Aufrufe
vor 1 Jahr

Procycling 02.19

  • Text
  • Profisport
  • Profiradsport
  • Rennrad
  • Rennen
  • Februar
  • Fahrer
  • Procycling
  • Cavendish
  • Boardman
  • Remo
  • Denz
  • Saison
  • Etappe

SAN REMO ZEHNMAL VON

SAN REMO ZEHNMAL VON MAILAND NACH SAN REMO Mark Cavendish gab 2009 ein sensationelles Debüt bei Mailand–San Remo. Es ist eine Eigentümlichkeit seiner Karriere, dass seine Loyalität zu dem Rennen nie zu einem zweiten Sieg führte. Hier erzählt er von seinen San-Remo-Teilnahmen. 12009 SIEGER: MARK CAVENDISH CAV: 1. MIT 6:42:31 STD. Am Fuß der Cipressa brillant an die Spitze des Pelotons eskortiert, erreichte Cavendish die Kuppe mit nur wenigen Sekunden Rückstand, schloss die Lücke und wirkte am Poggio nie gefährdet. Sein Sprint hat seinen Platz in den Jahrbüchern – eine atemberaubende Aufholjagd, um Haussler abzufangen und mit dem kleinsten Vorsprung in der Geschichte des Rennens zu gewinnen: elf Zentimeter oder „die Länge eines Mobiltelefons“ wie Luca Gialanella in der Gazzetta dello Sport schrieb. Cavendish sagt: Wenn ich einen entscheidenden Faktor herauspicken müsste, nur einen, wäre es George Hincapie. Niemand lässt sich in der Abfahrt vom Poggio zurückfallen, um einen Teamkollegen zu finden und in Position zu bringen, aber das hat er gemacht. Dann hat er mir den Sprint perfekt angefahren. Aber das ganze Team hat an dem Tag fehlerfrei gearbeitet. Jeder hatte eine Aufgabe und sie perfekt umgesetzt – ob es darum ging, mich zum Fuß von La Manie zu bringen, oder mich über die Cipressa zu bekommen. 22010 SIEGER: ÓSCAR FREIRE CAV: 89. MIT + 6:12 MIN. Aufgrund einer Zahnentzündung im Januar war Cavendish im Vorfeld des Rennens nicht in Form. Dass er überhaupt in San Remo am Start stand, war eine Leistung. Aber jede Hoffnung, dass er seinen Titel verteidigten könnte, zerschellte, als ein Sturz in der Abfahrt von Le Manie das Feld teilte und er zurückfiel. Cavendish sagt: Ich hatte nach den Zahnproblemen nicht die nötige Form, um zu gewinnen. Ich bin trotzdem gestartet, weil es das eine Rennen ist, bei dem du durchkommen kannst, selbst wenn du nicht in Form bist, gerade wenn du älter wirst und eine gute Ausdauergrundlage hast. Du kannst improvisieren und das Rennen zu Ende fahren oder sogar im Finale mitmischen, aber leider kannst du das Ding nicht mit Improvisation gewinnen. 3 2011 SIEGER: MATT GOSS CAV: 52. MIT + 5:23 MIN. Körper purzelten und mit ihnen die Chancen einiger Favoriten, darunter Cavendish, in der hektischen Anfahrt nach Le Manie. Ein Pluspunkt zumindest war der Teamkollege der „Manx Missile“, Matt Goss, der später einer prominent besetzten Spitzengruppe ein Schnippchen schlug und den Sprint vor Fabian Cancellara gewann. PASSO DEL TURCHINO 5 Cavendish sagt: Es gab einen Sturz im Tunnel oben auf dem Turchino, und Acqua e Sapone attackierte. Ich war auf der falschen Seite des zerlegten Feldes, aber wir hatten Gossy vorn, sodass es ein perfektes Szenario war. Ich hatte mir am Fuß des Anstiegs ein Laufrad gebrochen, war mit einer Aufholjagd wieder rangekommen, aber dann passierte der Sturz genau in der Einfahrt zum Tunnel, der unbeleuchtet war. Glücklicherweise konnte Gossy es durchziehen. Ich habe mich so für ihn gefreut! 42012 SIEGER: SIMON GERRANS CAV: DNF Nach einer anscheinend perfekten Vorbereitung wirkte Cavendish absolut fit und selbstbewusst. Niemand hätte vorhergesagt, dass er vor Le Manie zurückfallen würde, aber das war ein San Remo der vielen Überraschungen, darunter Simon Gerrans’ Sieg vor Fabian Cancellara. Cavendish sagt: Absolut schockierend. Ich war Weltmeister und hatte diesen Traum, dass ich San Remo im Regenbogentrikot gewinnen würde. Ich hatte vorher diese spezielle Diät gehalten, um Gewicht zu verlieren, war in guter Form, hatte bei der Katar-Rundfahrt und Tirreno–Adriatico gewonnen, aber an dem Tag war ich unterirdisch. Ich hatte keine Kraft. 100 110 120 130 140 150 160 170 180 60 PROCYCLING | FEBRUAR 2019

SAN REMO 52013 SIEGER: GERALD CIOLEK CAV: 9. MIT + 0:14 MIN. Eine von zwei Niederlagen in seiner Zeit bei Quick-Step, die ihn noch schmerzen. Die Temperaturen waren so eisig, als sich das Peloton der Riviera näherte, dass die Fahrer in die Busse gewinkt und die Küste runtergefahren wurden und das Rennen zwei Stunden später auf der anderen Seite des Turchino wieder aufnahmen. Vier Quick- Step-Fahrer, unter ihnen Tom Boonen, stiegen nicht mehr aus dem Bus aus. Die Entscheidung von Sportdirektor Wilfried Peeters, in der Gruppe, die das Rennen später entscheiden sollte, auf Sylvain Chavanel zu setzen, vergrößerte Cavendishs Mangel an Manpower bei den Verfolgern. Cavendish sagt: Das halbe Team hat das Rennen wegen der Kälte nicht fortgesetzt … Der Plan war, dass Chavanel bei den Angriffen in der Cipressa mitgeht und kein Tempo macht, aber dann höre ich Wilfried Peeters und Brama [Davide Bramati] über Funk rufen: „Geh, Chava, geh!“ Er fing an, Tempo zu machen, und ich saß in der Gruppe fest, obwohl ich mich super fühlte. Chava wurde schließlich Vierter und ich Zweiter im Massensprint. 62014 SIEGER: ALEXANDER KRISTOFF CAV: 5. ZEITGLEICH In den Monaten vor dem Rennen schien selbst dieses letztlich frustrierende Ergebnis außer Cavendishs Reichweite, als die Organisatorin RCS einen Kurs mit dem steilen Pompeiana-Anstieg zwischen der Cipressa und dem Poggio präsentierte. Erdrutsche vereitelten den Plan, und nachdem sie versichert hatte, den Anstieg 2015 einzuweihen, änderte die RCS ihre Meinung und hält seitdem am traditionellen Finale fest. Cavendish sagt: Ich bekam Krämpfe. Ich dachte, ich würde gewinnen. Ich habe meinen Sprint früh eröffnet und es war das erste Mal überhaupt, dass ich Krämpfe bekam. Ich musste mich hinsetzen. Vorher hatte ich Leute, die sagten, sie hätten einen Krampf bekommen, immer ausgelacht, weil ich es für eine Ausrede hielt. Es war frustrierend. Ich dachte, ich hätte es. 72015 SIEGER: JOHN DEGENKOLB CAV: 46. MIT + 0:23 MIN. Das Rennen wurde nicht auf der Via Roma oder weiter oben an der Riviera verloren, sondern für Cavendish zwei Wochen vor der Classicissima bei einer Reise nach Südafrika, um einen Teamsponsor zu besuchen. Nachdem er das Management des Teams gewarnt hatte, dass eine Reise in die südliche Hemisphäre und zurück nicht die ideale Vorbereitung sei, erkrankte Cavendish bei seiner Rückkehr und verlor wichtige Trainingstage. Ein Defekt an der Cipressa, dann weitere Probleme am Poggio machten seine aufopferungsvolle Arbeit zunichte. Cavendish sagt: Tom Boonen hätte nach Südafrika fliegen sollen, aber für ihn war es zu kurz vor Roubaix. Mein großes Ziel war San Remo; ich habe Patrick Lefevere nur gesagt, dass ich hoffe, dass er das berücksichtigt, als wir über meinen Vertrag sprachen, falls die Reise nach Südafrika mein San Remo beeinträchtigt. Und natürlich wurde ich richtig krank. Das Rennen lief unter diesen Umständen besser als erwartet. Leider musste Reiney [Reinardt Janse van Rensburg] in der letzten Haarnadelkurve am Poggio abreißen lassen, ich steckte hinter ihm und das war es für mich. 82016 SIEGER: ARNAUD DÉMARE CAV: 110. MIT + 4:25 MIN. Nachdem er sich im Winter und frühen Frühjahr auf die Bahn konzentriert hatte und zwei Wochen vor San Remo mit einer Goldmedaille in der Madison- Weltmeisterschaft belohnt worden war, war Cavendish fit, aber nicht unbedingt für einen 300-Kilometer-Gewaltmarsch. Sein Pessimismus bei Interviews vor dem Rennen wirkte gerechtfertigt, als das Peloton an der Cipressa am Horizont verschwand. Cavendish sagt: Ich hatte zwei Reifenschäden und habe zu viel Zeit und Energie verschwendet, mich zum Mannschaftswagen zurückfallen zu lassen. Es geht darum, Energie zu sparen, und ich habe zu viel verloren. Es hätte alles richtig laufen müssen, und das tat es nicht. 92017 SIEGER: MICHAŁ KWIATKOWSKI CAV: 101. MIT + 5:24 MIN. Krankheit und ein mysteriöser Schmerz im Fußknöchel hatten eine Woche zuvor bei Tirreno–Adriatico zugeschlagen und Cavendish den Schwung geraubt, den er mit einem Etappensieg bei der Abu Dhabi Tour Ende Februar aufzunehmen schien. Später wurde bekannt, dass es Cavendish eine Weile nicht gut ging und nicht gut gehen würde, weil er unter dem Epstein-Barr-Virus litt. Cavendish sagt: Ich bin in der Rechtskurve nach zwei Dritteln des Anstiegs zur Cipressa zurückgefallen. Abends im Bus war ich so verwirrt, dass ich beschloss, einen Bluttest machen zu lassen. Am nächsten Tag bin ich hin und habe die Diagnose Epstein-Barr bekommen. 10 2018 SIEGER: VINCENZO NIBALI CAV: DNF Auf eine Aufgabe nach einem Sturz bei der Abu Dhabi Tour folgten ein weiterer Sturz und eine Rippenfraktur bei Tirreno–Adriatico. Es war daher ein kleines Wunder, dass Cavendish überhaupt bei San Remo starten konnte – ein großes, dass er „schwerelos rollte“, als das Glück ihn hinter der Cipressa abermals verließ. Die Kollision mit einem Verkehrspoller und den Purzelbaum in der Luft überstand der Protagonist glücklicherweise ohne ernsthafte Verletzungen. Cavendish sagt: Ich weiß jetzt, dass ich wieder mit Epstein-Barr fuhr. Nach zwei Stürzen und zwei Gehirnerschütterungen zu Beginn des Jahres und mit dem Virus war es ein Wunder, dass ich so gut fuhr. Glücklicherweise war der Sturz nicht so schlimm, wie er im Fernsehen ausgesehen hatte. LE MANIE 2 3 4 CAPO MELE CAPO CERVO CAPO BERTA CIPRESSA 8 9 10 POGGIO DI SAN REMO 1 6 7 210 220 230 240 250 260 270 280 290 © Yuzuru Sunada FEBRUAR 2019 | PROCYCLING 61