die großen Berge, hat Alaphilippe uns vielleicht eine Vorschau auf seine Zukunft gegeben. © Getty Images SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 117