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Procycling 07.2019

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RETRO TOUR DE FRANCE

RETRO TOUR DE FRANCE 1989 Robert Millar führt Charly Mottet auf der 10. Etappe nach Superbagnères, die er gewinnen wird. do verzweifelt versuchte, mehr verlorene Zeit gutzumachen. Damit ging Runde sieben an den Amerikaner, der seinen Vorsprung auf 53 Sekunden ausbaute. Als Nächstes kam Alpe d’Huez via Galibier und Croix de Fer, wo Fignon und Guimard beschlossen, am Schlussanstieg alles auf eine Karte zu setzen. „Um die Höllenfeuer anzuzünden“, wie Fignon es formulierte. In der ersten Haarnadelkurve attackierte er – einmal, zweimal, dreimal. „Über seinen Lenker gebeugt, holte LeMond alles aus sich heraus, um wieder an ihn heranzukommen. Dann war es an ihm zu attackieren. „Ich bin wieder gegangen. Ein paar Sekunden später war er wieder an meiner Seite. Es war Gleichstand. Wir konnten nicht mehr atmen oder irgendein Gewicht auf die Pedale bringen.“ Sechs Kilometer vor dem Gipfel der Alpe fuhr Guimard zu Fignon hin und sagte ihm, dass LeMond in Schwierigkeiten war. Fignon regenerierte sich noch, setzte seine Attacke aber zwei Kilometer später. Guimard hatte recht gehabt: Sein Kapitän nahm LeMond bis zum Ziel 20 Sekunden ab. „Wäre ich gegangen, als Guimard es mir gesagt hatte, hätte ich die Tour gewonnen.“ Runde acht ging an Fignon, der mit 26 Sekunden wieder führte. Aber er wusste, dass es nicht ausreichen würde, um den Sieg in Paris zu garantieren. Daher ging Fignon am nächsten Tag wieder in die Offensive, am vorletzten Anstieg vor dem Finale in Villard-de-Lans. Er fuhr fast eine Minute LEMOND IN EKSTASE, SEINE HAND ZERDRÜCKT EINE FLASCHE MINERAL- WASSER: EINES DER PRÄ- GENDEN BILDER DER TOUR. heraus, bevor er am Schlussanstieg in den Gegenwind hineinfuhr. Trotzdem gewann er die Etappe mit 24 Sekunden. „An dem Abend herrschte Euphorie. Ich war sicher, dass ich die Tour gewonnen hatte“, sagte er. Runde neun ging an Fignon. Die unvorhersehbare Form des Super-U-Kapitäns wurde besser, aber dann traf er eine fatale Entscheidung. An den kleineren, voralpinen Anstiegen auf dem Weg nach Aix-les-Bains auf der 19. Etappe flog er förmlich mit „Flügeln an den Füßen“, erinnerte er sich. „Am Col de Porte gewann ich jedes Mal, wenn ich als Erster in eine Haarnadelkurve fuhr, zehn Meter.“ An einem Punkt attackierte er, ohne es zu bemerken, riss eine Lücke und nahm dann Tempo raus. Es waren noch 70 Kilometer bis zum Ziel; der alte Fignon hätte es wissen sollen. Merckx oder Hinault hätten es wissen sollen. Aber dies war der postoperative Fignon, nicht mehr „jung und unbekümmert“. Er wollte auf Nummer sicher gehen. In Aix-les-Bains kämpften die fünf stärksten Fahrer um den Etappensieg: LeMond gewann, fuhr aber keine Zeit heraus. Betrachten wir Runde zehn als unentschieden. Womit die unsterbliche letzte Etappe nach Paris blieb. Fignon, geschwächt durch eine wunde Stelle am Gesäß, wegen der er kaum sitzen konnte – nicht nur auf dem Sattel seines Rennrads, sondern auf allem –, gegen LeMond, der überzeugt war, noch gewinnen zu können, und die Hilfe eben jenes Triathlonlenkers hatte. Fignon war überzeugt, nicht verlieren zu können; er schätzte, dass der Amerikaner 50 Kilometer brauchen würde, um die nötige Zeit herauszufahren. LeMond hatte 24,5 Kilometer von Versailles auf die Champs-Élysées. Sie starteten in einem Abstand von zwei Minuten. Nach fünf Kilometern sagte Guimard Fignon, dass er sechs Sekunden verloren habe. Der Franzose hörte auf, in die Pedale zu treten, und schaute ungläubig zum Mannschaftswagen. Danach gab ihm Guimard keine weiteren Informationen mehr. LeMond erhielt gar keine Zwischenzeiten. Aber die Zuschauer konnten sich ausrechnen, dass der Amerikaner das bessere Ende für sich haben würde. Nach und nach akkumulierten sich die Sekunden, bis LeMond 4,5 Kilometer vor dem Ziel 45 Sekunden Vorsprung hatte. Er wurde Erster, gefolgt von Fignon: Dieser war 58 Sekunden langsamer als LeMond und im Begriff, mit ein paar Metern Rückstand zu verlieren. Das überforderte französische Fernsehen gab LeMond Kopfhörer und versuchte, ihn in den letzten kritischen Momenten zu interviewen. Er konnte die Frage nicht hören wegen des Getöses der ausrastenden Menge. Wie der altgediente amerikanische Journalist Sam Abt schrieb: „Als klar wurde, dass Fignon nicht rechtzeitig ins Ziel kommen würde, fing LeMond an, mit den Fäusten in die Luft zu boxen, einen Aufwärtshaken nach dem anderen.“ LeMond in Ekstase mit aufgerissenen Augen, seine Hand zerdrückt eine Flasche Mineralwasser: Es ist eines der prägenden Bilder der Tour- Geschichte. Die großartigste Tour aller Zeiten war zu Ende: Runde elf an LeMond; Spiel, Satz und 102 PROCYCLING | JULI 2019

Sieg. Dieser ließ auf seinen Toursieg wenige Wochen später den Weltmeistertitel folgen, wiederholte sein Duell mit Fignon an der Côte de la Montagnole hoch über Chambéry. Ein monströs großer Vertrag mit Z-Peugeot, der erste siebenstellige Vertrag des Radsports, war sein Lohn. Was war mit seinem gefallenen Rivalen? Fignon war nie wieder derselbe, aber glauben Sie die Geschichten nicht, dass er die Champs-Élysées nie wieder betreten hätte. Zusammen mit dem Fotografen Graham Watson habe ich ihn 1993, nach seinem Karriereende, dorthin begleitet. Ich werde nie seinen gebeugten Rücken vergessen, als er in einem knalligen Schottenmantel posierte. Er sah nicht glücklich aus. Und wer wollte es ihm verdenken? An jenem Nachmittag wurde aus dem Mann, der zwei Frankreich-Rundfahrten gewonnen hatte, der Mann, der die Tour um acht Sekunden verlor. Fignon beendete seine Karriere 1993. In den späten 90ern und frühen 2000ern übernahm er die Organisation von Paris–Nizza. Er starb viel zu jung, im August 2010, mit gerade mal 50 Jahren. Ich habe einen anhaltenden (und überhaupt nicht bitteren) Groll gegen die Tour 1989. Ich habe 1990 angefangen, von der Tour zu berichten, das Jahr nach dem Epos, und das Rennen 2017 war mein letztes. Es gab verschiedene Gründe, warum ich nicht weitermachte. Einer war, dass bei jeder Tour, die ich verfolgte, ein kleines Stück von mir hoffte, dass ich drei Wochen erleben und beschreiben könnte, die mit dem Epos von 1989 vergleichbar wären. Tut mir leid, Indurain, Chiappucci, Ullrich, Armstrong, Wiggins und Froome: Ihr habt es nicht gebracht. Meine Gefühle sind ein Klacks. Stellen Sie sich vor, wie sich Jean-Marie Leblanc gefühlt haben muss, der 1989 als Tour-Organisator übernahm und dann vor der unmöglichen Aufgabe stand, das Rennen jedes Jahr im Schatten des ultimativen Duells zu entwerfen. Er baute nie wieder ein Zeitfahren auf den Champs-Élysées ein. Nichts hat je an 1989 herangereicht, und wahrscheinlich wird nichts je wieder so spannend sein … jedenfalls keine Tour de France. Das Podium in Paris: LeMond ist im siebten Himmel, Fignon kann’s nicht fassen und Delgado ärgert sich. 1989 TOUR DE FRANCE TOP 10 1 Greg LeMond ADR 87:38:35 2 Laurent Fignon Super U + 0:08 3 Pedro Delgado Reynolds + 3:34 4 Gert-Jan Theunisse PDM + 7:30 5 Marino Lejarreta Paternina + 9:39 6 Charly Mottet RMO + 10:06 7 Steven Rooks PDM + 11:10 8 Raúl Alcalá PDM + 14:21 9 Sean Kelly PDM + 18:25 10 Robert Millar Z-Peugeot + 18:46 JULI 2019 | PROCYCLING 103