Aufrufe
vor 11 Monaten

PC_09_2019_FINAL_X1

L E T O U R 20 19

L E T O U R 20 19 JUMBO–VISMA Jumbo–Visma war in der ersten Tour-Woche flott unterwegs und gewann vier Etappen. Procycling analysiert, wie das holländische Team so erfolgreich wurde. © Jumbo–Visma 70 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

ETAPPE 1 NICHT ZU STOPPEN MIKE TEUNISSEN Mike Teunissen hielt sich mit dem linken Zeigefinger das Ohr zu, während er das Telefon fester an sein rechtes drückte. Die Mikrofone und Kameras schoben sich näher an ihn heran. Er trug ein Gelbes Trikot, aber eben nicht das normale seines Jumbo–Visma-Teams. Seine Augen hatten Fältchen an der Seite, verursacht durch das Lächeln, das über sein Gesicht huschte, als er seinem Gesprächspartner lauschte. Vor Mai 2019 hatte der Holländer nur ein einziges Profirennen für sich entschieden – den Prolog der Tour de l’Ain 2015. Jetzt stand er in der Mixed Zone der Tour de France und hatte gerade die Eröffnungsetappe des diesjährigen Rennens für sich entschieden und war damit ins Maillot Jaune geschlüpft. Ungläubigkeit traf seinen Gesichtsausdruck wohl am besten. Kein Wunder, dass das Lächeln nicht mehr aus Teunissens Gesicht gewichen war, seit er die Ziellinie überquert hatte. „Es war mein Vater“, sagte Teunissen, nachdem er das Telefongespräch beendet hatte und seine Aufmerksamkeit wieder der Wand aus Reportern widmete. „Er wollte mir sagen, dass er stolz auf mich ist.“ Viele hatten in Brüssel mit einem niederländischen Sieger gerechnet – aber eben nicht mit Teunissen. Die gesamte Aufmerksamkeit lag auf seinem Teamkollegen Dylan Groenewegen, aber als er zwei Kilometer vor der Linie in einen Sturz verwickelt wurde, war der Sprintanfahrer Teunissen in einer kleinen Gruppe von In einem engen Sprint schlägt Teunissen Topfavorit Peter Sagan auf der Linie. Fahrern weiter vorn. Noch bevor klar war, dass Groenewegen in einem Pulk auf dem Boden saß, befand sich Teunissen in einem Kopf-an-Kopf-Sprint mit Peter Sagan. „War das Van Aert?“ „Mike wer?“, fragte man sich im Medienzelt. In neun von zehn Fällen hätte Teunissen gegen Sagan die schlechteren Chancen. Aber dieses Mal war alles anders. Im Sport reicht es eben manchmal auch, dass man nur einmal die besseren Chancen hat, um zu gewinnen. Nachdem er 2015 bei LottoNL–Jumbo Profi geworden war, wechselte Teunissen zwei Jahre später zu Sunweb. Er wollte mehr Verantwortung tragen, aber er kam in dem deutschen Team nicht zurecht und ging vor dieser Saison zu Jumbo zurück. Das holländische Team hat den Ruf, Talente zu fördern und aus Fahrern mit ordentlichem Potenzial A-Promis zu machen; Groenewegen und Primož Roglic sind die einschlägigen Beispiele. Und mit Teunissen haben sie 2019 begonnen, dasselbe zu machen. Zwei Etappensie- © Gruber Images SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 71