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Text Sam Dansie

Text Sam Dansie Fotografie Chris Auld DEN GEKNACKT Procycling analysiert die Entwicklung von Caleb Ewans Sprintzug, um herauszufinden, wie der Australier die Erfolgsformel gefunden hat. Caleb Ewan, der 25 Jahre alte Tour-Debütant von Lotto Soudal, wurde bei der ersten Welle von Sprints bei der Tour Dritter, Dritter, Zweiter und Dritter. Bei einer Tour, wo kein einzelner Sprinter dominieren konnte und Siege durch die Tiefe der Hochprofil-Laufräder bestimmt wurden, wuchs der Druck auf den Youngster von Tag zu Tag. „Morgen versuchen wir es wieder“, sagte Roger Kluge, einer von Ewans Sprintanfahrern bei Lotto, nach vier knappen Niederlagen. Der Satz hörte sich abgedroschen an. Er klang nach Frustration – nicht über Ewan, sondern darüber, dass das kleine Quäntchen Glück immer fehlte. „Niemand hätte es mehr verdient als Caleb“, fügte er hinzu. Der nächste Tag war ein Sprint in Toulouse. Danach kamen die Pyrenäen und zwei weitere Sprintetappen. Zeit und Möglichkeiten wurden knapper. Ewans Sprintzug war seit Langem in Arbeit. Kluge kam 2017 zu Orica-Greenedge, um mit „dem neuen jungen Sprintstar“ zu arbeiten und weil er einer be- stimmten „Spezifikation“ entsprach. Diese Spezifikation war die eines Rammbocks von einem Sprintanfahrer – jemand, der für den kleinen Sprinter ein großes Loch in die Luft boxen kann. Kluge, 80 Kilogramm schwer und 193 Zentimeter groß und mit einem reichen und erfolgreichen Hintergrund auf der Bahn und einem großen Motor, entsprach den Anforderungen. Von Anfang an, auf der Straße und abseits davon, harmonierten kleiner Sprinter und großer Anfahrer. Bei ihrem ersten gemeinsamen Rennen, der Tour Down Under 90 PROCYCLING | SEPTEMBER 2019

L E T O U R 20 19 CALEB EWAN 2017, gewann Ewan vier Etappen. Aber das Orica-Team nahm Veränderungen am Sprintzug vor, um ihn noch schneller zu machen. Beim nächsten WorldTour-Rennen in Abu Dhabi wurde Luka Mezgec als letzter Mann eingearbeitet. „Luka hat mehr Punch, ist mehr Sprinter als ich, ich kann das Tempo länger halten, also bin ich eine Position nach hinten gerutscht“, sagte Kluge. Aber wer welchen Job machte, hing vom Kurs ab. Wenn der Sprint leicht bergauf führte, war Mezgec der letzte Mann; bergab wurden Kluges Geschwindigkeit, Gewicht und Kraft priorisiert. Von 2017 bis zum Ende dieser Tour hat Ewan in Partnerschaft mit Kluge 31 zweite und dritte Plätze geholt, darunter einen zweiten Platz bei Mailand–San Remo 2018. Im selben Zeitraum gewann er 19-mal. So viele knappe Niederlagen könnten am Selbstwertgefühl eines Sprinters nagen, doch Kluge versichert, dass Ewan mental stark genug war, um mit diesen Podiumsplätzen umzugehen. „Wir teilen uns bei den meisten Rennen ein Zimmer und ich habe ihn ein paarmal beim Trainingslager in Monaco besucht. Er hatte viele Podiumsplätze in den letzten anderthalb Jahren, wahrscheinlich mehr als jeder andere Sprinter, aber ich glaube, ich unter- stütze ihn ein bisschen und sage ihm, dass er es weiter versuchen muss.“ SEIN GLÜCK BEI(M) LOTTO SUCHEN Ewan sagt, er wäre als Neuprofi in die Tour gegangen, wenn es bei der Auswahl des Teams nach ihm gegangen wäre. „Vielleicht war es am Ende gut, dass es nicht so kam“, ergänzt der Australier. „Aber ich denke nicht, dass dies meine erste Tour de France hätte sein sollen. Ich hatte schon vor drei oder vier Jahren das Gefühl, bereit zu sein.“ An wen die spitze Bemerkung gerichtet ist, ist klar. Ewan war letztes Jahr für einen Tour- Start am Ende eines Mitchelton-Scott- Sprintzugs vorgesehen. „Im letzten Jahr haben wir die ganze Saison mit Luka und Mat Hayman und anderen, die in die Tour-Vorbereitung involviert waren, trainiert“, sagte Kluge. „Wir waren bei der Kalifornien-Rundfahrt, dann haben wir ein wirklich gutes Team aufgebaut und plötzlich wurde entschieden, nur Kletterer mitzunehmen.“ Dass er übergangen wurde, lag teils daran, dass Ewan seinen Wechsel zu Lotto Soudal bereits perfekt gemacht hatte, und teils daran, dass Mitchelton- Ewan bezwingt Groenewegen in Toulouse und holt sich seinen ersten Tour-Etappensieg. 3Etappen gewann Ewan bei dieser Tour – mehr als jeder andere Sprinter Scott sich mit Adam Yates auf die Gesamtwertung konzentrieren wollte. Obwohl Kluge zu Beginn der Saison als Teil des Ewan-Pakets zu Lotto kam – was für ihre enge Verbindung spricht –, brachte der Wechsel noch mehr Umbauten im Sprintzug mit sich. Die Frage war insbesondere, wie man mit Jasper De Buyst umgeht, der wie Kluge einen starken Bahnhintergrund hatte. Er wurde als Ersatz für Mezgec eingesetzt. „Wir haben nicht bei null angefangen, aber einen neuen Anfahrer wie Jasper zu bekommen und sich an unterschiedliches Material zu gewöhnen, braucht Zeit“, sagte Kluge. „Wir sind noch in einem neuen Team und finden noch heraus, was das Beste für Caleb ist.“ Beim Giro, wo die drei zusammen gefahren sind, wurde Ewan bei den Sprints Dritter, Zweiter und Vierter. Dann gewann er die Etappen 8 und 11. Der Code, einmal geknackt, war, aus dem Windschatten seines Rivalen Pascal Ackermann herauszusprinten. Ackermann, in der Maglia Ciclamino, war der beste Sprin ter des Rennens. Aber irgendwie vergaß Lotto Soudal die Formel. Laut Kluge ging das Team in diesem Sommer mit der Absicht in die Tour, Ewan einen formaleren Sprintzug zu geben. „Wenn man zurückschaut, hat er meistens, wenn man ihn auf den letzten Kilometern eskortiert hat, gewonnen, aber das ist nicht, was er will“, erklärte der Deutsche. „Zu Beginn der Tour haben wir das vergessen und waren ganz aufgeregt und motiviert, einen perfekten und großen Sprintzug aufzubauen. Vielleicht war GLÜCKSBRINGER C aleb Ewans Etappensieg war die Wohlfühlgeschichte des Rennens. Sechs Wochen vor Beginn der Tour kam seine Tochter Lily zu Hause in Monaco zu früh zur Welt. Er musste zum Rennen reisen, bevor Lily das Krankenhaus verlassen durfte. „Es war wohl das Schwerste, was ich je machen musste: zu einem Rennen zu fahren und meine Tochter im Krankenhaus zurückzulassen. Ich bin so froh, dass ich meiner neuen Familie das mit so einer großen Sache zurückzahlen konnte“, sagte er nach seinem Sieg in Toulouse. Seine Frau Ryann flog mit Lily zum Ruhetag in Nîmes ein und konnte Ewan begrüßen, als er seinen Etappensieg holte. „Wenn meine Tochter alt genug ist, wird es ziemlich cool, ihr zu erzählen, dass das allererste Rennen, bei dem sie mich gesehen hat, die Tour de France war und ich auch noch eine Etappe gewonnen habe.“ SEPTEMBER 2019 | PROCYCLING 91