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PC_09_2019_FINAL_X1

© Yuzuru Sunada

© Yuzuru Sunada Erzählt uns von der Österreich-Rundfahrt. LP: Wir waren in den letzten paar Jahren nicht dabei. Es ist schwer, sie mit unserem aktuellen Rennprogramm zu kombinieren, weil wir zu dieser Zeit normalerweise bei der Tour de France sind oder uns ausruhen. Es ist ein superschweres Rennen. Du musst in Topform sein, um es bei so vielen Klettermetern zu gewinnen. PK: Die Österreich-Rundfahrt war für uns beide ein Sprungbrett zu Bora. Ich erinnere mich, dass ich bereits ein paar internationale Rennen gewonnen hatte und ein Treffen mit Ralph hatte. Er fragte mich, was mein großes Ziel für die Saison sei, und ich sagte, die Österreich-Rundfahrt. Er fragte mich, was ich glaube, bei dem Rennen ausrichten zu können. Ich sagte: Top 15. Ich wurde Vierter und bekam von Ralph die Chance, als Stagiaire zu fahren – und das war mein Sprungbrett. Lukas gewann dort eine Etappe und konnte ein Jahr später bei Ralph als Stagiaire fahren. Für Österreicher ist die Österreich-Rundfahrt wirklich wichtig. LP: Sie ist für die österreichischen Fahrer wichtig wegen der Performance. Du merkst schnell, dass du auf einem höheren Niveau fährst. Wenn du vom Conti- Niveau kommst und dann .1- oder .HC- Rennen fährst, spürst du, dass es einfach andere Rennen sind. Das Niveau ist höher. Du kannst sehr davon profitieren. Für das Publikum in Österreich, das von der Kategorie nichts weiß, ist es einfach ein Radrennen. Aber für einen Rennfahrer ist es ein großer Unterschied, denn wenn du bei einem HC-Etappenrennen gewinnst oder Top Drei oder Vier bist, bedeutet es mehr als dasselbe Ergebnis bei einem .2-Rennen. PK: Außerdem sehen dich die großen Teams bei einem solchen Rennen. LP: Einige große Teams starten dort, weil es gut für sie ist, Punkte zu holen. Du trittst gegen sie an und sie lernen dich kennen. Es ist eine große Chance für österreichische Fahrer. Ihr wart beide österreichischer Meister. Was bedeutet euch das? PK: Lukas war der jüngste österreichische Meister [2012 mit 20 Jahren]. Es ist wirklich schwer, dieses Rennen zu gewinnen, weil das Peloton nur aus rund 100 Fahrern besteht, normalerweise sind es 180 oder 200. Außerdem kommst du von den größten Rennen der Welt und triffst dann auf die jungen Österreicher, die U23- Teams. Bei allem, was du tust, beobachten sie dich. Sie wollen gegen die großen Jungs bestehen, deswegen ist es nicht so einfach, ein solches Rennen zu gewinnen. LP: Und du musst wirklich stark sein. Wir sind ein kleines Team gegen achtköpfige Mannschaften. Du musst dir überlegen, wie du gewinnen willst. Haben die Leute dein Trikot während der Rennen bemerkt? PK: Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, nach drei Jahren im grünschwarzen Trikot Weiß und Rot zu tragen. Aber es ist speziell. Die Menge nimmt dich wahr. Radsport ist mehr als die Tour. Du hast gute Resultate bei den Klassikern und das Rosa Trikot beim Giro getragen, Lukas. Was sind deine persönlichen Ambitionen? LP: Ich habe die Giro-Etappe [1. Etappe 2017] durch Zufall gewonnen, würde ich sagen! Aber seitdem ist mein persönliches Ziel, bei jeder großen Rundfahrt eine Etappe zu gewinnen. Neulich habe ich es probiert, aber nicht geschafft [9. Etappe]. Ich war nicht sicher, wie ich kletterte, daher habe ich versucht, mich aus der Ausreißergruppe abzusetzen, um mit etwas Vorsprung in den Anstieg zu gehen, um es über die Kuppe und ins Ziel Der österreichische Meister Patrick Konrad auf der Planche des Belles Filles. 1Österreicher hat bisher das Gelbe Trikot bei der Tour getragen zu schaffen, aber ich habe den Gegenwind unterschätzt. Du warst auch Fünfter beim E3-Prijs und Vierter beim Dwars door Vlaanderen … LP: Dwars door Vlaanderen ist eines meiner liebsten Rennen. Die Flandern-Rundfahrt ist aber eigentlich mein absoluter Favorit. Doch dort hängt es immer von Peter ab, weil er der Kapitän ist und über eine so lange Distanz mit den Besten mithalten kann. Kleinere Rennen wie E3 und Dwars, die mag ich wirklich. Ich will eines von ihnen gewinnen. Warum bist du gut bei diesen Rennen? LP: Du musst ziemlich clever sein und so viel Energie wie möglich sparen, und natürlich brauchst du einen großen Motor, um im richtigen Augenblick zur Stelle zu sein. Du lernst im Laufe deiner Karriere viel darüber, wie du dich bei einem Klassiker im Feld bewegst und reagierst – es ist ganz anders als hier bei der Tour, und ich habe die erste Etappe in Belgien wirklich genossen, weil sie wie eine Klassikeretappe war. Ich bin an die Straßen in Belgien gewöhnt, an den Beton, das Kopfsteinpflaster und die Lücken in der Straße. Du kannst viel mehr Energie sparen, wenn du weißt, was auf dich zukommt. 60 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

Patrick, deine Klassementergebnisse sind sehr gut. Du hast unter anderem Top-Ten-Plätze beim Giro, der Tour de Suisse und der Baskenland-Rundfahrt. Welche Ambitionen hast du? PK: Natürlich eines dieser Rennen eines Tages zu gewinnen. Vielleicht auf dem Podium der Tour de France zu stehen. Ich glaube, ich habe noch ein paar Jahre, um das zu erreichen und entsprechende Resultate einzufahren. Der österreichische Sport stand in jüngster Vergangenheit im Zentrum MAX BULLA Bulla war der Pionier der österreichischen Radrennfahrer, gewann in den 1930ern drei Tour- Etappen und zwei Vuelta-Etappen. 1931 trug er als erster und bisher letzter Österreicher das Gelbe Trikot der Tour. L E T O U R 20 19 ÖSTERREICH Pöstlberger gewann 2017 die erste Etappe des Giro d’Italia und trug das Rosa Trikot. der Blutdoping-Ermittlungen der „Operation Aderlass“. Was wisst ihr darüber und inwieweit hatte das eine Auswirkung auf eure Moral oder eure Einstellung? LP: Natürlich hat das Auswirkungen auf die Moral – es ist wie ein Schlag ins Gesicht. PK: Die ganze Geschichte war eine große Enttäuschung. Du hoffst, die Blödheit stirbt aus und dass es solche Leute im Sport nicht mehr gibt. Wir müssen vieles verändern in der Welt. Ich hoffe, dass wir die globale Erwärmung, das Plastikproblem, die Politik und diese Art von Problemen im Sport abwenden können. Was hält euch im Radsport? LP: Das ist eine Leidenschaft. Immer schon. Jetzt wissen wir, dass wir als saubere Fahrer gute Resultate holen können. Es freut mich, Patrick oder Gregor oder Felix gut fahren zu sehen. Wir sind alle wie eine Familie. Wenn einer von uns Österreichern gut fährt, spornt es dich natürlich auch selbst an. Und natürlich unterstützen wir uns gegenseitig. Der Radsport ist zu 100 Prozent eine Mannschaftssportart, und das ist der Schlüssel zum Erfolg. ÖSTERREICHS HELDEN Im Laufe der Radsportgeschichte hat Österreich immer wieder erfolgreiche Fahrer hervorgebracht. Procycling stellt fünf dieser Profis vor. ADOLF CHRISTIAN Christian wurde 1957 Profi in Fausto Coppis Carpano-Team. In jener Saison gab er im jungen Alter von 23 Jahren sein Debüt bei der Tour und wurde direkt Gesamt- Dritter beim wichtigsten Radrennen der Welt. PETER LUTTENBERGER Luttenberger überraschte mit einem fünften Platz bei der Tour de France 1996 mit jugendlichen 23 Jahren. Er ließ 1997 und 2003 zwei 13. Plätze in Frankreich folgen, beendete aber seine Karriere letztlich als Berghelfer. GEORG TOTSCHNIG Totschnig erreichte drei Top- Ten-Plätze beim Giro, einen bei der Tour und einen bei der Vuelta, wobei ein fünfter Rang beim Giro 2003 sein bestes Resultat war. Bei der Tour de France 2005 gewann er eine Bergetappe. BERNHARD EISEL Eisel ist in der zweiten Hälfte seiner Karriere Sprintanfahrer und Road Captain für Mark Cavendish. Er holte aber auch selbst einige sehenswerte Resultate bei den Klassikern und gewann Gent– Wevelgem 2010. ETAPPE 3 MONTAG, 8. JULI BINCHE › ÉPERNAY 215 KM Deutsche Wissenschaftler fanden einmal heraus, dass ein Champagnerkorken eine kräftig geschüttelte Flasche mit etwa 40 Kilometern pro Stunde verlässt; in etwa so schnell muss Julian Alaphilippe gefahren sein, als er das Feld an der Côte de Mutigny 16 Kilometer vor dem Ende der dritten Etappe, zwischen Binche und Épernay, stehen ließ. (Natürlich liegt die Steigung des Anstiegs bei Mutigny ebenfalls bei 12,2 Prozent, genau wie bei Champagner). Es wurde viel von diesem edlen Getränk verzehrt, als die Tour die Weinberge der Marne überquerte und über die Avenue de Champagne von Épernay weiter zum Ziel lief. Der sprudelnde Angriff von Alaphilippe, gefolgt von einer 16 Kilometer langen Aufholjagd, gab den lokalen Fans Grund zum Feiern: die erste Etappe in Frankreich im Jahr 2019 und zugleich ein erster Etappensieg. Sechsundzwanzig Sekunden später kam der Sprint um den zweiten Platz, mit einer Auswahl von klassischen Sprintern und GC-Kandidaten. Der Titelverteidiger Geraint Thomas kam nochmals fünf Sekunden später mit seiner Gruppe ins Ziel. Die Avenue de Champagne gilt als die teuerste Straße der Welt. Die Fahrer auf der falschen Seite dieser fünfsekündigen Lücke müssen gehofft haben, dass sie die Zeit nicht zu billig verschenkt haben. ETAPPENERGEBNIS 1 Julian Alaphilippe Deceuninck–QS 4:40:29 2 Michael Matthews Team Sunweb +0:26 3 Jasper Stuyven Trek-Segafredo gl. Zeit GESAMTWERTUNG 1 Julian Alaphilippe Deceuninck–QS 9:32:19 2 Wout Van Aert Jumbo–Visma +0:20 3 Steven Kruijswijk Jumbo–Visma +0:25 PUNKTEWERTUNG 1 Peter Sagan Bora–hansgrohe 76 2 Michael Matthews Team Sunweb 59 3 Sonny Colbrelli Bahrain Merida 54 © Getty Images (groß, Bulla, Luttenberger, Totschnig, Alaphilippe), Yuzuru Sunada (Eisel), Offside L’Equipe (Christian) SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 61