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L E T O U R 20 19

L E T O U R 20 19 JUMBO–VISMA © Getty Images (Teunissen), Kramon (klein), Gruber Images ge und die Gesamtwertung der Vier Tage von Dünkirchen im Mai brachten den Ball ins Rollen, bevor Teunissen fünf Wochen später die ZLM Tour gewann. „Bei den Vier Tagen von Dünkirchen haben wir ihm die Gelegenheit gegeben, Verantwortung zu übernehmen. Dann holte er bei der ZLM Tour die Führung – das war geplant. Für sein Selbstbewusstsein war das sehr wichtig“, sagte Merijn Zeeman, der Jumbo-Coach, zu Procycling, als er mit einer Flasche Champagner in der Hand vor dem Mannschaftsbus stand. „Er arbeitet mit einem unserer Trainer, Tim Heemskerk, der einen super Job mit ihm gemacht hat. Er hat sich vom Training, aber auch vom Selbstbewusstsein her sehr verbessert.“ Zum ersten Mal in Teunissens Karriere ging er auf Erfolgskurs in die Tour. Sein neues Selbstbewusstsein zeigte sich darin, dass er auf der ersten Etappe in einer Position war, den Sprint zu bestreiten, und Sagan auf der Linie abfangen konnte. „Ich dachte, ich bin noch da, ich bin noch frisch, wir können es versuchen“, sagte ein immer noch strahlender Teunissen, als er sich im Pressekonferenz-Lkw hinsetzte und nicht langweilte, obwohl ihm 45 Minuten lang dieselben Fragen gestellt wurden. Diese Geschichte wurde er nicht müde zu erzählen. „Ich fühlte mich gut, und ich dachte, nach all der Vorarbeit von den Jungs ist das Mindeste, was ich tun kann, es selbst zu versuchen. Ich hätte mir nur nie vorstellen können, dass ich das Rennen gewinne. Es ist verrückt: Du gewinnst eine Etappe der Tour de France, du holst das Gelbe Trikot. Es ist sehr lange her, dass ein Niederländer Gelb getragen hat, und es passiert für mich alles gleichzeitig. Ja, es ist unglaublich.“ Teunissen war der erste Niederländer seit 30 Jahren im Gelben Trikot. ETAPPE 2 ENDLICH DAS RICHTIGE TEAM TONY MARTIN Die Rohre aus rostfreiem Stahl, die die neun Silberkugeln verbinden, die das Brüsseler Atomium bilden, spendeten fast keinen Schatten an der Ziellinie des Mannschaftszeitfahrens. Unterhalb davon begannen die acht Fahrer des Teams Ineos, ihre roten Plastikstühle zu verlassen – heiße Stühle im wörtlichen wie im bildlichen Sinn in Anbetracht der Nachmittagssonne. Sie hatten die Stellung fast zwei Stunden lang gehalten, nachdem sie als erstes Team auf den 27,6 Kilometer langen Kurs gegangen waren und die schnellste Zeit hingelegt hatten. Aber ein Jubelschrei vom Jumbo–Visma-Masseur, als das niederländische Team über die Linie rollte und inmitten eines Schwarms von Journalisten zum Stehen kam, bestätige, dass das lange Warten von Ineos umsonst gewesen war. Nachdem die beiden Teams als Erstes und als Letztes ins Mannschaftszeitfahren gestartet waren, rechnete man damit, als Jumbo schließlich um 17:00 Uhr an den Start ging, dass die Mannschaft Ineos den Sieg noch streitig machen könnte. Aber wenige hätten gedacht, dass sie die Zeit der Tour-Titelverteidiger um ganze 20 Sekunden unterbieten würde. Vor einem Jahr war, wie Jumbo–Visma selbst sagt, das schlechte Abschneiden beim Mannschaftszeitfahren bei der Tour 2018 mit ein Grund, dass Primož Roglic das Podium verpasste – er verlor an dem Tag 1:11 Minuten auf Sky und ihm fehlten 59 Sekunden zu einem Podestplatz in Paris. Die Qualitäten im Mannschaftszeitfahren zu verbessern, war wichtig, wenn das Team Toursieger sein wollte. Mehr Motoren würden sicher helfen – die 2019er-Neuzugänge Tony Martin und Wout Van Aert brachten sie mit – aber es fehlte nicht nur eine Steigerung der Feuerkraft. Das Team brauchte einen Talisman, der einen kühlen Kopf bewahren, das richtige Tempo vorgeben und jeden Fahrer anleiten konnte in einem Szenario, in dem jede Sekunde zählt. „Bei der Analyse nach der Tour 2018 kam heraus, dass wir keinen wirklichen Tony Martin war maßgeblich am Erfolg von Jumbo– Visma im Mannschaftszeitfahren beteiligt. 72 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

Das niederländische Team hatte am Ende mehr als 20 Sekunden Vorsprung vor den Topfavoriten um Ineos. ETAPPE 6 DONNERSTAG, 11. JULI MULHOUSE › LA PLANCHE DES BELLES FILLES 160,5 KM „ES WAR BEMERKENSWERT, WIE VIEL KRAFT MIKE IN SEINEN BEINEN HATTE. ER TRAT FLÜSSIG IN DIE PEDALE. DAS GELBE TRIKOT HAT AUF JEDEN FALL ETWAS MIT IHM GEMACHT.“ Laurens De Plus, Jumbo–Visma 3Die Anzahl der MZF-Siege von Jumbo– Visma seit der Saison 2015 Anführer hatten. Wir hatten keinen Fahrer, der reif genug war, die Führung zu übernehmen und bei Situationen im Rennen kreativ zu sein“, sagte Matthieu Heijboer, der das Mannschaftszeitfahren plante, zu Procycling. „Der Schlüssel dazu war Tony Martin. Er hängt die Latte sofort sehr hoch, wenn er die erste Ablösung fährt. Er gibt das Tempo vor.“ Das Mannschaftszeitfahren bei der UAE Tour im Februar war als frühes Versuchsgelände ausgegeben und beim Trainingslager in Alicante bewirkte Martin sofort etwas. „Er brachte eine ruhige Einstellung mit“, sagte Heijboer. „Er sagte: Vertraut mir, ich gebe das Tempo vor. Folgt mir einfach, und wir werden es schaffen.“ Tatsächlich gewann Jumbo das Mannschaftszeitfahren der UAE Tour – erst das zweite seit Tirreno–Adriatico 2011. Einen Monat später fehlten dem Team auf der ersten Etappe von Tirreno–Adriatico nur sieben Sekunden, um Mitchelton- Scott zu schlagen – die Kurve zeigte nach oben. Aber Heijboer betonte, der Erfolg bei der Tour 2019 habe sich nicht über Nacht eingestellt, sondern 2015 begonnen. Auch eine Zusammenarbeit mit Professor Bert Blocken, Experte für Windkraft und Aerodynamik an der TU Eindhoven, habe sich ausgezahlt. „Wir hatten schon gute Grundlagen und gute Ergebnisse im Einzelzeitfahren“, sagte Heijboer weiter. „Wenn wir nicht diese ganze Arbeit investiert hätten, wären wir nicht so erfolgreich. Tony und Wout kamen zu uns und konnten sofort Leistung bringen.“ Expertise und die Kombination der richtigen Fahrer waren nicht die einzigen Waffen, die das Team in Brüssel in seinem Arsenal hatte. Das Gelbe Trikot auf Teunissens Schultern gab dem Team auch einen nicht quantifizierbaren X-Faktor auf dem Kurs in Brüssel. Es flog förmlich. „Es war bemerkenswert, wie viel Kraft Mike in seinen Beinen hatte“, sagte Laurens De Plus nach der Etappe über die Leistung seines Teamkollegen. „Er trat flüssig in die Pedale. Das Gelbe Trikot hat auf jeden Fall etwas mit ihm gemacht.“ Auch Nico Verhoeven, Sportlicher Leiter des Teams, glaubt, dass das Leibchen geholfen habe. „Vorher sagten wir, dass wir zu den Favoriten gehören und unter die ersten fünf Teams kommen, aber wenn du am Samstag gewinnst und mit Mike in Gelb fährst, spürst du einen Auftrieb. Daher scheuen wir uns jetzt nicht mehr zu sagen, dass wir gewinnen wollen.“ Zum ersten Mal seit 1978, als Jan Raas das Double für TI Raleigh holte und den Prolog plus die Etappe 1A in Leiden gewann, sicherte sich Jumbo–Visma beide Siege beim Grand Départ in Brüssel. Ein extra Kilometer mit steilstem Gravel. Die neue „Super Planche“-Bergankunft auf der Planche des Belles Filles schwebte wie ein Schatten über der ersten Tour-Woche. Die Strecke ist ein klassisches Beispiel dafür, wie die Tour vermehrt steile und schwierige Passagen in ihr Profil einbaut, um die Fahrer an ihr Limit zu bringen. Zum Leidwesen von Romain Bardet: Der Franzose erlitt einen weiteren Rückschlag in seiner Tour-Karriere, als er am ersten richtigen Berg der Tour 2019 abgehängt wurde. Als Journalist hätte man sich keine bessere Metapher ausdenken können als das, was im Ziel passierte: Gerade als Bardets Vorderrad die Ziellinie überquerte, verklemmte sich seine Kette. Das Rennen um den Sieg hatte sich da bereits ein paar Minuten früher abgespielt: Dylan Teuns und Giulio Ciccone waren die letzten Überlebenden einer Fluchtgruppe und teilten sich die Etappe nach alter Tradition auf: Etappensieg für den einen (Teuns), Gelb für den anderen (Ciccone). Für die Gesamtwertung entscheidend war jedoch, was dahinter passierte: Geraint Thomas attackierte und erwies sich als der stärkste der Klassementfahrer. Julian Alaphilippe griff ebenfalls an und bewies seine gute Form. Auch Thibaut Pinot und Emanuel Buchmann zeigten, dass mit ihnen im weiteren Tour-Verlauf zu rechnen sein würde. ETAPPENERGEBNIS 1 Dylan Teuns Bahrain-Merida 4:29:03 2 Giulio Ciccone Trek-Segafredo +0:11 3 Xandro Meurisse Wanty-Gobert +1:05 GESAMTWERTUNG 1 Giulio Ciccone Trek-Segafredo 23:14:55 2 Julian Alaphilippe Deceuninck–QS +0:06 3 Dylan Teuns Bahrain-Merida +0:32 PUNKTEWERTUNG 1 Peter Sagan Bora–hansgrohe 144 2 Michael Matthews Team Sunweb 98 3 Elia Viviani Deceuninck–QS 92 © Getty Images SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 73