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Procycling 02.19

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Zwischen den Läufen war

Zwischen den Läufen war Boardman nervös, unso mehr genoss er seinen Titel. © Hennes Roth (D) PhotoSport ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT Wie Chris Boardman selbst wurde das Lotus Sport 108 auf den Schnellstraßen und Rundkursen der britischen Zeitfahrszene geboren. Mike Burrows, ein Ingenieur aus East Anglia, der hauptberuflich Verpackungsmaschinen entwickelte und herstellte, sich aber nebenher in der Fahrradkonstruktion betätigte, hatte Anfang der 1980er ein originelles Aero-Rad mit einem aus einem Stück gefertigten Carbonrahmen entworfen, dass er WindCheetah nannte. Burrows, der dem Klischee des exzentrischen Erfinders entsprach, wollte nicht trainieren müssen, um bei Zeitfahren schnell zu sein, und er erkannte genau, dass er dasselbe Ergebnis erzielen konnte, wenn er sein Rad aerodynamischer machte. Durch seine Erfahrung im Modellflugzeugbau und in der Fliegerei verstand er mehr von Aerodynamik als jeder Radhersteller zu der Zeit, und dies fiel damit zusammen, dass er begann, mit Carbon zu arbeiten. Jahre, nachdem er das neue Material in der Hand gehabt hatte, war seine Erinnerung ein fröhliches: „Oh, was für ein Zeug! Was können wir damit machen?“ RESULTATE AUF DER BAHN Chris Boardmans größte Erfolge im Velodrom 1. Landesmeisterschaft Einerverfolgung 1989, 1991, 1992 Olympische Einerverfolgung 1992 Stundenweltrekord 1993, 1996, 2000 Weltmeisterschaft Einerverfolgung 1994, 1996 2. Landesmeisterschaft Einerverfolgung 1987, 1988, 1990 Weltmeisterschaft Einerverfolgung 1993 3. Landesmeisterschaft Einerverfolgung 1987 1. 2. 3. RESULTATE PRO JAHR 84 PROCYCLING | FEBRUAR 2019

RETRO 1992 DAS RAD FING AN, DIE AUFMERKSAMKEIT RIVALISIERENDER TEAMS ZU ERREGEN, UND DIE BCF- MITARBEITER MUSSTEN ES MIT DECKEN VERHÜLLEN. Burrows’ Inspiration für den einteiligen Monocoque-Rahmen war nicht nur Raumfahrt-Technologie und moderne Aerodynamik. Er kannte ein Rad namens Invincible, das in den 1890ern von der Surrey Machinist Company hergestellt worden war und von dem er ein Modell im Verkehrsmuseum in Coventry gesehen hatte. Das Invincible hatte nur eine Gabelscheide, und wie Burrows später sagen sollte, „ist nichts aerodynamischer als keine Gabel“. Burrows klapperte mit dem WindCheetah, das ein eckigeres Profil als das LotusSport hatte, aber erkennbar ähnlich war, die Radhersteller Großbritanniens ab, doch die waren verwirrt. Sie fragten ihn, warum er den Rahmen abdecken würde, und Burrows’ ungläubige Erwiderung war, dass dies nicht der Fall sei – die Abdeckung WAR der Rahmen. Es wurde nicht besser dadurch, dass die UCI Rahmen aus einem Stück Mitte der 1980er verbot (obwohl sie bei Zeitfahren in Großbritan nien genutzt werden konnten). Das hätte das Ende der Geschichte sein können, doch dann sah Rudy Thomann, ein ehemaliger Formel-2-Pilot und Testfahrer für den örtlichen Lotus-Autohersteller, das WindCheetah in Burrows’ Büro hängen und fragte ihn, ob er es mitnehmen und den Lotus-Konstrukteuren zeigen dürfe. Der Vorstand bei Lotus sah eine Möglichkeit, seinen Ruf als High-End-Hersteller zu nutzen und exklusive handgefertigte Räder zu bauen und zu verkaufen, und das WindCheetah war innovativ und revolutionär genug, um damit zu arbeiten. Lotus besaß das Know-how, um das Wind- Cheetah noch aerodynamischer zu machen, da man Zugang zum Windtunnel des Motoring Institute Research Association (MIRA) bei Birmingham hatte. Das Projekt fiel damit zusammen, dass die UCI ihre Vorschriften zu Monocoque- Rahmen lockerte. Jetzt fehlte nur noch eine Marketingstrategie. Thomann, ein begeisterter Radfahrer und kreativer Denker, setzte sich mit Boardman in Verbindung, wobei er die Idee bereits im Kopf hatte. Gab es ein besseres Marketing als einen britischen Fahrer, der auf einem britischen Rad zu olympischem Gold fährt? Er lud Boardman zur MIRA ein und sie verbrachten einen Tag damit, herauszufinden, wie viel aerodynamischer das WindCheetah ihn machen konnte. Anfangs lautete die Antwort: überhaupt nicht. Aber beim ersten Test hatte Boardman auf einem Rad gesessen, das für Burrows, einen viel größeren Mann, gebaut war. Man band Boardmans Arme mit Klebeband an der Unterseite des Lenkers fest und bekamen bessere Ergebnisse. Der Lotus-Aerodynamiker Richard Hill bat ihn, noch etwas tiefer zu gehen, und Boardman wurde in eine extreme Position bugsiert. Es war ein sehr strapaziöser Tag. Da im Februar im nicht beheizten Windkanal getestet wurde, war es so kalt, dass die Luftwiderstandsprofile zeigten, wie Boardman zitterte, aber die Resultate waren so gut, dass Boardman überzeugt war. Lotus kaufte die Rechte an dem Entwurf von Burrows und arbeitete 1992 an einer Rei - he von Modellen. Die neuen UCI-Regeln sahen vor, dass Räder vor Olympia bei internationalen Wettbewerben eingesetzt werden mussten, also schickte der britische Radsportverband (BCF) schlauerweise Bryan Steel, einen guten, aber nicht großartigen Verfolger, zu einem Weltcup- Durchgang ins französische Hyères, um mit dem Lotus Sport anzutreten. Die Offiziellen warfen einen Blick auf das Rad, aber es war ziemlich schwer und Steels Resultate waren nicht brillant, und so bekam der BCF es durch. Das Lotus Sport war zugelassen. Das Rad fing an, die Aufmerksamkeit rivalisierender Teams zu erregen, und die BCF-Mitarbeiter mussten es mit Decken verhüllen. Es gab einige komische Momente, als die F1-geschulten Inge nieure von Lotus zwischen den Rennen unablässig an dem Rad herumfriemelten – durchaus üblich im Motorsport, wo das Auto nach jedem Rennen auseinandergenommen wird, aber weniger verbreitet im Radsport. Der britische Mechaniker stolperte nach einer Wiederzusammenbauaktion über das Lotus Sport und stellte fest, dass die Kurbeln im 90-Grad-Winkel zueinander standen, nachdem Lotus für jede Seite einen anderen Techniker eingesetzt hatte. Doch die BCF- Mitarbeiter bekamen einen Einblick in eine andere Welt, als Hill eine Version in einem nagelneuen Lotus S4-Sportwagen nach Südfrankreich lieferte. Die finale Version, Prototyp vier, war von Fertigungsproblemen heimgesucht. Aufgrund einer Hitzewelle in Südengland härtete das Epoxidharz nicht aus, und die Ingenieure mussten nachts arbeiten, damit der Rahmen fest wurde. Aber er wurde fertig. Genau wie Boardman. Sechs Wochen vor Olympia machte er die letzten Tests auf einem Kingcycle vor einem Amstrad-Computer im Haus des Nationaltrainers Doug Dailey. Dailey war in der Küche und kochte Tee, als Keen in die Küche kam. Dieses Mal waren Boardmans Zahlen alles andere als enttäuschend. „Die Goldmedaille kommt“, sagte Keen zu Dailey. Der Juliabend im Velodròm d’Horta von Barcelona war hell und warm. FEBRUAR 2019 | PROCYCLING 85