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Procycling 07.2019

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LA COURSE 20 19 LA

LA COURSE 20 19 LA COURSE Als Tour-de-France-Direktor Christian Prudhomme bekanntgab, dass sich La Course by Le Tour de France 2017 von den Champs-Élysées entfernen und zu einem zweitägigen Rennen mit einer Bergetappe und einem Zeitfahren würde, schien weiteres Wachstum nur eine Frage der Zeit zu sein. Aus zwei Tagen würden doch bestimmt drei, vier, fünf, sechs werden … Bis dahin war das Rennen der Frauen, seit 2014 am letzten Tag der Tour ausgetragen, kaum mehr als ein Kirmesrennen in der Hauptstadt gewesen. Es bot den Topfahrerinnen der Welt die Bühne, aber nicht die sportlichen Herausforderungen, die sie wollten. Aber das La Course 2017 flachte ein wenig ab, nachdem Annemiek van Vleuten am Col d’Izoard gewonnen hatte. Als Innovation starteten die Fahrerinnen beim Zeitfahren zwei Tage später in Marseille in der Reihenfolge, in der sie den Izoard erreicht hatten, mit den gleichen Zeitabständen. Vielleicht war dies eine Neuerung, die eines Tages auf das Rennen der Männer übertragen werden würde. Oder vielleicht nicht. Van Vleutens Vorsprung von 43 Sekunden auf Lizzie Deignan war zu groß. Das Rennen war gelaufen, bevor van Vleuten, eine der stärksten Zeitfahrerinnen der Welt, im Stade Vélodrome in Marseille vor spärlich besetzten Rängen von der Startrampe rollte. Und damit schien der Fortschritt stillzustehen. Im letzten Jahr wurde La Course wieder auf einen Tag gestutzt und auf einen frühen Dienstagmorgen gelegt. Es wirkte nicht sehr verheißungsvoll. Und trotzdem war das Rennen – nur 112 Kilometer vom Ufer des Lac d’Annecy in die schöne Alpenstadt Le Grand-Bornand – ein absoluter Thriller: aggressiv und mit einem packenden Finale, in dem van Vleuten Anna van der Breggen verfolgte und auf den letzten Metern stellte. 2019 wurde das Format erneut geändert; die Frauen absolvieren fünfmal den 27-Kilometer- Rundkurs um Pau, den die Männer auf der 13. Etappe als Zeitfahren in Angriff nehmen. Es wird ein sportlicher Kurs über 121 Kilometer und die Côte d’Esquillot für die Puncheurinnen, wie die A.S.O. sagt. Schwer zu sagen, ob das ein Fortschritt ist. Es hat Vorteile, La Course am selben Tag wie ein Zeitfahren abzuhalten, das später beginnt als eine konventionelle Straßenetappe. Obwohl bei Redaktionsschluss nichts Genaues bekannt war, könnte es für eine zuschauerfreundlichere Startzeit sprechen als der letztjährige Termin im Morgengrauen, als ungefähr doppelt so viele Fahrerinnen wie Zuschauer da waren. Wenigstens wird das Rennen live im Fernsehen übertragen. Das kann man von anderen von der A.S.O. organisierten Frauenrennen, darunter Flèche Wallonne und Lüttich–Bastogne–Lüttich, nicht sagen, was dazu führen könnte, dass sie nächstes Jahr aus der Women’s WorldTour (WWT) herausfallen. Der Grund dafür ist, dass sie nicht die 45 Minuten Liveübertragung garantieren können, die 2020 entsprechend den UCI- Reformen nötig sind, die den Frauenradsport in den nächsten drei Jahren fördern und professioneller machen sollen. Einige der Topfahrerinnen, darunter die fünffache Flèche-Wallonne-Siegerin van der Breggen, sprachen über die fehlende Fernsehberichterstattung von den beiden von der A.S.O. organisierten Ardennenklassikern, die auf ein packendes und im Fernsehen zu sehendes Amstel Gold Race folgten, das von der Amstel Gold Race Foundation organisiert wird. Van der Breggen wies darauf hin, dass die A.S.O.-Rennen ihr Recht verlieren, zur WWT zu gehören, wenn sie nicht übertragen werden. Anfangs schien die A.S.O. diese Folge zu akzeptieren, als sie mitteilte, dass sie und das RTBF, der öffentlich-rechtliche Rundfunk für die Wallonie, keine Liveberichterstattung anbieten können. Die UCI sagte daraufhin, es seien Gespräche im Gang, was darauf hindeutet, dass es eine Lösung für das Problem geben könnte. Es dürfte dem Weltradsportverband viel daran liegen, eine zu finden, da ihre ehrgeizigen Pläne für die Entwicklung der WWT wahrscheinlich nicht beinhalten, zwei ihrer prestigeträchtigsten Rennen aus ihrem Premium-Kalender zu verlieren. Es gibt hier größere Probleme als das Schicksal dieser Rennen, und es ist nicht immer hilfreich, dass La Course als Kristallisationspunkt oder Blitzableiter in der Debatte über die A.S.O., ihre 84 PROCYCLING | JULI 2019

LA COURSE 20 19 LA COURSE DIE A.S.O. STEHT IN DER SCHUSS LINIE, WENN DIE DISKUSSION AUF DEN FRAUEN RADSPORT ALS BLOSSES ANHÄNGSEL DES MÄNNERRAD- SPORTS KOMMT. Beim spannenden Finale von La Course siegte van Vleuten 2018 auf den letzten Metern. Einstellung zum Frauenradsport und ihre Weigerung, an einer Tour de France der Frauen zu arbeiten, betrachtet wird. Es geht nicht nur um die A.S.O. Es gibt die Sorge, dass die UCI und ihre ambitionierten Pläne für den Frauenradsport eine unzumutbare Belastung für die Teams bedeuten könnte, die von 2020 an Mindestgehälter zahlen und andere zusätzliche Kosten tragen müssen – sowie für die Organisatoren, die selbst für die Kosten aufkommen müssen, wenn die Rundfunksender kein Geld für die Übertragung der Frauenrennen ausgeben wollen. Aber meist steht die A.S.O. selbst in der Schusslinie, wenn die Diskussion auf den Frauenradsport und seinen Status als bloßes Anhängsel des Männerradsports kommt. Die Gründe liegen auf der Hand. Die A.S.O. organisiert 15 Rennen für Männer und fünf Frauenrennen. Die Tour de France ist natürlich das Kronjuwel. Obwohl sie verlustbringende Rennen wie das Critérium International und die Tour de Picardie eingestampft hat, führt sie andere weiter. Es ist sinnvoll im Rahmen einer Strategie, Rennen zu unterstützen, die ihrerseits die Tour und die französischen Teams unterstützen. Es ist fraglich, ob eines der Frauenrennen je Profit für die A.S.O. abwerfen wird. Aber sie scheinen auch nicht in eine logische Strategie zu passen – es gibt kein entsprechendes Juwel in der Krone des Frauenradsports. Die A.S.O. hat keinen Direktor für den Frauenradsport – niemand ist zuständig für die Rennen, die sie unterstützt; jedes hat seinen eigenen Organisator. Vielleicht ist die Frage für die A.S.O. nicht, warum man nicht mehr Rennen organisiert, sondern, warum man überhaupt welche organisiert. Laut eines Sprechers der A.S.O. beruht die Haltung zum Frauenradsport auf Gesprächen mit einigen Topfahrerinnen. „Wenn wir mit Fahrerinnen sprechen, so wollen sie mehr Medien bei ihren Rennen und nicht in erster Linie neue Rennen.“ Das ist ein nachvollziehbarer Wunsch – es ist immer noch eine gewaltige Diskrepanz zwischen der Berichterstattung vom Männer- und Frauenradsport. Die Frage der Fernsehübertragung, fügte der Sprecher hinzu, sei eine, die man den Rundfunkanstalten stellen sollte, nicht den Organisatoren. Es ist klar: Wenn man diese Frage den Sendern stellt, fallen die Antworten nicht sehr ermutigend aus. Andere Organisatoren sagen, dass die Sender einfach kein Geld für das Recht auf die Übertragung von Frauenrennen ausgeben wollen, obwohl man dazu sagen muss, dass auch die Rechte an vielen Männerrennen für wenig oder manchmal kein Geld vergeben werden. „Die Rundfunkanstalten sagen, sie zeigen es, aber sie zahlen keinen Pfennig“, sagte eine Quelle, die an der Organisation eines Rennens der Women’s WorldTour beteiligt ist. „Und die UCI bürdet den Organisatoren die ganze finanzielle Last auf. Kommerziell funktioniert das nicht.“ Wenn ein Frauenrennen am selben Tag wie ein Männerrennen ausgetragen wird – wie bei der Tour de Yorkshire –, sind die Kosten für die Liveübertragung nicht ganz so hoch: Infrastruktur und Ressourcen können gemeinsam genutzt werden. Aber für ein unabhängiges Rennen können die Kosten stolze 115.000 Euro am Tag betragen. Die Wahl, die die Organisatoren einiger Frauenrennen haben, kann krass sein: pleitegehen oder ganz aus der Women’s WorldTour verschwinden. Iris Slappendel, eine Ex-Fahrerin und jetzige Vorsitzende der Cyclists’ Alliance, die die Fahrerinnen vertritt, hat an den Gesprächen über die UCI-Reformen teilgenommen. „Ich finde es zwar richtig, dass es höhere Anforderungen für Rennen geben sollte, die World- Tour sein wollen“, sagt Slappendel. „Aber dass sie live im Fernsehen übertragen werden müssen, ist für einige Organisatoren eine große Belastung. Die Kosten sind sehr hoch.“ Sie erklärt weiter: „Die Situation ist nicht einfach. Die UCI hat ein paar Jahre Arbeit in diese neuen Bestimmungen gesteckt, die zu ihrem Plan für die Entwicklung der Women’s WorldTour gehören, aber es ist leichter, diese Regeln aufzustellen, als sie umzusetzen. Vielleicht waren die Organisatoren und auch die Teams nicht genug in die Reformen eingebunden. Ich weiß nicht, wer schuld ist. Auf jeden Fall war ein Vertreter der A.S.O. bei der Kommission der Women’s World- Tour, der einige Reformen nicht billigte.“ Andere, die im Winter bei einer Konferenz zu den UCI-Reformen in Genf waren, haben das bestätigt: Der A.S.O.-Vertreter habe gesagt, das Erfordernis der Liveübertragung könne dazu führen, dass die Rennen aus der Women’s WorldTour verschwinden würden. Dies sowie die Kritik von van der Breggen und Ashleigh Moolman Pasio und anderen spricht für eine neue Entschlossenheit und stellt die Idee, dass der Frauenradsport für seine Weiterentwicklung die A.S.O. braucht, ernsthaft infrage. Vor sechs Jahren schickten einige Topfahrerinnen unter der Führung von Marianne Vos und Kathryn Bertine eine Petition mit rund 100.000 Unterschriften an Prudhomme, in der sie die Einführung einer Tour de France der Frauen forderten. Im folgenden Jahr wurde La Course aus der Taufe gehoben – nicht gerade eine Frauen-Tour, aber es galt, wie gesagt, als Schritt in die richtige JULI 2019 | PROCYCLING 85