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Procycling 06.2019

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CHRISTINE MAJERUS

CHRISTINE MAJERUS Majerus kritisiert die Entscheidung der UCI, das Mannschaftszeitfahren zu streichen. Straßenrennens. Der luxemburgische Verband klopfte an die Tür und bot ihr einen Platz für die Tour de l’Ardèche an. In der folgenden Saison ging sie zum französischen Team ESGL 93-GSD Gestion, wo sie fünf Jahre blieb. Majerus ist eine Teamplayerin. Da sie einen Großteil ihrer Karriere als Helferin verbrachte, zieht sie die Zufriedenheit im Job daraus, anderen zum Sieg zu verhelfen. Dass sie eine feste Größe im Boels-Aufgebot ist, zeigt, wie geschätzt sie als Fahrerin ist. „Natürlich gibt es Rennen, wo du denkst: ‚Heute hätte ich auch gerne gesprintet‘, aber wir sind alle Profi genug, um zu tun, was am besten für das Team ist. Seitdem ich für dieses Team Rennen fahre, war das immer die Priorität“, sagt sie. „Ich weiß, dass wir bei jedem Rennen wenigstens eine im Team haben, die gewinnen kann. Wenn es funktioniert, ist es das beste Gefühl.“ Vielleicht deswegen bringt ihr das Mannschaftszeitfahren eine besondere Befriedigung: das perfekte Beispiel eines Teams, das zusammen für ein Ziel arbeitet. Sie wurde mit Boels Weltmeisterin im Mannschaftszeitfahren in Katar 2016 und gewann drei weitere Silbermedaillen. Von diesem Jahr an ist das Mannschaftszeitfahren kein WM-Event mehr. Die UCI streicht es und führt ein Teamzeitfahren mit gemischten nationalen Staffeln ein. Majerus kann das nicht verstehen. „Es ist enttäuschend, dass sie es gestrichen haben. Wenn es nur gestrichen worden wäre, hätte ich es verstanden, aber es zu ändern …“, sagt sie mit einem verzweifelten Lachen. „Es ist alles gut und schön und Gender Equality und bla bla bla, aber die kleinsten Nationen haben nie eine Chance, bei dem Rennen irgendwas zu gewinnen. Das war das Schöne an dem Markenteam, es ging um das Team, und egal, wo du herkamst, hatte jeder eine Chance. Wenn du zu den Besten gehörtest und im besten Team warst, konntest du gewinnen.“ Sie sagt weiter: „Bob [Jungels, Deceuninck] hat im letzten Jahr gewonnen und ich habe in Katar gewonnen. Aber Luxemburg wird das neue Rennen nie gewinnen; wir würden noch nicht mal in die Medaillenränge kommen. Wir haben starke Fahrer, aber das wird uns niemals gegen die Holländer helfen, die was weiß ich wie viele, Hunderte beste Fahrer haben.“ Majerus gibt zu, dass ihr Urteil über den Verlust des Mannschaftszeitfahrens vielleicht verzerrt ist, weil sie für ein Team fährt, das gut darin ist. Andere, die nicht die Ressourcen haben, um so konkurrenzfähig zu sein, sehen das vielleicht anders. Trotzdem sieht sie das von der UCI neu geschaffene Rennen skeptisch, da es die Fahrer zwingt, ohne viel Training zusammen zu fahren, trotz der technischen und physischen Ansprüche. „Das einst schöne Event auf sehr hohem Niveau wird wie Folklore werden“, sagt sie weiter, „weil es nicht trainiert wird.“ Es ist interessant, Majerus über die Nachteile der holländischen Dominanz im Frauenradsport reden zu hören, wenn man bedenkt, dass sie für das größte holländische Team fährt und die meisten Topfahrerinnen des Landes ihre Teamkolleginnen sind oder waren. Aber bei den meisten Europa- und Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen ihrer Karriere die einzige Fahrerin zu sein, die Luxemburg repräsentiert, hat ihr eine Perspektive gegeben, die ihre Kolleginnen von größeren Radsportnationen nicht haben. „Es ist immer hart, wenn du allein bist. Das ist der Nachteil der Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele“, sagt Majerus. „Es ist schwer, gegen große Nationen zu kämpfen. Das habe ich letztes Jahr bei der Europameisterschaft gesehen.“ Die Europameisterschaften gewann die Italiene- CHRISTINE MAJERUS: WICHTIGE ERGEBNISSE 1. 2. 3. 1. Luxemburgische Straßenmeisterschaft 2010, 2011, 2012, 2013, 2014, 2015, 2016, 2017, 2018 Luxemburgische Zeitfahrmeisterschaft 2007, 2008, 2009, 2010, 2011, 2012, 2013, 2014, 2015, 2016, 2017, 2018 Etappe Festival Elsy Jacobs 2017, 2018 Festival Elsy Jacobs 2017 Etappe Women’s Tour 2015 2016 La Classique Morbihan 2016 Dwars door de Westhoek 2016 Sparkassen Giro 2013 2. Etappe Festival Elsy Jacobs 2018 Etappe Healthy Ageing Tour 2018 Women’s Tour 2017 Etappe Women’s Tour 2017 Flanders Diamond Tour 2016 GP de Plumelec- Morbihan Dames 2016 Drentse Acht van Westerveld 2016 Tour de Bretagne Feminin 2015 Etappe Tour de Bretagne Féminin 2015 (2) Etappe Internationale Thüringen Rundfahrt 2014 Erpe-Mere 2011 Sparkassen Giro 2011 Luxemburgische Straßenmeisterschaft 2008, 2009 3. Etappe Women’s Tour 2015, 2017 (2), 2018 Healthy Ageing Tour 2018 Etappe Healthy Ageing Tour 2018 Driedaagse Brugge-De Panne 2018 Etappe Tour of Norway 2017 Etappe Festival Elsy Jacobs 2016, 2017 (2) EPZ Omloop van Borsele 2016 Etappe Energiewacht Tour 2015, 2016 Etappe Boels Rental Ladies Tour 2015 Etappe Tour de Bretagne Féminin 2012, 2015 Women’s Tour 2015 GP Cycliste de Gatineau 2015 Energiewacht Tour 2015 Novilon Eurocup 2015 Erondegemse Pijl 2013 Knokke-Heist 2011 Etappe Tour Cycliste Féminin International de l’Ardèche 2010 National Championships RR 2007 60 PROCYCLING | JUNI 2019

CHRISTINE MAJERUS rin Marta Bastianelli, die sieben Teamkolleginnen unter den 31 Fahrerinnen hatte, die weniger als eine Minute hinter ihr waren, weit vor dem Rest des Feldes. Es waren auch sieben holländische Fahrerinnen da, und ihre Taktik diktierte das Rennen. „Das war der wohl schlimmste Tag, den ich gesehen habe. Ich sah nur Orange, und sie dominieren das Rennen einfach. Ich hätte um eine Medaille mitfahren können, aber sie haben dich nur abblitzen lassen, die ganze Zeit. Ich mag sie, ich habe mein halbes Leben mit den Dutchies verbracht. Doch du kannst als Fahrerin gut sein, aber du bekommst nie eine Chance, weil du es nicht mit acht Dutchies aufnehmen kannst. Bei der Cyclocross-WM in diesem Jahr gab es diese lange Gerade. Ich schaute auf und sah nur Orange. Es ist nett, dass sie sehr stark sind, es ist gut für sie und das System funktioniert, aber“, sagt sie und stößt Luft aus, „wenn du aus einem kleineren Land kommst, ist es ein bisschen schwer zu akzeptieren.“ Bei der Weltmeisterschaft 2023 haben die Athleten zwar mehrere Tage Zeit zwischen den Bahn- und Straßenwettbewerben. Der Nachteil ist, dass sie die ganze Saison über beides trainieren müssen, statt es zu trennen. Peter Sagan und Ferrand-Prévot wollten bei den Olympischen Spielen 2016 sowohl Mountainbike als auch auf der Straße fahren und mussten sich für eins entscheiden, oder sie hätten sich in beiden Disziplinen schwergetan. „Der Sport wird so spezialisiert, du musst das Training darauf einstellen. Für ein WM-Straßenrennen zu trainieren ist wirklich nicht dasselbe, wie für ein Mountainbike-Rennen zu trainieren, gerade auf höchstem Niveau“, sagt sie. Aber vor 2023 kann sich Majerus auf einiges konzentrieren. Die Flagge ihres Landes hochzuhalten, ist eine Verantwortung, die sie ernst nimmt, auch wenn sie hofft, dass andere sich ihr bald anschließen. „Ich hoffe, dass ich den Mädchen in den letzten paar Jahren gezeigt habe, dass es möglich ist“, sagt sie. „Jetzt sehen wir, dass einige Mädchen versuchen, in den Radsport einzusteigen, und es ist schön zu sehen, dass ich vielleicht etwas dazu beigetragen habe.“ „DU KANNST ALS FAHRERIN GUT SEIN, ABER DU BEKOMMST NIE EINE CHANCE, WEIL DU ES NICHT MIT ACHT DUTCHIES AUFNEHMEN KANNST.“ Majerus ist eine von nur fünf Fahrerinnen, die Straßenradsport mit Cyclocross auf höchstem Niveau kombinieren – Marianne Vos, Lucinda Brand, Pauline Ferrand-Prévot und Jolanda Neff sind die anderen. Ohne Radrennbahn in Luxemburg ist Cross im Winter die Sportart der Wahl. Nach einer Saison, in der sie für andere auf der Straße fährt, gibt es ihr Freiheit. „Manchmal macht es mehr Spaß als auf der Straße. Auf der Straße ist es strenger“, sagt sie. „Ich muss nicht an andere denken; ich kann mich auf mich selbst konzentrieren. Nach einer langen Zeit, wo ich für andere da sein muss, ist es gut für die Psyche.“ Wenige Fahrerinnen nehmen regelmäßig sowohl Straße als auch Cross auf höchstmöglichem Niveau in Angriff – was zeigt, wie groß die Herausforderung ist. Die Struktur des Kalenders gibt den Fahrerinnen aber die Möglichkeit, es auszuprobieren. Sowohl Bahn als auch Cross finden im Winter statt, wenn die Straßensaison ruht. Aber in vier Jahren wird es anders aussehen, wenn bei der ersten kombinierten Radsport-Weltmeisterschaft 2023 in Glasgow Fahrer und Fahrerinnen in zwei Wochen im August um Regenbogentrikots auf der Straße, der Bahn, im Mountainbiking und BMX kämpfen. Es wird als Radsport-Olympia verkauft, aber Majerus ist skeptisch. „Da ist die Gefahr, es zu übertreiben. Ich glaube, Burnout ist ein echtes Problem. Ich habe Angst, dass die UCI die Gesundheit der Athleten nicht über ihr Marketing und/oder das finanzielle Ergebnis stellt“, sagt sie. Majerus gewinnt die erste Etappe ihres Heimrennens Festival Elsy Jacobs 2017. © Velofocus JUNI 2019 | PROCYCLING 61