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Procycling 07.2019

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RETRO TOUR DE FRANCE

RETRO TOUR DE FRANCE 1989 DIE SPANNENDSTE TOUR DE FRANCE Die Tour de France 1989 ist in die Geschichte eingegangen als einer der Allzeitklassiker, bei dem Greg LeMond und Laurent Fignon bis nach Paris um Sekunden kämpften. Procycling blickt zurück auf ein dramatisches Rennen, das auf den letzten Drücker entschieden wurde. Text William Fotheringham Fotografie Offside Sports Photography Etwas oder jemanden „das Größte“ zu nennen, ist immer etwas gewagt. Das Prädikat muss mit Sorgfalt vergeben und Argumente müssen geordnet werden, falls die Pedanten sich melden. Es ist jetzt 30 Jahre her seit der großartigsten Tour de France aller Zeiten. Es spricht auch einiges für andere – 1986, 1979, 1998, 1964, 1971 –, aber wir alle stecken unseren Claim irgendwo ab. Meiner ist 1989. Die Tour de France 1989 bewies, dass das echte Leben reicher ist als Fiktion: Niemand hätte sich die Bandbreite an Szenarien träumen lassen können, die das Rennen bot. Greg LeMonds Sieg, das größte Comeback, das der Sport kennt. Sein Kampf mit Laurent Fignon, das spannendste Finale aller Zeiten. Der intensivste Dreier-Wettkampf, den das Rennen je erlebte, der in diesem Finale zwischen zwei Großen des Sports gipfelte, deren Vermächtnis makellos geblieben ist. Dies war ein Kampf der unnachgie bigen körperlichen Anstrengung, bei dem die beiden Protagonisten sich bisweilen gegenseitig in den Keller fuhren. Keiner von beiden war in der Form seiner größten Jahre, aber ausgerechnet ihre Momente der Schwäche sollten das Rennen definieren. Keine Tour hat je die gleiche Spanne an Handlungssträngen geboten. Auf elf der 21 Etappen passierte etwas Entscheidendes. Es war ein Rennen maximaler Intensität. Die Tour 1989 ist als Zweikampf zwischen Fignon und LeMond in Erinnerung geblieben, aber ihr Kampf wurde möglich durch einen der kuriosesten Zwischenfälle in der Geschichte des Rennens. Beim Prolog in Luxemburg kam der Titelverteidiger Pedro Delgado zu spät zum Start und verlor gleich 2:40 Minuten, dann weitere 14 Sekunden auf dem Kurs. Es war surreal, und der Spanier hatte nie eine angemessene Erklärung. Er ärgerte sich in der folgenden Nacht, machte sich Vorwürfe über seine Unpünktlichkeit und erlebte beim Mannschaftszeitfahren am folgenden Tag einen Albtraum: Als diese Übung vorbei war, hatte er sieben Minuten Rückstand. Er verbrachte den Rest der Tour damit, die verlorene Zeit aufzuholen – ziemlich erfolgreich, denn er schaffte es aufs Podium mit 3:34 Rückstand. Delgado hatte mehr Recht, als Favorit zu gelten, als LeMond oder Fignon. LeMond hatte keine nennenswerte Form bei einer großen Rundfahrt mehr gezeigt, seit er 1986 Gelb gewonnen hatte, und es war nicht garantiert, dass er nach seinem Jagdunfall, der ihn 1987 fast das Leben gekostet hatte, je wieder zu seiner Bestform zurückfinden würde. Er kämpfte sich durch den Giro d’Italia, war kurz davor aufzugeben, bevor eine Reihe von Eisen-Injektionen einen Anfall von Anämie heilte. Er war nur im abschließenden Zeitfahren des Giro gut gefahren, aber eine einmalige Vorstellung wie diese war nicht dasselbe, wie drei Wochen lang Leistung zu bringen. Fignon hingegen hatte den Giro gewonnen und sich für das Rennen von 1984 revanchiert, wo er glaubte, von den Organisatoren betrogen worden zu sein. Er hatte allerdings wenig Beständigkeit gezeigt und war im wichtigen Bergzeitfahren zum Monte Generoso 17. geworden, während er sich in den Dolomiten bei Regen und Kälte schwertat. Und er hatte mit den Folgen einer Schulterverletzung zu kämpfen. Er hatte sich am Ende gegen den Italiener Flavio Giupponi durchgesetzt, war aber Lichtjahre entfernt von dem dominanten Individuum, das auf dem Weg zum Toursieg 1984 fünf Etappen gewonnen hatte. Er kämpfte nach einer Operation wegen einer Sehnenentzündung Anfang 1985 drei Jahre lang mit seiner unbeständigen Form. 98 PROCYCLING | JULI 2019

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