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Procycling 06.2019

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NACHLESE ANALYSE •

NACHLESE ANALYSE • ERKENNTNISSE • DATEN © Getty Images PARIS–ROUBAIX / 14.04.2019 GILBERT MEISTERT DAS PAVÉ VON ROUBAIX Die letzten Meter von Paris–Roubaix 2019 hätten leicht unter dem Motto „Erfahrung gegen Jugend“ dargestellt werden können. Als das alte Schlachtross Philippe Gilbert und der junge Emporkömmling Nils Politt, die letzten Überlebenden in einem Rennen mit gnadenloser Auslese, erschöpft ihre Runde im ERGEBNIS Velodrom drehten, Politt vorne, Gilbert an sein Hinterrad geheftet, blieb den Zuschauern ausreichend Zeit, über die zwölf Jahre Altersunterschied zwischen den beiden nachzudenken. Als Gilbert sein erstes Rennen als ausgewachsener Profi fuhr, die Trofeo Laigueglia 2003, war Politt acht Jahre alt. Doch die Sache hatte einen klei- FAHRER TEAM ZEIT 1 Philippe Gilbert Deceuninck–Quick-Step 5:58:02 2 Nils Politt Katusha-Alpecin 0:00 3 Yves Lampaert Deceuninck–Quick-Step + 0:13 4 Sep Vanmarcke EF Education First + 0:40 5 Peter Sagan Bora–hansgrohe + 0:42 Gilbert im Glück: Mit seinem Sieg in Roubaix hat der Belgier nun vier von fünf Monumenten gewonnen. 75 Siege in Philippe Gilberts Karriere nen Dreh: Roubaix 2019 war erst Gilberts dritter Versuch bei dem Rennen, während es Politts vierter war. Aber das plus die Zuversicht der Jugend waren alles, was Politt hatte; alles andere sprach gegen ihn, als das Rennen in die letzte Phase ging. Das Duo hatte schon 67 Kilometer vor dem Ziel eine effektive Allianz gebildet, und es gab wenig Zweifel, dass die zwei stärksten und aktivsten Fahrer aus dem Gemetzel hervorgegangen waren. Doch zwei Kilometer vor dem Ziel hatte Gilbert Politt an die Spitze manövriert und den Deutschen vor die Wahl gestellt: bis ins Ziel arbeiten und einen ersten oder zweiten Platz sicher haben, oder langsamer werden und es Gilberts heranrauschendem Teamkollegen Yves Lampaert ermöglichen, die Lage zu verkomplizieren. Der belgische Meister hatte sein 40-Sekunden-Defizit, das er fünf Kilometer vor der Linie hatte, halbiert – wenn Politt Spielchen gespielt hätte, hätte Gilbert Verstärkung gehabt. Gilbert hatte Politt die Illusion der Kontrolle über den Ausgang seines Rennens gegeben, aber in Wirklichkeit hatte der junge Kölner nur die Wahl zwischen 78 PROCYCLING | JUNI 2019

Edward Pickering Herausgeber Ed hält das neue Finale von Lüttich für eine Verbesserung, doch im Detail gibt es noch Optimierungsbedarf. Sam Dansie Redakteur Seit dem Film „Die üblichen Verdächtigen“ hat Sam keine so überraschende Wendung wie van der Poels Amstel-Sieg gesehen. Sophie Hurcom Procycling-Autorin Die Klassiker bringen immer wieder Überraschungen, dennoch waren Bettiols Flandern-Sieg und Gilberts Erfolg in Roubaix etwas Besonderes. Sadhbh O’Shea Procycling-Autorin Zwei spannende Rennen mit zwei verdienten Siegern – der Tag des Amstel Gold hatte es wirklich in sich. einer Niederlage und einer Niederlage. Politt führte bis in die letzte Kurve, dann steckte Gilbert seine Nase ein letztes Mal in den Wind, schoss die Bande herunter und gewann den Sprint souverän. Alter hatte Jugend geschlagen, obwohl die Frage der Erfahrung ambivalenter war – ein relativer Roubaix-Neuling hatte einen anderen geschlagen. Paris–Roubaix 2019 beruhigte sich nie. Schuld daran war in gewisser Weise der Überraschungssieger von 2016, Mathew Hayman. Der Australier, ein starker Roubaix-Fahrer, aber sicher kein Favorit für den Sieg, hatte in jenem Jahr die frühe Ausreißergruppe infiltriert, und während die anderen Favoriten sich gegenseitig fertigmachten, achtete niemand auf ihn und er ging frisch genug ins Finale, um Boonen auf der Radrennbahn im Sprint zu schlagen. Man denke auch an Rennen im letzten Jahr: Silvan Dillier ging in die frühe Ausreißergruppe und wurde Zweiter, nachdem ihm ein Ad-hoc-Deal von Peter Sagan angeboten wurde: Fahr’ mit mir und werde Zweiter oder fahr’ nicht mit mir und werde nicht Zweiter. Alle waren beim diesjährigen Rennen daher so scharf darauf, in die frühe Ausreißergruppe zu gehen, dass diese nie wegkam. Es gab eine Angriffswelle nach Nils Politt zeigte sein ganzes Klassiker-Potenzial, indem er die siegbringende Attacke initiierte. der anderen, bevor sich 150 Kilometer vor dem Ziel eine Gruppe von 23 Fahrern bildete. Bis auf sechs Teams waren alle vertreten, und es ist rückblickend bemerkenswert, dass mit Politt und Lampaert zwei Fahrer in der Gruppe waren, die später auf dem Podium standen. Was man bei Rennen wie Paris–Roubaix nicht vergessen darf, ist, dass die Regeln, die wir bei Grand-Tour-Etappen und kürzeren Rennen anwenden, nicht gelten. Wenn Fahrer auf einer Grand-Tour-Etappe angreifen, haben die anderen Teams sechs oder sieben Helfer, um die Verfolgung aufzunehmen. Wenn man diese sechs oder sieben Helfer mit fünf oder sechs – oder so vielen Sprintern, wie bei dem Rennen sind – multipliziert, wird klar, dass eine vierköpfige Gruppe keine Chance hat. Aber in den letzten 90 Minuten von Paris–Roubaix ist das Feld keine geschmeidig rotierende, 150 Mann starke Gruppe mehr. Es ist ein zerrüttetes Kollektiv von 40 oder 50 Fahrern, von denen die Hälfte nur mitrollt. Sieganwärter können von Glück sagen, wenn sie noch einen oder zwei Teamkollegen zur Unterstützung haben. Wenn ein Team tatsächlich noch mit mehreren Fahrern vertreten ist, ist es ein Vorteil. Politts nächste Attacke 67 Kilometer vor dem Ziel, bei der Gilbert mitging, stellte sich als entscheidender Moment heraus. Während Gilberts Team - kollegen sich in der Verfolgergruppe breit machten, blieb es an den Sieganwärtern hängen, die stark genug waren zu kontern und zu versuchen, Politt und Gilbert zu neutralisieren. Titelverteidiger Sagan schaffte den Sprung zusammen mit Lampaert, Van Aert und Vanmarcke plus zwei vorübergehenden Mitfahrern in Gestalt von Laporte und Sarreau. Das war keine Verfolgung, es war eine Gruppe, die sich von den Verlierern trennte, und als die sechs sich vorne zusammengeschlossen hatten, hatten sie mehr Schlagkraft als das Peloton. Als die sechs stärksten Fahrer des Rennens vorne an der Spitze waren, waren die Würfel gefallen. Als Van Aert angreifbar aussah und Vanmarcke einen Defekt hatte, fuhr Politt 15 Kilometer vor dem Ziel eine weitere entschlossene Attacke. Wieder ging Gilbert mit. Aber dieses Mal konnte das keiner der anderen. DIE DOMINANZ VON DECEUNINCK Gilberts Roubaix-Sieg zementierte ein weiteres Frühjahr der absoluten Dominanz von Deceu ninck– Quick–Step bei den Klassikern. Von den 13 großen Eintagesrennen der europäischen Frühjahrssaison konnten sie sieben gewinnen und waren bei weiteren vier in den Top Vier. Die einzigen relativen Flops waren Gent–Wevelgem, wo Viviani nach einem Rennen, das schwerer war als alle erwarteten, im Gruppensprint auf den 19. Platz durchgereicht wurde, und Lüttich, das ein Rennen zu viel für Julian Alaphilippe war (dessen Strade Bianche-San Remo-Flèche-Hattrick ihn trösten dürfte). Der Franzose war 16. bei Lüttich–Bastogne–Lüttich. Das Geheimnis von Deceunincks Erfolg ist eigentlich kein Geheimnis. Sie haben eine außerordentliche Stärke in der Tiefe, insbesondere auf dem Kopfsteinpflaster. Bei den flämischen Klassikern hatte ihre Kerntruppe vier potenzielle Gewinner bei jedem Rennen – Gilbert, Lampaert, Stybar und Jungels. Lampaert stand wahrscheinlich unter den Sieganwärtern des Teams an vierter Stelle, wäre aber in jedem anderen Team klarer Kapitän gewesen. Außerdem scheinen sie ein Modell des totalen Radsports zu betreiben, wo der Kapitän im Rennen durch die Umstände auf der Straße bestimmt wird, und wenn diese Umstände zusammenkommen, betätigen sich alle anderen als Helfer – in dem Wissen, dass ihre Zeit kommen wird. DECEUNINCKS ERFOLGE RENNEN DQS BESTER FAHRER Omloop Het Nieuwsblad 1. Zdenĕk Štybar Strade Bianche 1. Julian Alaphilippe Mailand–San Remo 1. Julian Alaphilippe E3 BinckBank 1.t Zdenĕk Štybar Gent–Wevelgem 19. Elia Viviani Dwars door Vlaanderen 3. Bob Jungels Flandern-Rundfahrt 2. Kasper Asgreen Paris–Roubaix 1. Phillipe Gilbert Amstel Gold 4. Julian Alaphilippe Flèche Wallonne 1. Julian Alaphilippe Liège–Bastogne–Liège 16. Julian Alaphilippe © Kramon JUNI 2019 | PROCYCLING 79