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L E T O U R 20 19

L E T O U R 20 19 BELGIEN France, statt festzustellen, dass es nicht die Flandern-Rundfahrt ist. Tatsächlich ist es nicht ungewöhnlich, dass die Tour nach Belgien kommt. Bei 106 Auflagen war die Tour 49-mal hier zu Gast, und wenn man bedenkt, dass das erste Mal 1947 war, scheint die Tour ihren Nachbarn im Norden fast jedes Jahr zu besuchen. 2019 war trotzdem etwas anders: Charleroi und Lüttich haben drei Grand Départs ausgetragen, aber dieser war der erste in Brüssel, der belgischen Hauptstadt, seit 1958. Die ASO, der Organisator der Tour, hat für den diesjährigen Grand Départ eine Feier ersonnen, die das wichtigste Monument der Weltausstellung 1958 in Brüssel – das Atomium, ein glänzendes futuristisches Gebäude in Form eines Eisenatoms und Ziel des Mannschaftszeitfahrens – mit dem 50. Jahrestag des ersten Toursieges von Belgiens Lieblingssohn verband. In Geraardsbergen reden die Einheimischen gerne von den drei „Ms“, die die Stadt berühmt machen: die Mattentaart, die Muur und das Manneken Pis (das, wie die Geraardsbergener versichern, älter ist als das berühmtere in Brüssel, das seinerseits an dem Wochenende ein Gelbes Trikot trägt). Aber als sich die erste Etappe der Tour 2019 auf den Weg durch Flandern zu ihrem westlichsten Punkt in Geraardsbergen macht, scheint es ein viertes M zu geben: Merckx. Die Karawane hat Zigtausende von Kappen an die Fans am Straßenrand verteilt, auf denen „Eddy“ steht, sodass jedes Foto von der gewaltigen Menge, vor allem von der in Brüssel, ein Meer aus gelben Köpfen ist. Es ist ein kleiner genialer Marketing-Einfall, der dazu führt, dass der Grand Départ seine charakteristische Farbe hat, und es scheint, dass sein Name auf den Lippen aller Radsportfans liegt. DUALE ERGEBNISSE Wir wissen, dass das Eröffnungswochenende der Tour selten spannenden Radsport bietet. Prologe sind Prologe – der stärkste Fahrer gewinnt, der zweitstärkste Fahrer wird Zweiter und so weiter. Und auch wenn die gewonnenen und verlorenen Sekunden für Gemunkel und Formanalysen gut sind, so hat nie jemand hier die Tour gewonnen oder verloren. Wenn die erste Etappe ein Sprint ist, sei es flach oder bergauf, folgt sie einem Muster – eine Ausreißergruppe geht, ihr werden ein paar Minuten Vorsprung zugestanden, sie wird gestellt, und dann wird das erste Gelbe Trikot unter den Spezialisten ausgemacht. Selbst Mannschaftszeitfahren hatten zuletzt kaum Auswirkungen auf das Rennen, da die Teams nur Sekunden trennten. 2019 war weitestgehend wie erwartet. Aber es gab Wendungen – die erste vierköpfige Ausreißergruppe auf der ersten Etappe, der Van Avermaet so lange angehörte, wie er brauchte, um genügend Bergpunkte zu sammeln, um ein paar Tage im Gepunkteten Trikot zu fahren, wurde früh zurückgeholt. Daher war Zeit für einen ungewöhnlichen zweiten Kamikaze-Angriff, den Stéphane Rossetto als Solist startete. Und das Ergebnis des Sprints, der leicht bergan führte und von einem Sturz auf der Zielgeraden über­ Der fünffache Toursieger Eddy Merckx war einer der Gäste beim Grand Départ. INTERNATIONALE GRAND DÉ PARTS © Getty Images (Merckx) 4 5 6 2 1 1 2 1 1 LUXEMBURG Luxemburg 1989, 2002 DEUTSCHLAND Köln 1965 Frankfurt 1980 West-Berlin 1987 Düsseldorf 2017 IRLAND Dublin 1998 BELGIEN Brüssel 1958, 2019 Charleroi 1975 Lüttich 2004, 2012 SCHWEIZ Basel 1982 NIEDERLANDE Amsterdam 1954 Scheveningen 1973 Leiden 1978 s’-Hertogenbosch 1996 Rotterdam 2010 Utrecht 2015 UK London 2007 Yorkshire 2014 SPANIEN San Sebastián 1992 MONACO Monaco 2009 64 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

Van Avermaet an der Mauer von Geraardsbergen, dem bekanntesten Anstieg in Flandern. „DER TOUR-AUFTAKT FAND KOMPLETT IM ZEICHEN VON EDDY MERCKX STATT, DER EIN AUSSERGEWÖHNLICHER, BESCHEIDENER UND GROSSARTIGER MANN IST.“ Christian Prudhomme, Tour-Direktor schattet wurde, war kein vorhersehbares, fing doch der bislang kaum in Erscheinung getretene Mike Teunissen Peter Sagan auf der Linie ab. Am nächsten Tag bestätigte Teunissens Jumbo– Visma-Team, dass es Form, Vertrauen und Schwung auf seiner Seite hatte, als es das Mannschaftszeitfahren gewann. Am letzten Tag des Rennens in Belgien, einem Etappenstart in Binche, sah eine riesige Menge das Peloton nach Süden über die Grenze fahren. Um den Geist der grenz überschreitenden Harmonie zu zementieren, umfasste die Ausreißergruppe Tim Wellens, einen Belgier von der Sprach ­ grenze mit einem flämischen Vater und einer wallonischen Mutter, sowie Yoann Offredo, einen Franzosen, der für ein belgisches Teams fährt und dessen Lieblingsrennen die Kopfsteinpflasterklassiker des Frühjahrs sind. Dann legte Julian Alaphilippe, ein Franzose in den Diensten eines belgischen Rennstalls, im Ardennenvorgebirge der Champagne los und holte den Etappensieg und das Gelbe Trikot. Für eine Etappe, die halb belgisch, halb französisch war, schien alles zu passen. Aber der wahre Star des Eröffnungswochenendes war Brüssel – und natürlich Merckx. „Es war der bewegendste aller Grand Départs, die ich erlebt habe“, sagte Christian Prudhomme, der Boss der Tour, zu Procycling. „Natürlich waren in Yorkshire und London die Zuschauermengen ebenso groß wie in Brüssel. Aber der Tour-Auftakt fand komplett im Zeichen von Eddy Merckx statt, der ein außergewöhnlicher, bescheidener und großartiger Mann ist. Es war majestätisch, so viele Leute ‚Merci, Eddy‘ sagen zu hören.“ Prudhommes früheste Erinnerung an den Radsport war die letzte Etappe des Rennens 1968, daher umspannt sein eigenes Leben als Radsportfan, Journalist und dann Organisator des größten Rennens der Welt fast genau das von Eddy Merckx als größtem Champion, den der Sport je gesehen hat. „Ich bin die 100 Meter vom Village Départ zur Startlinie mit Eddy gelaufen, bevor die Etappe begann – und es war unvergesslich. Die Leute klatschten, riefen seinen Namen und hatten Tränen in den Augen.“ DAS PUBLIKUM ALS MOTOR Offredo, der auf der dritten Etappe in der Ausreißergruppe fuhr, fand die belgischen Etappen inspirierend. „Wir trafen Christian Prudhomme am Vorabend der Tour, und er erinnerte uns daran, dass das Wichtigste im Radsport die Emotionen sind – noch vor jedem Sieg“, erzählte er. „Ich bin ein Fahrer, der mit Emotionen fährt und in der Ausreißergruppe habe ich den ganzen Tag gelächelt. Das Publikum ist unser Motor. Die Flandern- Rundfahrt ist ähnlich, aber es gibt eine spezielle Atmosphäre bei der Tour, und wir als Fahrer wollen den Fans ein bisschen von dem zurückgeben, was sie uns geben. In einer Ausreißergruppe zu sein, heißt für mich, dem Publikum und der Menge Ehre zu erweisen.“ Aber der Radsport besteht nicht nur aus Menschenmengen und Lärm, und Emotionen können ebenso ruhig und nachdenklich wie warm und energetisch sein. ETAPPE 4 DIENSTAG, 9. JULI REIMS › NANCY 213,5 KM Das Gelbe Trikot ist auf einer flachen Etappe mit einer Sprintankunft normalerweise ganz vorne dabei. Meist liegt das daran, dass der Führende auf Nummer sicher gehen will, um den Gefahren bei einer solchen Ankunft zu entgehen. Tatsächlich neigen die Gesamtführenden dazu, sich von hektischen Massensprints und all den möglichen Unfällen, die passieren können, fernzuhalten. Das letzte Mal, dass wir ein Gelbes Trikot sahen, das für einen Teamkollegen den letzten Kilometer eines Massensprints anfuhr, war 2012, als Bradley Wiggins auf den Champs-Élysées an die Spitze stürmte, um für Mark Cavendish den Sieg vorzubereiten. Paris war jedoch bei den Fahrern in Gedanken viel zu weit weg, als sie zu Beginn der ersten Woche in Nancy ankamen, aber das hinderte Julian Alaphilippe nicht daran, seine Rolle in der Mannschaft von Deceuninck–Quick-Step zu erfüllen, als sie den Sieg für Elia Viviani vorbereitete. Der Franzose wurde von Road Captain Michael Mørkov zwei Kilometer vor dem Ziel an die Spitze befohlen, krempelte seine metaphorischen Ärmel hoch und übernahm die Kontrolle. Auf der Zielgeraden musste der Italiener nicht mehr tun, als seine Nase 200 Meter vor dem Ziel in den Wind zu halten, um so schnell wie möglich bis zur Ziellinie zu sprinten. Fünf Jahre nach seinem Tour-Debüt holte Viviani seinen Sieg. ETAPPENERGEBNIS 1 Elia Viviani Deceuninck–QS 5:09:20 2 Alexander Kristoff UAE Emirates gl. Zeit 3 Caleb Ewan Lotto Soudal gl. Zeit GESAMTWERTUNG 1 Julian Alaphilippe Deceuninck–QS 14:41:39 2 Wout Van Aert Jumbo–Visma +0:20 3 Steven Kruijswijk Jumbo–-Visma +0:25 BERGWERTUNG 1 Tim Wellens Lotto Soudal 7 2 Xandro Meurisse Wanty-Gobert 3 3 Greg Van Avermaet CCC Team 2 © Getty Images SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 65