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Procycling 01.19

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„ICH HÄTTE NIE

„ICH HÄTTE NIE GEDACHT, DASS ICH SO ETWAS ERREICHEN KANN.“ Sie wurde deutsche Meisterin, gewann die Nachwuchswertung bei der Thüringen-Rundfahrt und entschied im September die Lotto Belgium Tour für sich: Für die 20-Jährige aus Friedrichshafen hätte die Saison nicht besser laufen können. Interview Chris Hauke Fotografie Getty Images 86 PROCYCLING | JANUAR 2019

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K LIANE LIPPERT Liane, 2018 war ein tolles Jahr für dich. Gratulation zu deiner Entwicklung und all den Erfolgen! Es ist echt super gelaufen. 2018 war erst mein zweites Frauen-Profijahr, ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. Bei den Frühjahrsklassikern hat es schon toll angefangen, da konnte ich meinen Teamkolleginnen gut helfen. Dadurch habe ich die Chance gekriegt, auch mal als Leaderin zu fahren. Dann wurde ich auch noch deutsche Meisterin, was wirklich keiner erwartet hat. Gerade gegen die ganzen anderen Teams, die eigentlich überlegen sind – mit mehreren Fahrern und taktischen Optionen. Alleine ist es immer ein bisschen schwer. Und so ging es weiter. Bei der Thüringen-Rundfahrt war ich ebenfalls echt gut drauf, [der Grand Prix] Plouay im August war ein weiteres Highlight, als ich Coryn [Rivera] bis zum Ende geholfen habe. Leider hat es nicht für einen Sieg gereicht [sie wurde 3.], aber es war trotzdem eines meiner besten Rennen, sodass ich bis zum Ende dabei war. Und dann kam mit der Lotto Belgium Tour eine weitere Überraschung. Ich habe mich so gefreut, mein erstes UCI-Rennen zu gewinnen – und nicht nur das Rennen, sondern gleich die ganze Rundfahrt. Am Start habe ich gedacht, ich kann ein gutes Ergebnis rausfahren und es vielleicht mal aufs Podium schaffen. Aber die Rundfahrt zu gewinnen – ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas erreichen kann. Du bist 2017 Profi geworden. Was hat das erste Jahr mit dir gemacht, dass du im zweiten so gut geworden bist? Das ist eine gute Frage. Im ersten Jahr war ich ja auch schon gut und wurde meist als Early Support eingesetzt. Da habe ich meine Arbeit am Anfang gemacht und war dann platt. Es ist ja auch ein krasser Umstieg von den Juniorinnen zu den Profis. Ich denke, dass das Team es mit dem langsamen Aufbau richtig macht. Es war gut, dass ich im ersten Jahr noch nicht Leaderin war, weil man dann auch mental einen Druck hat, dem viele am Anfang noch nicht standhalten können. Wir jungen Fahrerinnen haben gute Chancen gekriegt und konnten auch mal für den späteren Support da sein. Dazu kam, dass ich einen echt guten Winter hatte. Ich war viel auf Mallorca und dann noch mit dem Team im Trainingslager. Vor allem mental hat sich bei mir viel geändert. Ich bin viel selbstständiger geworden und weiß, was ich will und was meine Ziele sind. Sunweb hat im Profibereich sowohl ein Männer- als auch ein Frauenteam. Gibt es da einen Austausch? Eigentlich haben wir sogar drei Teams: das Männerteam, das Frauenteam und dazu noch das Männer-Development-Team. Aber wir sind eigentlich wie ein großes Team, eine große Familie. Jeder kennt wirklich jeden. Auch die Trainingslager haben wir meistens zusammen. Die Trainer betreuen sowohl die Frauen als auch die Männer und die Nachwuchsfahrer. Das ist alles gleich. Dadurch hat man immer neue Einblicke, wie es bei den Männern läuft. Und da wir im gleichen Hotel sind, kann man sich auch mal ein paar Tipps von den Männern holen – gerade vor dem Team-Zeitfahren. Ich habe es ja noch nicht anders erlebt, aber für mich ist es echt eine coole Erfahrung. Wir profitieren von den Männern – und die auch von uns, denke ich. Schauen wir voraus: Du hast den Erfolg 2018 nicht nur geschnuppert, sondern bereits fest im Arm gehabt. Einerseits will man diesen Erfolg bestätigen, aber dadurch ist auch der Druck nicht gerade kleiner geworden. Das ist er auf keinen Fall. Aber ich bin dann noch mal ein Jahr älter und erfahrener. Wir als Team wissen, was wir wollen: mich langsam aufbauen. Und das finde ich auch gut so. Ich will jetzt gar nicht sagen, dass ich nächstes Jahr unsere Leaderin beim Giro Rosa sein möchte. Das wäre einfach zu viel, mein Körper wäre danach total ausgeknockt. In den nächsten zwei Jahren werde ich noch nicht die Hauptleaderin sein. Bei ein paar Rennen gehe ich zwar als Kapitän an den Start, aber eben nicht immer. Kurz zurück zum Übergang zu den Profis 2016/17 – was war die größte Herausforderung? Ich war viel weg von Zuhause, im Gegensatz zum Jahr davor, und habe meine Eltern und Freunde entsprechend weniger gesehen, wir konnten also weniger zusammen machen. Dazu kam das Training, die Fahrten waren länger und auch härter. Aber mit beidem hatte ich kein Problem, denn ich weiß ja, wofür ich es mache. Und es hat sich schließlich auch ausgezahlt. Wo siehst du deine Stärken und Spezialitäten? Wohin könntest du dich deiner Meinung nach in Zukunft entwickeln? So ganz habe ich mich noch nicht spezialisiert, aber ich denke, dass es auf jeden Fall um Berge geht. Bis jetzt sind es vor allem die Zwei-Kilometer-Berge, weil ich sehr explosiv bin und etwa drei Minuten wirklich schnell fahren kann. Bei den langen Bergen bin ich auch gut, aber im direkten Vergleich gibt es andere, die da noch besser sind. Ich glaube, dass Regionen wie die Ardennen mit ihren kürzeren Anstiegen mir später echt gut liegen könnten. Liane Lippert beim Giro Rosa im Juli. Mit dem Team gewann sie dort das Auftaktzeitfahren. JANUAR 2019 | PROCYCLING 87