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Procycling 07.2019

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Fignon schaut auf der

Fignon schaut auf der 16. Etappe nach Briançon über die Schulter und seinem Kontrahenten LeMond direkt in die Augen. 100 PROCYCLING | JULI 2019

RETRO TOUR DE FRANCE 1989 Als Delgado aus dem Rennen war, deutete der Prolog das künftige Muster des Rennens an: Fignon und LeMond zeitgleich auf dem zweiten Platz hinter dem Niederländer Erik Breukink. Der zweite Tag unterstrich, dass Fignons Team Super U viel stärker war als LeMonds ADR. Die drei Buchstaben standen, wie die belgischen Fans spotteten, für al de restjes – die gesam melten Reste, also die Fahrer, die kein anderes Team wollte. Der Vertrag mit LeMond war erst zu Neujahr 1989 zustande gekommen, als der Toursieger von 1986 die Nummer 345 der Weltrangliste war. Beim Mannschaftszeitfahren flog Super U förmlich, und ihr Kapitän hatte einen der seltenen Tage, an dem er sich wie 1984 fühlte. Er schrieb später: „Ich konnte die Power in mir fühlen, die Power, die ich an meinen besten Tagen hatte. Es war fast Ekstase zu wissen, dass ich wieder auf diesem Niveau der Allerbesten angekommen war.“ Seine Mannschaft nahm ADR 51 Sekunden ab. Nach zwei flachen Etappen und einem lan -gen Transfer nach Westen ließ die dritte Runde erkennen, was LeMond in petto hatte. Er und Delgado waren eine Stunde früher als Fignon in das 73 Kilometer lange Zeitfahren der 5. Etappe gegangen – ein Marathon für heutige Verhältnisse – und hatten von dem trockeneren und ruhigeren Wetter profitiert. LeMond nahm Fignon 56 Sekunden ab, während Delgado sich zurückzukämpfen begann und 32 Sekunden auf den Franzosen gutmachte. Hier kam das große Thema des Rennens auf: LeMond und seine Lenkeraufsätze, die Triathleten Anfang der 1980er eingeführt hatten. Auch wenn sie etwas unhandlich aussahen, brachten sie in Sachen Aerodynamik sehr viel. LeMond war FIGNON ÄRGERTE SICH ZUNEHMEND ÜBER LEMONDS WEIGERUNG, MIT IHM ZUSAMMENZU - ARBEITEN. VOM ÄRGER GETRIEBEN, GRIFF ER AN. bei der Tour de Trump schlecht gefahren, aber er hatte den Lenker gesehen und wollte einen; er lud ihren Erfinder, Boone Lennon von der Firma Scott (der sich von der Armhaltung von Abfahrtskiläufern hatte inspirieren lassen), ein, zur Tour zu kommen und sein Rennrad einzurichten. Es war ein amerikanisches Ding: Das 7-Eleven-Team hatte sie bei der Tour de Trump ausprobiert, und am Morgen des Zeitfahrens sprach sein Management mit den Kommissären, um sich den Einsatz absegnen zu lassen. Man nahm einen wichtigen Sponsor mit: den Ausrüster Eddy Merckx. Das war die Herangehensweise der neuen Welt. Fignon und sein Manager Cyrille Guimard hielten davon nichts: Sie konnten mitten im wichtigsten Rennen der Saison doch kein neues Material einsetzen. Das war, wie Fignon schrieb, ein „unantastbares Prinzip“ von ihnen. Eine ver- nünftige Einstellung unter normalen Umständen, aber in diesem Fall desaströs. Nach dem Zeitfahren in Rennes trug LeMond Gelb, Fignon lag fünf Sekunden zurück, und so blieb es bis zu den Pyrenäen. Hier griff das Reynolds-Team von Delgado an. In einem klassischen taktischen Manöver schickte es auf dem ersten Tagesabschnitt nach Cauterets einen bärenstarken jungen Helfer aus der Navarra namens Miguel Indurain auf dem Weg zum Au bisque voraus, um als Sprungbrett für seinen Kapitän zu dienen. Indurain fuhr zwischenzeitlich sechs Minuten Vorsprung heraus, aber Delgado konnte kaum davon profitieren, startete einen späten Angriff und machte ein paar Sekunden gut. LeMond und Fignon kamen zusammen ins Ziel. Runde vier war ein weiteres Remis. In Runde fünf am folgenden Tag nach Superbagnères zeigte Delgado, dass er ohne seinen Lapsus am ersten Tag wahrscheinlich die Tour gewonnen hätte. Er schloss sich einer frühen Ausreißergruppe mit Charly Mottet und dem späteren Etappensieger Robert Millar an und machte über drei Minuten gut. Dahinter ärgerte sich Fignon zunehmend über LeMonds Weigerung, mit ihm zusammenzuarbeiten und das Trio zu verfolgen. Fignon kletterte immer noch nicht in Bestform, aber vom Ärger getrieben, griff er auf dem letzten Kilometer an und nahm LeMond das Gelbe Trikot um sieben Sekunden ab. Damit ging Runde fünf knapp an ihn. Am folgenden Morgen sagte Le- Mond Fignon im Village Départ die Meinung. Aber das war die einzige Auseinandersetzung zwischen den beiden an den folgenden vier Tagen, als das Rennen nach Südfrankreich und zum Fuße der Alpen führte. Fignons Teamkollege Vincent Barteau gewann die Etappe nach Marseille, der Abschnitt am 14. Juli führte zur Feier des 200. Jahrestages der Revolution in die Heimat der französischen National hymne. Mit einem Franzosen in Gelb. Vive le Tour! Vive la France! Es gab sechs Tage in den Alpen, und die Intensität steigerte sich zusehends. Erst kam das Bergzeitfahren der 15. Etappe, was eine Wiederholung von Rennes war: Auf den 39 Kilometern verlor Fignon 47 Sekunden auf LeMond. Runde sechs ging an LeMond, der jetzt mit 40 Sekunden Vorsprung in Gelb war. Zwei Tage später – nach einem Ruhetag – führte das Rennen über den Col d’Izoard nach Briançon. Fignon wurde von LeMond abgehängt – es war das einzige Mal in dem Rennen, dass der Amerikaner ihn in einem Anstieg abschüttelte, nachdem er sich mehrmals wieder an die Spitzengruppe herangekämpft hatte, in der Delga- Greg LeMond in Gelb am Hinterrad des Franzosen Charly Mottet. JULI 2019 | PROCYCLING 101