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Procycling 03.19

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DAS GROSSE INTERVIEW ©

DAS GROSSE INTERVIEW © Gruber Images, Getty Images (Zeitleiste) Bei der Tour 2014 fuhr Nibali seinen Rivalen schon auf der verregneten Kopfsteinpflaster- Etappe davon. wieder Oberwasser – und dann ging er durch einen baumelnden Kameragurt über Bord. „Kruijswijk führte, aber wir waren im Begriff, zu ihm aufzufahren. Froome attackierte und ich war an seinem Hinterrad, das Motorrad neben mir. Geraint Thomas war hinter mir, als ich stürzte, und der einzige Grund, warum er nicht auch stürzte, war, dass er leicht zurückgefallen war“, erklärt er. „Er hat mich mit dem Fuß getroffen, als er an mir vorbeifuhr, aber er blieb im Sattel. Roglic und Dumoulin waren dahinter, und Froome und ich griffen an … Das Video zeigte das.“ Als Nibali an jenem Abend die Tour verließ, war er Vierter, 2:37 Minuten hinter dem Gelben Trikot Thomas. Trotz der Dominanz des Walisers und von Sky fragt sich Nibali, was er hätte erreichen können. „Ich hatte mir die Tour zum Ziel 2017 Lombardei-Rundfahrt Nibali ist in der Schlussphase zu stark für seinen Mitausreißer Thibaut Pinot und feiert seinen zweiten Sieg beim letzten Monument der Saison. „DIE TOUR IST SCHWER, WEIL DU IMMER KONZENTRIERT BLEIBEN MUSST. IMMER. DU MUSST SEHR AUFPASSEN, WEIL ES SO VIELE STÜRZE GIBT.“ gesetzt, und ich glaube nicht, dass das Rennen beendet war“, sagt er. Unabhängig vom Endergebnis war das Spektakel in der letzten Woche durch sein Fehlen sicher beeinträchtigt, auch wenn Nibali selbst nur Bruchstücke einer Etappe verdauen 2018 Mailand–San Remo Auch ein Anwärter für Nibalis größten Sieg. Er attackiert am Poggio und hält sich die Sprinter nach einer atemlosen Jagd durch San Remo um ein paar Meter vom Leib. konnte, der neuartigen 65 Kilometer kurzen Etappe zum Col de Portet. „Ich konnte es mir nicht anschauen“, drückt er eine unsichtbare Fernbedienung. „Pffft. Ich habe umgeschaltet.“ Nibalis Anlauf auf das Double könnte den Wert des vermutlich letzten großen Zahltages seiner Karriere bestimmen. Sein Bahrain-Merida-Vertrag läuft zum Jahresende aus, und er hat sich noch nicht weiter an das Team gebunden. Laut Generalmanager Brent Copeland lagen die Verhandlungen nach dem Einstieg McLarens als Teampartner auf Eis, wurden mittlerweile aber fortgesetzt. Nibali, der einen Zwei-Jahres-Vertrag anstrebt, wurde in der Zwischenzeit von Trek-Segafredo umworben. „Die Absicht ist, hier zu bleiben, aber wir müssen noch darüber reden“, sagt Nibali. „Und natürlich kann ein Fahrer, wenn er im letzten Jahr seines Vertrags ist, andere Angebote erhalten.“ Das Double nicht zu landen, würde Nibalis Vermächtnis in keiner Weise schmälern. Sein Platz in der Geschichte als einer von sieben Fahrern, die alle drei großen Rundfahrten gewonnen haben, ist sicher, obwohl er in diesem Winter die Idee verwarf, die Rundfahrten zugunsten der Klassiker zurückzuschrauben. „Ich habe immer noch das Gefühl, ein Rundfahrer zu sein“, sagte Nibali. Nibalis Antennen scheinen Kritik viel klarer zu empfangen als Lob. Wahrnehmung ist eine eigentümliche Sache. Ein Blick in die italienische Presse legt nahe, dass er mit fast universeller Ehrfurcht behandelt wird, aber seine Aufmerksamkeit neigt dazu, sich an dem gelegentlichen scharfen Wort des Vorwurfs zu verhaken. Ein besonderes Schreckgespenst ist, dass seine Entscheidung, die Tour 2016 zu nutzen, um sich auf Olympia vorzubereiten, übermäßig kritisiert wurde. „Alle haben mich angegriffen“, sagt Nibali. „Selbst bei Olympia wurde ich gefragt, warum meine Tour so schlecht gelaufen sei.“ Der olympische Traum endete, als Nibali stürzte, die Goldmedaille schon vor Augen. Ein globaler Titel ist die offensichtliche Lücke in seiner Bilanz, dazu war er 2012 einen Kilometer davon entfernt, Lüttich zu gewinnen. Nibali wird seine Ambitionen nicht auf ein einzelnes Rennen beschränken. „Die Weltmeisterschaft, Olympia, Lüttich und Flandern sind Rennen, die ich immer noch gerne gewinnen würde. Vielleicht gerne von jedem eins“, sagt er lachend. „Es gibt so viele schöne Rennen. Auch einen dritten Giro zu gewinnen, wäre ein schönes Resultat – ebenso wie eine zweite Tour.“ Siegen ist das Wort, auf dem die Betonung liegt. Nibali wird als Publikumsmagnet gepriesen, aber 14 Jahre in den Realitäten des Profiradsports haben ihn eine unumstößliche Wahrheit gelehrt: Es ist schön, das Publikum zu unterhalten, aber in seiner Branche hat er die besten Chancen, alle glücklich zu machen, wenn er gewinnt. 18 PROCYCLING | MÄRZ 2019

VINCENZO NIBALI KONTRAPUNKT NIBALI, DER RENNFAHRER Nibali hat einen der vielseitigsten Palmarès in den Rekordbüchern des Radsports aufgebaut. Wir schauen uns die Qualitäten an, die ihm das ermöglicht haben. Text Sam Dansie Es ist keine Frage, dass Vincenzo Nibali der vielseitigste Fahrer im heutigen Peloton ist. An der Aussagekraft seines Palmarès gibt es nichts zu rütteln: Er ist einer von zwei aktiven Fahrern, die alle drei großen Rundfahrten gewonnen haben, und der einzige, der diese Bilanz mit Siegen bei Monumenten erweitert hat – und zwar gleich drei davon: Mailand–San Remo und zwei Auflagen der Lombardei-Rundfahrt. Nibali war Zweiter bei Lüttich–Bastogne–Lüttich und 2013 Vierter der Straßenweltmeisterschaft – trotz eines bösen Sturzes zwei Runden vor Schluss. Er war 24. bei seinem Debüt bei der Fotografie Kristof Ramon Flandern-Rundfahrt. Nibalis Bilanz hebt sich damit nicht nur als kompletteste der Gegenwart ab, sie ist eine der komplettesten aller Zeiten: Er ist einer von nur sieben Fahrern, die alle großen Rundfahrten gewonnen haben, und einer von nur fünf, die alle großen Rundfahrten und ein Monument gewonnen haben. Nibalis früherer Sportlicher Leiter bei Astana, Dmitriy Fofonov, nannte Procycling den Grund seines Erfolgs: „Er ist einfach ein sehr kompletter Fahrer. Egal, was Organisatoren tun, um es spektakulär und schwer für die Fahrer zu machen, er kommt damit zurecht.“ RADBEHERRSCHUNG Nibali ist einer der besten Techniker des Pelotons. Es fand seinen perfekten Ausdruck in der virtuosen Vorstellung auf dem nassen und matschigen Kopfsteinpflaster bei der Tour de France 2014. Er wurde Dritter, indem er nur so über das Pavé glitt, während andere schlitterten und stürzten. Er nahm Fabian Cancellara und Peter Sagan 40 Sekunden ab. Anschließend sprach Sky-Boss David Brailsford von „einem der großen Grand-Tour-Ritte“. „Ich beschloss, dass die beste Art war, alles zu geben“, sagte Nibali in jenem Jahr zu Procycling. „Ich habe mich darauf konzentriert, schnell zu fahren, weil ich wusste, dass das die beste Art war, Probleme zu vermeiden. Der Trick, wenn es einen gibt, sind ein dicker Gang und lockere Hände. Ich habe versucht, mich so weit wie möglich zu entspannen und von der Belastung so viel wie möglich zu absorbieren.“ Diese Fähigkeiten kamen dem Sizilianer bei seinem Debüt bei der Flandern-Rundfahrt im letzten Jahr zugute. Er war eine Gefahr in der Spitzengruppe und attackierte im leicht ansteigenden Stück an einer Kuppe 26 Kilometer vor dem Ziel. Er kam mit der zweiten Gruppe über die Linie. „Eines Tages, wenn Vincenzo sich auf Roubaix konzentrieren würde, wäre er, glaube ich, vorne mit dabei“, sagte Fofonov. MÄRZ 2019 | PROCYCLING 19