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© Chris Auld 118

© Chris Auld 118 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

L E War dein zweiter Platz in diesem Jahr angesichts deiner Rückschläge schwerer als dein Sieg im letzten Jahr? Dieses Jahr war es eher eine mentale als eine physische Herausforderung. Im letzten Jahr hatte ich einen Lauf, es gab keine wirklichen Rückschläge im Rennen oder davor. In diesem Jahr war es ein echter Kampf, aber ich bin stolz, dass ich es geschafft habe, in der Spur zu bleiben. Es hätte nicht so sein sollen, aber ich bin trotzdem zufrieden. Ich wollte gewinnen, aber dass Egan gewann und ich immerhin Zweiter wurde, ist auch gut. Wie hast du die Störgeräusche ausgeblendet, als du in die Tour gingst? Ich halte mich aus dem Gerede heraus, ich nutze kein Social Media und bleibe in meiner eigenen kleinen Welt. Meine Frau ist gut darin, mich aufzurichten und bei Laune zu halten. Das Beste ist, sich nicht in die ganze Tour-Blase einwickeln zu lassen, weil es so intensiv ist. Wenn ich mich für jedes Selfie, um das ich gebeten werde, hinstellen würde, wäre ich noch auf der 3. Etappe. Das ist manchmal wirklich schwer, weil dir alle vorwerfen, wie ein Roboter zu sein. T O U R 20 19 G E R A I N T THOMAS DIE SCHWERE ZWEITE TOUR Der Sieger von 2018, Geraint Thomas, musste vor und während der diesjährigen Tour mehrere Rückschläge überwinden, wurde aber trotzdem Zweiter hinter seinem Teamkollegen Egan Bernal. Er erzählt Procycling, warum er sehr stolz auf das Resultat ist. Interview Sam Dansie Hat es Spaß gemacht, anders fahren zu können und die Tour auf andere Weise zu gewinnen? Ja. Es ist leicht, ein Team zu kritisieren, das gut fährt und mit einer bestimmten Formel gewinnt, aber es ist wie bei allem anderen: Wenn du Tomatenketchup machst und ein tolles Rezept hast, warum solltest du es ändern? Wir hatten eine bestimmte Formel, und in diesem Jahr mussten wir sie ändern, daher war es schön, auf diese Weise Erfolg zu haben. Vor der Tour haben wir dich gefragt, ob andere Teams einen Minderwertigkeitskomplex hätten. Du sagtest: „Vielleicht.“ Was würdest du jetzt antworten? Ich glaube, andere Teams sind ermutigt worden. Wir waren in den Bergen nicht ganz so stark wie früher, aber ich glaube, unsere größte Stärke – ich weiß, dass wir uns ständig darüber auslassen – ist die Kommunikation und Solidarität der Gruppe. Selbst wenn du nicht so gute Beine hast wie früher, ist es der Zusammenhalt, der uns stark macht, nicht die Einzelperson. Alle reden die ganze Zeit vom Geld, und das spielt eine Rolle, aber wenn du ETAPPE 20 SAMSTAG, 27. JULI ALBERTVILLE › VAL THORENS 59,5 KM Frühe Forscher, die die Alpen erkundeten, erwähnten den Mont Iseran, einen scheinbar 4.000 Meter hohen Gipfel in der Vanoise. Erst im 19. Jahrhundert, als die Region richtig kartiert wurde, erkannten die Menschen, dass es keinen solchen Gipfel gab. Es ist nicht einfach, einen Berg zu verlieren, doch die Tour de France hat auf der 20. Etappe des Rennens 2019 nach Val Thorens die gleiche Leistung vollbracht. Erdrutsche auf dem Cormet de Roselend zwangen die Organisatoren, diesen und einen weiteren Anstieg aus der Etappe zu streichen, und machten aus einer schweren letzten alpinen Herausforderung eine reine und beanspruchende Kletterpartie hoch nach Val Thorens. Jeder, der geplant hatte, den neuen Führenden Egan Bernal zu attackieren, hatte plötzlich den Großteil der Möglichkeiten verloren, auf dem er dies hätte tun können. Bernal und sein Team Ineos gingen auf der gekürzten Etappe auf Nummer sicher. Sie setzten sich hinter Jumbo, dessen Interesse darin lag, das Tempo hoch zu halten, Julian Alaphilippe vom Podium zu verdrängen und ihn durch ihren Kapitän Steven Kruijswijk zu ersetzen. Vincenzo Nibali dagegen zog die anderen 30 Fahrer ab, die als Gruppe vor dem Peloton fuhren, und ging mit Bärenkräften in den letzten Anstieg, um sich die Etappe zu holen, während Bernal seinen Gesamtsieg sicherte. ETAPPENERGEBNIS 1 Vincenzo Nibali Bahrain-Merida 1:51:53 2 Alejandro Valverde Movistar Team +0:10 3 Mikel Landa Movistar Team +0:14 GESAMTWERTUNG 1 Egan Bernal Team Ineos 79:52:52 2 Geraint Thomas Team Ineos +1:11 3 Steven Kruijswijk Jumbo–Visma +1:31 PUNKTEWERTUNG 1 Peter Sagan Bora–hansgrohe 309 2 Elia Viviani Deceuninck–QS 224 3 Sonny Colbrelli Bahrain Merida 203 © Getty Images SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 119