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Procycling 07.2019

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L E TO U R 20 19 IHRE

L E TO U R 20 19 IHRE ROLLE IST GOLD WERT Angesichts der auf acht Fahrer reduzierten Teams und unzähligen potenziellen Gefahren, die auf den heutigen Tour-Routen warten, sind vielseitige Allrounder, die mehrere Rollen übernehmen können, oft entscheidend für die Teamkapitäne. Procycling spricht mit den wertvollsten Helfern im Tour-Peloton. Interviews Sophie Hurcom Fotografie Getty Images 76 PROCYCLING | JULI 2019

„RADSPORT IST DAS GESETZ DES STÄRKEREN“ STEFAN KÜNG Der Schweizer Zeitfahr- Weltmeister ist Experte dafür, im Wind und an der Spitze des Pelotons zu fahren. Wenn du dir alle Rennen anschaust, bleiben von den 80 Tagen vielleicht zehn Zeitfahren und Mannschaftszeitfahren, auf die ich mich wirklich konzentriere. Dann hast du vielleicht zehn Klassiker, die du auch mit voller Power fährst, aber es gibt 60 andere Tage, wo ich wirklich etwas beitragen will. Bei der Tour de France 2017 waren es auf der Etappe nach La Planche des Belles Filles nur ich und Mickey [Schär], die die Ausreißergruppe mit acht Fahrern in Schach hielten, Fahrern wie Boasson Hagen und Gilbert. Jeder hat es gesehen, und am nächsten Tag kamen alle zu uns und sagten: „Ihr wart wie Motorräder.“ Das Team sieht das, und wenn das Tour-Aufgebot zusammengestellt wird, heißt es: „Wir wollen einen Sprinter mitnehmen und wir wollen im Mannschaftszeitfahren konkurrenzfähig sein.“ Dann wissen sie, sie haben einen Fahrer wie mich … Du bist mehrere Fahrer wert. Wenn sie wissen, dass du für zwei arbeiten kannst, bist du viel wertvoller. Für mich war die reduzierte Größe der Teams nie ein Problem, denn bis jetzt war es bei keinem Rennen die Frage, ob ich dabei bin oder nicht. Ich weiß, dass es schwer für einige Fahrer ist, die am Limit sind, aber für meinen Wert ist es gut. Es ist wirklich gut, vielseitig zu sein. Wenn es Windstaffeln gibt, sind es immer dieselben Fahrer, daher respektiert man sich, weil man die Qualitäten der anderen kennt. Es hat keinen Sinn, gegen sie zu kämpfen, weil du sowieso im selben Boot sitzt. Luke [Rowe] versucht seinen Kapitän zu beschützen, Oliver [Naesen] versucht Romain zu beschützen, und es ist gut, mit den Jungs vorn zu sein und sich ihren Respekt zu verdienen. Wie verdient man sich diesen Respekt? Radsport ist ein einfacher Sport, es ist das Gesetz des Stärkeren. Nicht, indem man eine große Klappe hat oder schreit, sondern indem man zeigt, was man kann. Was Luke bei Paris–Nizza gemacht hat, blieb nicht unbemerkt – wir waren bei Tirreno, und alle redeten darüber. Das beste Feedback, das man haben kann, ist, wenn du das Gefühl hast, dass der Kapitän 100-prozentiges Vertrauen zu dir hat. Wenn es einfach so ist, dass er immer nach dir Ausschau hält und bei dir bleibt, ist es das beste Feedback, weil du dann weißt, dass du deinen Job richtig machst. Ich habe das Gefühl, dass ich für meinen Kapitän verantwortlich bin. Wenn es bei der diesjährigen Tour de France eine Seitenwind-Situation gibt und ich nicht vorne bei Thibaut [Pinot] bin, würde ich mir Vorwürfe machen, denn es ist mein Job, ihn in die richtige Position zu bringen. Vielleicht ist dein Lohn nicht der Sieg, sondern in der Lage zu sein, deinen Kapitän dorthin zu bringen, wo er ohne dich vielleicht nicht hinkäme. JULI 2019 | PROCYCLING 77