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Procycling 01.19

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R Ü C K 20 18 J A H R E

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K ANNEMIEK VAN VLEUTEN Annemiek van Vleuten kommt gleich auf den Punkt. „Wofür ist dieses Interview?“, fragt sie sofort, als Procyc ling für ein bereits vereinbartes Interview bei ihr anruft. Die 36-jährige Niederländerin will eindeutig wissen, worum es geht, also skizzieren wir die relevanten Themen, die einen Rückblick auf ihr Jahr bedeuten – und fragen, wie die Genesung verläuft. Berichten zufolge verurteilte sie die Knieverletzung, die sie sich bei einem Sturz im WM-Straßenrennen zuzog, zu sechs Monaten harter Erholung. Nun sind wir gespannt, wie es weitergeht. „Ich kann gerne zurückblicken, aber ich kann nicht über 2019 reden, weil ich nicht nach vorne schauen kann, und das ärgert mich“, gibt sie zurück. „Und ich will nicht zu viel über Enttäuschungen reden. Es macht mich nicht gerade glücklich.“ Höfliche Direktheit, eine in der niederländischen Seele vorprogrammierte Eigenschaft, ist bei van Vleuten im Überfluss vorhanden. Man kann sich vorstellen, wie ihre kalvinistischen Vorfahren aus dem Land der Polder und Deiche von ihrer Wolke herunterschauen und sich an der Art der zweifachen Zeitfahr-Weltmeisterin erfreuen. Uns jedoch hält ihre Direktheit auf Trab. Das Eis zu brechen ist nicht schwer, denn van Vleuten hatte ein glanzvolles Jahr – ihr bisher bestes. Es ist das Gesamtkunstwerk einer Rennfahrerin, die sich sorgfältig und effizient zur Bestform gebracht hat. Sie verteidigte drei wichtige Titel: In Innsbruck wurde sie erneut Weltmeisterin im Einzelzeitfahren, gewann außerdem wieder La Course und die Boels Ladies Tour. Zum zweiten Mal in Folge stand sie ganz oben in der UCI-Rangliste. Bei der Flandern-Rundfahrt, wo sie sich mitten im Rennen die Schulter ausgerenkt hatte, sowie bei Lüttich–Bastogne–Lüttich belegte sie Podestplätze. Das Sahnehäubchen war jedoch der Sieg bei der prestigeträchtigsten und härtesten Rundfahrt des Jahres, dem Giro Rosa. Van Vleutens Erfolg baute auf drei Etappensiegen auf: einem Zeitfahren, einer Soloflucht und der Bergankunft am Zoncolan – ein Hattrick, der ihre breit gefächerten Fähigkeiten 2018 prägnant zum Ausdruck brachte. Ein ziemlich beeindruckendes Jahr also. „Es gab in diesem Jahr ein paar Höhepunkte“, sagte sie bescheiden. „Den Giro Rosa zu gewinnen, war schon immer ein Traum für mich.“ Doch dann unterbricht sie sich und erinnert sich an eine Zeit, in der die Berge und ein Rennen wie der Giro jenseits der Ebene ihres Reichs lagen. „Nicht wirklich. Es war nie ein Ziel, weil ich immer dachte, ich würde nicht in der Lage sein, dort zu gewinnen.“ WEIT OBEN Annemiek van Vleuten fing 2014 an, mit dem Höhentraining zu experimentieren, und fand heraus, dass ihr Körper sehr gut auf die dünne Luft reagierte. „Ich bin gerne in den Bergen, um dort oben zu trainieren.“ Allerdings hat sie bestimmte Vorstellungen. Die Sierra Nevada etwa mag sie nicht besonders, „weil es nur eine Straße runter und eine Straße hoch gibt und man keine schönen Runden fahren kann.“ Sie mag den Teide, weil dort viele andere Profis trainieren und sie sich manchmal den männlichen Fahrern anschließt. „Es ist gut für mich, außerhalb meiner Komfortzone zu fahren. Für sie ist es ein leichter Tag, und für mich ist es wirklich hartes Ausdauertraining.“ Ihr Lieblingsort ist jedoch das norditalienische Livigno. Dorthin ging sie nach ihrem Sturz bei den Olympischen Spielen, „um wieder klar im Kopf zu werden“. Sie wohnt immer im selben Hotel, und die Besitzer sind ihre „zweite Familie“ geworden. Ihr Trick gegen die Langeweile ist es, Freunde einzuladen, zur gleichen Zeit auf dem Berg zu blei ben. Tagsüber trainiert sie, während die anderen wandern gehen, und abends machen sie zusammen Brettspiele. „Ich kaufe ihnen ein paar Bier und trinke eine Cola Light. Mitchel ton-Scott lässt mir diese Freiheit – viele andere Teams geben dir nicht die Freiheit, alleine in die Höhe zu gehen.“ 82 PROCYCLING | JANUAR 2019

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K ANNEMIEK VAN VLEUTEN Van Vleuten sonnt sich im Glanz ihres Pokals auf dem Podest des Giro Rosa. La Course wurde zum Duell zwischen van Vleuten und van der Breggen. HERAUSFORDERUNG ANNEMIEK Es ist klar, dass van Vleuten ein prozessgetriebener Mensch ist, ein Charakter, der die Reise genauso genießt wie das Ziel. Daher überrascht es nicht, dass „Herausforderung“ ein Schlüsselwort in ihrem Lexikon ist. Sich selbst vor große Aufgaben zu stellen, ist fast schon so etwas wie ihr Lebenszweck. Und es war der Grund dafür, die komfortable und erfolgreiche Umgebung der unbesiegbaren Rabobank-Truppe 2014 zu verlassen, um zu sehen, was sie erreichen konnte. „Wenn ich Talent zu etwas habe und es weiterentwickeln kann, will ich mich selbst herausfordern. Sobald ich mich nicht mehr herausfordern kann, fange ich an, mich zu langweilen“, sagt sie in ihrem schnellen Sprachrhythmus. Und van Vleuten lässt sich anstacheln. Es war ihr Mechaniker, der sie Anfang 2018 dazu „herausforderte“, bei der Bahn-Weltmeisterschaft in der Einzelverfolgung anzutreten. Sie gewann Silber. Doch die ultimative Herausforderung, die die Rundfahrerin in Annemiek van Vleuten hervorbrachte, kam von ihrem Mitchelton-Scott-Sportdirektor Gene Bates. Er entwickelte 2016 den Gedanken, sie könnte eine Weltklassekletterin werden, die in der Lage sein würde, den Giro Rosa zu bestreiten. Bates warf ihr den Fehdehandschuh in der Folgezeit des schweren olympischen Straßenrennens von Rio hin, bei dem sie, in aussichtsreicher Position liegend, in der Abfahrt der Vista Chinesa schrecklich gestürzt war. Doch was sie beim Formaufbau und im Rennen selbst gezeigt hatte, überzeugte sie von der Möglichkeit, die Bergfahrerin in van Vleuten zu entfesseln. „Es hat etwa ein halbes Jahr gedauert, bis ich mich entschieden habe, mich auf dieses Ziel einzulassen“, sagt van Vleuten. Vorher hatte sie sich, wie sie erzählt, „wie eine Klassiker-Fahrerin gefühlt. Ich dachte immer noch, dass die Olympischen Spiele von Rio nur ein Glückstag waren und ich es nicht schaffen könnte. Aber Gene forderte mich heraus und setzte mir ein Ziel, das außerhalb meiner Komfortzone lag. Zwei Jahre später stand ich ganz oben auf dem Treppchen“, sagte sie stolz. In diesen zwei Jahren ist natürlich viel passiert. Van Vleuten wurde wie erwartet schneller am Berg und fand Optimierungs - möglichkeiten beim Zeitfahren, lernte aber auch, ihre Impulsivität in den Griff zu bekommen. Ihre Spontaneität hatte ihr als Klassiker-Spezialistin gute Dienste geleistet, war aber bei Etappenrennen eine Last. „Es ist immer noch eine Herausforderung für mich, mit negativen Zielen zu fahren. Bevor es bei diesem Giro in die Berge ging, musste ich fünf Tage mit hektischen Massensprints überstehen, an denen du mit negativen Zielen fährst: Verliere keine Zeit und stürze nicht. Ich hasse das.“ Die Niederländerin fährt fort: „Ich habe mich ein wenig verändert, denn ich glaube, dass das Team um mich herum dieses Jahr besser organisiert und erfahrener dabei war, mit einer geschützten Fahrerin die Gesamtwertung anzupeilen. Ich hatte das Gefühl, dass alle in meiner Nähe waren und den ganzen Tag im Einsatz. Das hat wirklich geholfen. Es hat mich sehr entspannt.“ Lobend erwähnt sie die Australierin Amanda Spratt, die Dritte beim Giro wurde, aber „100 Prozent“ für van Vleuten gab. „Es war ein erstaunlicher Schritt nach vorne für Amanda. Wenn man sich klarmacht, dass sie beim Amstel Gold Race zum ersten Mal bei einem WorldTour- Rennen auf dem Podium stand, und dann gewann sie weitere WorldTour-Rennen und beendete die Saison auf dem Podest bei der Weltmeisterschaft – sie hatte JANUAR 2019 | PROCYCLING 83