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Procycling 07.2019

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L E TO U R 20 19

L E TO U R 20 19 RENNVORSCHAU Die Aussicht vom Col de l’Iseran ist eine der erhabensten und kärgsten in den Alpen. Die Passstraße schmiegt sich in den Sattel zwischen dem knapp über 3.000 Meter hohen Pointe des Lessières im Westen und dem etwas höheren, aber weiter entfernten Signal de l’Iseran auf der anderen Seite. Die italienische Grenze und das Aostatal sind nur ein paar Kilometer weiter östlich. Die Zinnen und Kessel des Massif de la Vanoise erstrecken sich in die Ferne – der Col ist weit über der Baumgrenze, und nichts mildert die harten Konturen der Geröllfelder und Felsen ab außer etwas kümmerlichem Gras auf saurem Boden und Schneeflecken, die sich in den meisten Jahren den ganzen Sommer über halten. Eine unwirtliche Szenerie, doch Schönheit liegt im Auge des Betrachters – einigen wird der Blick vom Gipfel des Col de l’Iseran gefallen. Anderen vielleicht weniger. Von diesem luftigen Ausguck, 2.770 Meter hoch gelegen und nach gut zwei Dritteln der 19. Etappe der Tour de France 2019 kommend, werden die Fahrer fast bis Paris schauen können – wenn nicht wörtlich, so doch bildlich. Es sind noch ein paar Hindernisse zu überwinden: eine Linkskurve und die Kletterpartie nach Tignes am selben Tag, an dem der Iseran in Angriff genommen wird; der Cormet de Roselend und der lange, schwere Anstieg nach Val Thorens am nächsten Tag. Aber obwohl noch ein erheblicher Höhengewinn kommt, geht es zum Ende des Rennens netto bergab. Psychologisch zählt das viel, ins besondere angesichts dessen, was vorausgegangen ist. Wenn die Tour 2019 ein Thema hat, dann ist es große Höhe. Das Rennen durchbricht ganze sieben Mal die 2.000-Meter-Marke, verglichen mit viermal im letzten Jahr. Drei der Bergankünfte – der Col du Tourmalet, Tignes und Val Thorens – sind zwei Kilometer oder mehr über Meereshöhe. Der Iseran ist der fünfte von sieben Giganten der Tour 2019 - und der höchste von allen. Auf diesen Gipfeln wird die Tour gewonnen und verloren. So große Berge sind nicht zu übersehen. Sie nehmen in der Fantasie der Fans und den Köpfen der Fahrer und ihren Teams viel Raum ein. Aber Berge werfen auch lange Schatten, und man sollte ebenso wahrnehmen, was sie verbergen. Natürlich wird das Hochgebirge die Gestalt der Gesamtwertung der Tour 2019 definieren, und es ist ans Ende des Rennens gepackt. Es gibt mehr 2.000-Meter-Berge als seit vielen Jahren bei der Tour, und der erste kommt erst auf der 14. Etappe, wobei sechs der sieben sich auf die drei Tage in den Alpen von der 18. bis zur 20. Etappe konzentrieren. Aber die primäre Taktik jedes Toursiegers seit 2012 war, früh Zeit zu gewinnen und den Vorsprung zu verteidigen – Wiggins 2012, Froome 2013, 2015, 2016 und 2017, Nibali 2014 und Thomas 2018. Die Herausforderung, die die A.S.O. bei der Gestaltung der Tour 2019 ausgegeben hat, war, sie schwieriger zu machen – mit zermürbendem Terrain in der zweiten Hälfte des Rennens, kombiniert mit einer kniffligen Eröffnungsphase, die mit potenziellen Fallen gespickt ist. Die erste Hälfte der Tour 2019 ist die Art von Terrain, mit dem Kletterer oft nicht zurechtkommen, die zweite Hälfte das genaue Gegenteil. Die A.S.O. probierte alles Mögliche aus, die Finger des Teams Ineos, früher Team Sky, vom Coupe Omnisports, der mitternachtsblauen Porzellan-Trophäe, die dem Toursieger jedes Jahr auf den Champs-Élysées verliehen wird, loszueisen. Sie stutzte die Zeitfahren, entlieh Kopfsteinpflaster-Passagen vom Schwester-Rennen der Tour, Paris–Roubaix, verringerte die Anzahl von Bergankünften, erhöhte die Anzahl von Bergankünften, experimentierte mit mehr Talankünften, suchte steilere Anstiege aus, erforschte das Mittelgebirge, beschnitt die Länge einiger Bergetappen auf deutlich unter 100 Kilometer und ließ sich sogar von der UCI helfen, die die Teamgröße von neun auf acht Fahrer reduzierte. Ganz zu schweigen vom merkwürdigen Staffelstart in Bagnères-de-Luchon im letzten Jahr. Nichts davon hat funktioniert – die einzige Unterbrechung in sieben Jahren Dominanz (deren Ende © Getty Images (unten) Der Col d’Izoard auf der 18. Etappe ist einer von sieben Pässen über 2.000 Meter. Mit so vielen Stars dürfte Team-Sky-Nachfolger Ineos das Rennen wieder dominieren. 34 PROCYCLING | JULI 2019

EXPERTENMEINUNG EDWARD PICKERING Procycling-Herausgeber Wen siehst du auf dem Podium? Froome. Ich hoffe, dass Dumoulin ihm ungeachtet der wenigen Zeitfahr-Kilometer eng ge - nug im Nacken sitzt, damit Froome taktisch so abenteuerlich fahren muss wie beim Giro 2018, aber das wird nicht Plan A sein. Mein Herz sagt, dass Bardet oder Pinot Dritter wird, aber mein Kopf sagt, dass es wahrscheinlich Thomas oder Bernal ist. Wer kommt sonst noch in die Top Ten? Kruijswijk und Quintana werden sich durchbeißen. Bei Pinot ist eine gute Tour fällig, Adam Yates und Dan Martin sind bei ihrem Team für die Gesamtwertung zuständig. Fuglsang hat ein tolles Jahr, und ein merkwürdiges radsportjournalistisches Muskelgedächtnis sagt mir, dass auch Richie Porte vorne mitmischen sollte. ES GIBT MEHR 2.000-METER-BERGE ALS SEIT VIELEN JAHREN BEI DER TOUR, UND DER ERSTE KOMMT ERST AUF DER 14. ETAPPE. nicht absehbar ist) war der Sturz, der Chris Froome 2014 zur Aufgabe zwang, und so etwas kann (und will) man nicht planen. Es ist verständlich, dass sich die A.S.O. daran stört, wie leicht das britische Team den Toursieg aussehen lässt. Natürlich ist der Sinn des Rennens, dass der beste Mann gewinnt, aber selbst wenn bestimmte Fahrer oder Teams die Tour in der Vergangenheit dominiert haben, hatte man weniger das Gefühl, dass das Rennen vorbei war, bevor es begonnen hatte. Der Eindruck ist, dass Hinault, Indurain und sogar Merckx immer noch antreten und das Rennen gewinnen mussten, aber Ineos hat die Tour gehackt. Sie haben den stärksten Fahrer und das stärkste Team, eingekauft und bezahlt von den Sponsoren im Radsport, die am tiefsten in die Tasche greifen. Und das ist das Unverzeihliche in den Augen der Puristen – sie sind negativ und defensiv gefahren, haben zahlenmäßige Stärke und kühle Wissenschaft genutzt, um die Ambitionen ihrer Rivalen einzufrieren. Früher mussten Fahrer antreten und die Tour gewinnen, jetzt hat man das Gefühl, dass Ineos sie bereits gewonnen hat – und ihre Rivalen und in gewissem Maße auch die A.S.O. müssen ihre Niederlage anerkennen. Bei Redaktionsschluss waren unter den Top Five der Wettanbieter drei Ineos- Fahrer: Chris Froome, Geraint Thomas and Egan Bernal. Die einzigen Eindringlinge waren Tom Dumoulin, der letztjährige Tour-Zweite, und Primož Roglič, der wohl nicht auf Gesamtwertung fahren wird, nachdem er den Giro d’Italia in Angriff genommen und gesagt hat, seine Ambitionen im Juli würden sich darauf beschränken, als Helfer für seinen Jumbo–Visma-Kapitän Steven Kruijswijk zu fahren. Mit anderen Worten: Allem Anschein nach hat Ineos derzeit drei extrem realistische Anwärter auf das Gelbe Trikot, während eine kleine Handvoll Teams einen, die meisten aber keinen haben. Der Griff von Ineos wird fester, nicht lockerer. Das Team war schon einmal Erster und Zweiter - 2012, als Wiggins sich gegen Froome durchsetzte, nicht ohne ein gewisses Drama um die Ka- Wer wird die Überraschung sein? Bora–hansgrohe hat ein paar junge Rundfahrer, die im Begriff sind, ihr Potenzial zu entfalten. Emanuel Buchmann und Patrick Konrad könnten es in die Top Ten schaffen. Pierre Latour wird Helferpflichten verrichten müssen, ist aber für einen Top-Ten-Platz gut. Welcher Sprinter wird dominieren? Dylan Groenewegen ist grundsolide. Es würde mich wundern, wenn er nicht wenigstens zwei Etappen abräumt. Gaviria ist brillanter, aber auch unberechenbarer, aber wenn er und Alexander Kristoff sich einig werden, welche Etappe wem liegt, sind sie ein formidabler Double Act. Wer wird die anderen Trikots gewinnen? Selbst ein Sagan, der so lala ist wie in diesem Jahr, sollte Grün gewinnen. Bernal wird das Weiße gewinnen und nicht weit vom Gelben entfernt sein. Alaphilippe genoss die Rolle des Bergkönigs 2018 – warum nicht noch mal? Was hältst du von der Route? Die Etappen nach La Planche des Belles Filles und Saint-Étienne sehen schwer aus. Die großen Bergetappen werden das Gesamtklassement zementieren. Sie sind für die starken Teams gemacht, kommen am Ende des Rennens und begünstigen eher eine defensive Fahrweise als frühe Angriffe, obwohl ich mich gerne eines Besseren belehren lassen würde. Was wird das taktische Narrativ sein? Die Stärke in der Tiefe bei Ineos wird der zentrale, unvermeidbare Fakt sein. Sie haben drei der besten fünf oder sechs Rundfahrer der Welt. JULI 2019 | PROCYCLING 35