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Procycling 02.19

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86 PROCYCLING | FEBRUAR

86 PROCYCLING | FEBRUAR 2019

RETRO 1992 DIE LOTUS-POSITION Boardmans Form war hervorragend und er hatte den mentalen Vorteil, das neue Rad zu fahren. Lotus’ Behauptung, es spare zwölf Sekunden, war eine Marketing-Übertreibung, und einige Experten vermuteten, dass Boardmans neue geduckte Haltung, nicht das Rad selbst, das meiste brachte. Aber die Kombination war furchteinflößend. Bei einer Trainingssession im Velòdrom d’Horta fuhr Boardman drei Kilometer in 3:18 Minuten. Sollte er diese Geschwindigkeit einen weiteren Kilometer lang halten, wäre er im niedrigen 4:20er-Bereich, vergleichbar mit Lehmann bei der Weltmeisterschaft im Vorjahr, aber auf einer Outdoor-Bahn gegenüber Lehmanns Indoor-Zeit. Es gab vier Rennen: Qualifikation, Viertelfinale, Halbfinale und Finale. Boardman gewann in der Qualifikation. Mit 4:27 war er langsamer, als er und Keen gehofft hatten, aber das waren bei der großen Hitze auch alle anderen. Er war drei Sekunden schneller als der nächste Fahrer, ein riesiger Vorsprung auf einer so kurzen Distanz. Im Viertelfinale holte Boardman den dänischen Fahrer Jan Bo Petersen ein und legte eine Zeit von 4:24 hin, richtete sich in der letzten Runde aber auch sichtbar auf, um seinen Rivalen zu zeigen, dass er schneller fahren konnte. Die britische Presse hatte Wind von den Leistungen bekommen und spürte, dass sich die Geschichte der Spiele entfaltete. Boardman für seinen Teil bekam Panikattacken, und er schrieb seine Leistung später dem BCF-Psychologen John Syer zu. Abseits der Bahn fühlte sich Boardman nervös, doch im Rennen war er meisterhaft, fuhr im Halbfinale gegen den Mann statt gegen die Uhr, um frisch ins Finale zu gehen. Keen und Boardman hatten sich für das Finale 4:26 vorgenommen, um gegen Ende noch zulegen zu können, sollte Lehmann auch nur annähernd herankommen. Als die Uhr zum Start heruntertickte, war Boardman bereit. Es war nach einer Runde vorbei – Keen sagte später, dass er nach einer Runde im Velodrom wusste, dass Boardman gewinnen würde. Er war nach einem Viertel der Distanz eine Sekunde schneller und lag nach 2.000 Metern drei Sekunden vorne. Als die volle Distanz fast zurückgelegt war, näherte sich Boardman dem Deutschen und holte ihn dann ein. Die deutschen Zeitungen titelten am nächsten Tag: „Ihr F1 hat unseren Trabant geschlagen.“ Die Geschichte, der Lotus überhaupt nicht widersprach, war, dass das Rad die Goldmedaille gewonnen hatte, dabei war es natürlich nicht ganz so einfach. Das Rad hatte einen klaren aerodyna- Boardman freut sich mit Gattin Sally-Anne über die soeben gewonnene Goldmedaille. mischen Vorteil, aber Lehmann fuhr ein FES-Rad aus Carbon, daher war der relative Vorteil nicht überragend. Shaun Wallace, als Radsportler ein Zeitgenosse von Boardman, der bei der Weltmeisterschaft 1991 in der Verfolgung auf seinem normalen Rennrad Silber holte, fuhr bei den Titelkämpfen 1992 auf dem Lotus. Das Ergebnis: noch eine Silbermedaille. Vielleicht machte das Rad gar nicht so viel aus. Das Lotus war auch schwer, und interessanterweise bildeten die Laufräder keine Linie – sie waren versetzt, weil die Bauweise es so erforderte. Man könnte argumentieren, dass eine direkte Linie von Boardmans Goldmedaille zu dem Erfolg führt, den der britische Radsport in den 2000ern genossen hat. Keens Meinung war, dass die Methode, mit der er bei Boardman arbeitete, auf jeden anwendbar sei, und das bewies er, indem er Yvonne MacGregor bei der Weltmeisterschaft 2000 zu einer Goldmedaille in der Verfolgung führte. Als das Lotterie-Geld in den späten 1990ern in den Radsport floss, gründete er das World Class Performance Programme, das die Leistungen auf der Bahn bei Olympia von SIEGE Etappensiege Klassementsiege / Eintagesrennen JAHR Rad, Sitzposition und Zubehör machten Boardman 1992 schneller. SIEGE AUF DER STRASSE PRO JAHR In den Jahren nach den Olympischen Spielen war Chris Boardman auch auf der Straße erfolgreich. 1 0 2000 an stetig verbesserte. Dave Brailsford löste ihn 2003 als Performance Director ab, und es folgten Olympiasiege, das Team Sky und sechs Tour-de-France-Titel. Die Geschichte, die 1992 endete, war der Beginn einer anderen. 8 1 1 1 1 1989 1991 1993 1995 1997 1999 0 2 4 5 3 © Hennes Roth (D) PhotoSport FEBRUAR 2019 | PROCYCLING 87