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Procycling 07.2019

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L E TO U R 20 19 DIE

L E TO U R 20 19 DIE HERAUSFORDERER FRANZÖSISCHE HOFFNUNGSTRÄGER Einmal sagte Thibaut Pinot „non“ zu Emmanuel Macron. Es war Mai 2016, und der damalige Wirtschaftsminister hatte die besten französischen Fahrer in sein Büro in Paris eingeladen – zu einem informellen Treffen über die „Zukunft des Radsports“. Sie kamen alle in ihren besten Hochzeits- und Beerdigungsanzügen: die Sprinter Nacer Bouhanni und Arnaud Démare, der Puncheur Alexis Vuillermoz, die Jungstars Warren Barguil und Romain Bardet, ein vielversprechender Kletterer, aber noch kein ernsthafter Gegner für Chris Froome. Nur Pinot fehlte. Sein Teamchef Marc Madiot war wütend, aber Pinots Leute fragten ihn: „Was willst du, Marc? Dass Thibaut irgendwo auftritt oder dass Thibaut versucht, die Tour zu gewinnen?“ Pinot hatte bei der Tour de France jenes Jahres keinen Erfolg. Von einer Bronchitis geschwächt, trat er zur 13. Etappe nicht mehr an, und 2017 war es dasselbe, als er auf der 17. Etappe mit Fieber ausstieg. In den gleichen Jahren hatte Bardet den zweiten und dritten Gesamtplatz erreicht und neue Hoffnungen auf einen ersten französischen Sieg seit Bernard Hinault 1985 geweckt. Bardet war der Tour-Typ: Er war im Juli in Form und verkörperte den romantischen Radsport – mit instinktivem Fahrstil und unerwarteten Attacken. Pinot war der Anti-Tour-Fahrer: das ganze Jahr über in Form, aber nicht im Sommer. Er lehnte es ab, an der Tour-Euphorie teilzuhaben, und jagte stattdessen viel lieber der Maglia Rosa des Giro d’Italia hinterher. Beide Fahrer, 1990 geboren und vermeintliche Rivalen in ihrer Junioren- und Amateurzeit, kamen bei der Tour 2018 zum selben Punkt der Ernüchterung. Pinot schrieb die Grande Boucle ganz ab, während er sich von einer Lungenentzündung erholte, die ihn am letzten Wochenende des Giro d’Italia zur Aufgabe zwang, als er Gesamt-Vierter war. Unterdessen wurde Bardet bei der Tour Sechster, 6:57 Minuten hinter Geraint Thomas. Es war eine Leistung, die zu denken gab, da er laut seinem Trainer „in seiner besten Form“ war. Ausnahmsweise einmal waren die Schicksale von Pinot und Bardet gleich und ihre Missgeschicke schlechte Nachrichten für die französische Radsport-Community. Beide Fahrer könnten der Tour den Rücken kehren. Beide Fahrer haben bei Eintagesrennen gezeigt, was sie können. Im letzten Jahr war Bardet Zweiter bei der Weltmeisterschaft und Dritter bei Lüttich–Bastogne–Lüttich; Pinot gewann die Lombardei-Rundfahrt. Aber sie sind motiviert und wollen einen neuen Frühling in ihrer Tour- Beziehung. „Ich würde es nicht Rache nennen, aber Thibaut war leidenschaftlich bewegt, als er sich die Tour während seiner Regeneration im letzten Jahr im Fernsehen ansah“, sagt sein Bruder Julien, der Trainer bei Groupama-FDJ ist. „Er sagte, er will sich gar nichts anschauen, aber er liebt den Radsport so sehr … Das Fehlen verstärkte seinen Wunsch, die Tour wieder zu fahren und ein gutes Ergebnis zu holen.“ Bardet äußerte sich sehr deutlich: „Je vais gagner le Tour“, sagte er der L’Equipe im Februar – nicht „ich will“, sondern „ich werde“ die Tour gewinnen. Später meinte er, er sei falsch zitiert worden, aber das ganze Interview sprach trotzdem für ein großes Selbstbewusstsein: „Geraint [Thomas] hat mir gesagt, dass er vor vier Jahren, in meinem Alter, noch nicht hätte schaffen können, was er geschafft hat – das gibt mir Hoffnung, eine verrückte Hoffnung!“ Der Kletterer aus der Auvergne fügte hinzu: „Vielleicht bin ich ein bisschen utopisch, aber ich glaube, meine Zeit kommt, und in der dritten Woche werden wir das Rennen sprengen und die Fahrer werden überall verstreut sein.“ „Bardet und Pinot werden in dieser Saison 29 und kommen in die besten Jahre“, sagte der legendäre Sportdirektor und französische Nationaltrainer Cyrille Guimard zu Procycling. „Sie sind noch nicht gut genug im Zeitfahren, um die Gesamtwertung zu gewinnen, aber sie sind sehr erfahren und motiviert. Sie wissen, wie man Rennen fährt.“ Guimard verweist auf ein großes Gewicht, das auf den Schultern vieler Favoriten, insbesondere der französischen, ruht: „Der Druck durch die Medien.“ Nach Pinots Leistungen 2012, einem Etappensieg und einem zehnten Gesamtplatz, titelte die L’Equipe: „Peut-il gagner le Tour?“ – Kann er die Tour gewinnen? „Ich weiß, dass das ein Spiel ist“, sagte Pinot zu seinen Freunden, aber ein Jahr später erkrankte er bei dem Rennen, und so begann seine Hassliebe zur Tour. Und nach seiner Position 2016 als anscheinender Erbe von Froome äußerte Bardet persönlich seine Zweifel: „Es bewegt sich zu schnell. Ich habe mit einem vierten Gesamtplatz gerechnet. Jetzt sitze ich fest. Ich muss jedes Jahr auf dem Podest stehen.“ Pinot und Bardet haben sich dem Druck der Medien in dieser Saison entzogen und die meisten Interview-Anfragen abgelehnt. Ersterer öffnete Fernsehsendern nur bei seinem Trainingslager in den Alpen Ende Mai die Tür. Letzterer begrüßte die Medien nur bei der Inaugenscheinnahme der Etappe am französischen Nationalfeiertag auf seinen heimischen Straßen in Brioude und machte deutlich, dass er danach nicht mehr reden würde. Stattdessen genossen sie beide freie Zeit. „Spaß zu haben, kann ein Schlüssel zum Erfolg sein“, sagte Guimard. © Getty Images Bardets Schwäche beim Zeitfahren war ihm bei der Tour de France immer im Weg. 68 PROCYCLING | JULI 2019

„BARDET UND PINOT KOMMEN IN DIE BESTEN JAHRE. SIE SIND NOCH NICHT GUT GENUG IM ZEITFAHREN, UM DIE GESAMT­ WERTUNG ZU GEWINNEN, ABER SIE SIND ERFAHREN UND MOTI- VIERT. SIE WISSEN, WIE MAN RENNEN FÄHRT.“ CYRILLE GUIMARD Pinot gewinnt die 15. Etappe der Vuelta 2018. Letztes Jahr ließ er die Tour aus. „Das Wichtigste ist, wie frisch du bist“, bestätigt Julien Pinot. „2016 war Thibaut zu früh zu stark und fuhr zu viele Rennen. Den Fehler machen wir nicht noch mal.“ Pinot hat sich in seine Heimatregion, das Plateau des Mille Étangs – die Hochebene der tausend Teiche – unweit von La Planche des Belles Filles, wo die 6. Etappe der Tour im Juli endet, zurückgezogen. In seiner Freizeit füttert er seine Tiere: die Ziegen, Hühner, Schafe und Kühe, die er so gern hat; er fährt Trecker, um das Heu von einem Feld zum anderen zu bringen. „Das macht mich glücklich“, sagt er. Im vergangenen Winter fuhr er in der Saisonpause nicht nur Rad, sondern trainierte auf Langlaufskiern, um „ein anderes Gefühl“ zu haben und „den Kopf frisch“ zu halten. Bardet für seinen Teil trat im Frühjahr bei den Klassikern an: Mailand–San Remo (50.), Amstel Gold Race (Neunter), Flèche Wallonne (13.) und Lüttich–Bastogne–Lüttich (21.). Außerdem versuchte er, Zeit in Clermont-Ferrand zu verbringen, seiner Heimatstadt am Fuße des Puy de Dôme im Zentralmassiv. Als er ein Trainingslager in den Pyrenäen machte, nahm er keine Teamkollegen und vor allem keine Journalisten mit, sondern seinen Vater Philippe, einen Lehrer. Auf Instagram – seiner einzigen Kommunikation – postete Bardet ein Bild von den beiden auf dem Gipfel des Tourmalet und schrieb: „Geteilte Freude“. Leidenschaft und Ruhe dürften die neuen Geheimwaffen der beiden französischen Kapitäne sein. „Das ist vielleicht, weil sie nichts zu verlieren haben“, sagt Julien Pinot. „Sie hatten beide in der Vergangenheit gute Resultate. Dieses Jahr ist wie ein großer Bonus. Thibauts letzte drei Frankreich- Rundfahrten waren hektisch, und trotz seines guten Saisonendes im letzten Jahr – seine Vuelta [Gesamt-Sechster] und sein Sieg bei der Lombardei-Rundfahrt – ist er kein Favorit. Ich hoffe, er hat Spaß und genießt es einfach.“ Keiner von beiden hat seine Vorbereitung drastisch geändert. Tatsächlich können sich Pinot und Bardet ganz auf ihre mentale Verfassung konzentrieren. Auf jeden Fall sind sie weiterhin die beiden großen französischen Hoffnungen für die Gesamtwertung. Pierre Latour musste in diesem Jahr wegen eines gebrochenen Arms drei Monate aussetzen. Warren Barguil ist weit von dem Niveau entfernt, mit dem er 2017 das Gepunktete Trikot gewann, und Julian Alaphilippe muss sich in der Gesamtwertung eines dreiwöchigen Rennens erst noch bewähren. Und wenn Pinot und Bardet einbrechen, ist es vielleicht nicht das Ende der Welt – sie können sich den perdants magnifiques anschließen. Seit sich Eugène Christophe die Gabel brach, sind die „wunderbaren Verlierer“ in der französischen Vorstellungskraft eine lebendige und ungeheuer populäre Gruppe von Fahrern geworden. Es ist eine Win-Win-Situation. © Getty Images JULI 2019 | PROCYCLING 69