Psychiatrische Pflege

Aufrufe
vor 7 Jahren

Kompetenz - zwischen Qualifikation und Verantwortung (2007)

  • Text
  • Patienten
  • Pflege
  • Menschen
  • Psychiatrischen
  • Psychiatrische
  • Psychiatrie
  • Behandlung
  • Psychisch
  • Mitarbeiter
  • Entwicklung
  • Kompetenz
  • Qualifikation
  • Verantwortung
Kongressband Dreiländerkongress 2007 in Bielefeld

Das Gezeitenmodell:

Das Gezeitenmodell: Genesung durch Wiedergewinnung der Menschlichkeit Phil Barker, Poppy Buchanan-Barker Einführung Viele Entwicklungen innerhalb der psychiatrischen Praxis haben eine lange Entstehungsgeschichte. Die heute populärste »Rede-Kur«, die Verhaltenstherapie (VT) hat ihre über 50-jährigen Wurzeln in der Arbeit von Aaron Beck (1) und Albert Ellis (2). So gesehen ist das Gezeitenmodell der psychischen Genesung (3,4) eine relativ junge Theorie des Wandels. Nachdem es vor 10 Jahren in England vorgestellt wurde, wird Tide nun international als wichtige Theorie mittlerer Reichweite gesehen (5). Über 100 Projekte wurden im Vereinigten Königreich, Irland, Kanada, Japan, Australien und Neuseeland eingerichtet, die von ambulanter Suchtmittelbehandlung über Akutpsychiatrische Behandlung, forensische Stationen, bis hin zur Pflege älterer Demenzkranker (6) reichen. Dieser Beitrag beschreibt kurz die Kernwerte des Gezeitenmodells und erläutert deren Effekte in der Praxis. Die Werte von Genesung und das Gezeitenmodell Unter der Vielzahl von beschriebenen Genesungsmodellen ist Tide 1 das erste von praktisch tätigen Pflegenden (7) entwickelte, das sich auf die Pflegeforschung stützt (8,9). Tide ist eine philosophische Annäherung an die psychiatrische Pflege. Die Pflegenden sind eingeladen, sich folgende Frage zu stellen: • »Inwieweit schneidern wir die Pflege auf die spezifischen Bedürfnisse der Person zu, ihre Geschichte und ihre einzigartige gelebte Erfahrung, so dass sie ihre Genesungsreise beginnen oder fortsetzen kann?« (10) Tide ist fest verankert in der Tradition der Caring-Konzepte (11), also der Herangehensweisen, welche die menschliche Zuwendung in den Mittelpunkt stellt. Als Hauptantriebskraft der Genesung wird die Person selbst angesehen. 1 Anm. d. Übers.: Die Autoren nennen das Modell im Folgetext abgekürzt TIDAL. Da es sich auf die Gezeiten, also die Tide (niederdeutsch tiet = Zeit) bezieht, wird auch in der Übersetzung die Abkürzung Tide verwandt. 45

Die Rolle der Pflegeperson zielt darauf, der Person 2 zu helfen ihr Potenzial zur Genesung aufzudecken. »Die Pflegeperson stellt die notwendigen Bedingungen für Wachstum und Entwicklung bereit« (12). Die zehn Verbindlichkeiten Die philosophischen Werte der Tide sind in den zehn Verbindlichkeiten ausgedrückt (13). Diese sollen daran erinnern, dass Regeln kopfgesteuert sind und eher von Animus, also der männlichen Seite unseres Wesens kommen. Verbindlichkeit jedoch, welche für die Entwicklung menschlicher Zuwendung nötig ist, stammt wohl eher von Anima, unserer weiblichen Seite und ist mit Herz(lichkeit) assoziiert. 1. Die Stimme wertschätzen: Die Geschichte der Person stellt Anfang und Endpunkt einer helfenden Begegnung dar. Sie umfasst nicht nur eine Auflistung des persönlichen Leids, sondern hält auch die Hoffnung auf eine Lösung bereit. Diese Geschichte wird von einer Stimme der Erfahrung erzählt und sollte nicht durch eine Stimme der Autorität interpretiert werden. Traditionell wird die Geschichte eines Menschen von verschiedenen Berufsgruppen in der jeweiligen beruflichen Sprache zusammenfassend in die dritte Person »übersetzt«. Der Bericht wird weniger persönliche Geschichte (meine Geschichte), sondern mehr eine Sichtweise des professionellen Teams auf die (Kranken-)Geschichte. Tide hilft dem Menschen seine einzigartige Erzählweise (»meine Geschichte«) zu entwickeln, indem alle Assessments und Pflegeberichte »mit der Stimme« der Person geschrieben werden. 2. Respektiere die Sprache: Menschen entwickeln eigene, einzigartige Wege ihre Lebensgeschichten mitzuteilen, jeder einzelne Mensch erzählt auf andere Weise. Die Sprache dieser Geschichte – ergänzt mit ihren Metaphern, Analogien und Anekdoten – beleuchtet den Weg zur Genesung. Im Gegensatz dazu sind »professionelle Geschichten« wie Fallstudien und Akteneinträge in einer eher technischen Sprache von Medizin, Psychologie oder Pflegefachsprache geschrieben. Viele Menschen (Patienten) entwerten sich zusätzlich, indem sie die «professionelle« Sprache benutzen, um ihre 2 Die Erfahrung «Patient” zu werden ist oft entmenschlichend. Um zu betonen, dass wir über individuellen Menschen sprechen, werden die Ausdrücke »Mensch« und »Person« verwandt, wenn wir uns auf Patienten /Klienten/Nutzer beziehen. Erfahrungen zu beschreiben, so als ob ihre eigene Sprache »nicht gut genug« wäre (14). Durch die Wertschätzung und Benutzung der Sprache der Person zeigt Tide die einfachste Form von Respekt für diesen Menschen. 3. Entwickle echte Neugier: Beim Erzählen schreibt der Mensch metaphorisch an Seiten seiner Lebensgeschichte. Das bedeutet jedoch nicht, dass er ein »offenes Buch« wäre. Die Professionellen sind hier gefordert, ein echtes Interesse zu entwickeln, damit sie den Erzähler besser verstehen können. Häufig sind die Professionellen nur an dem Teil der Person interessiert, der nicht mehr funktioniert oder sie verfolgen eine eigene Linie der beruflichen Befragung, z.B. bei der Suche nach »Anzeichen und Symptomen«. Echte Neugier zeugt von Interesse an der einzigartigen Erfahrung, im Gegensatz zur reinen Aufzeichnung von Merkmalen, die gewöhnlich auch andere »Patienten« haben. 4. Geh in die Lehre: Der Mensch ist der Welt-Experte in seinem Leben. Professionelle können etwas von dieser Geschichte lernen, wenn sie sich der Aufgabe stellen, fleißig und respektvoll von diesem Menschen zu lernen, was gebraucht wird und getan werden sollte. Die Haupt-Vorraussetzung ist die Vorstellung, dass der Mensch im Gesamten in der Verantwortung für sein Leben bleibt, auch in Krisen (15). 5. Benutz’ das vorhandene Werkzeug: Die Geschichte des Menschen birgt Beispiele von dem, was bereits in der Vergangenheit funktioniert hat oder Überzeugungen über das, was in der Zukunft funktionieren könnte. Diese Beispiele und Überzeugungen sind die Hauptwerkzeuge, welche die Genesungsgeschichte erschließen oder aufbauen können. Im Gegensatz dazu, beschreibt das professionelle Werkzeug – gewöhnlich als evidenzbasierte Praxis bezeichnet – das, was für andere Menschen funktioniert hat. Das sollte nur benutzt werden, wenn das Werkzeug der Person sich als nicht hilfreich oder ineffektiv erwiesen hat. 6. Stelle den nächsten Schritt her: wir müssen mit dem Menschen arbeiten, um festzustellen, was jetzt getan werden muss, um sich vorwärts zu bewegen oder sich wegzubewegen von Leid oder Schwierigkeiten. Jeder erste Schritt zeigt uns die Richtung zum letztendlichen Ziel der Genesung. Der chinesische Denker Lao Tze sagte, eine Reise von tausend Meilen be- 46 47

  • Seite 1 und 2: »Kompetenz - zwischen Qualifikatio
  • Seite 3 und 4: Vorwort der Veranstalter Der vierte
  • Seite 5 und 6: Bruni Aussendorf, die mit ihrer hoh
  • Seite 7 und 8: Ingo Tschinke Analyse der Richtlini
  • Seite 9 und 10: Die Auswirkungen nationaler und eur
  • Seite 11 und 12: Soziale Inklusion - Eine neue Aufga
  • Seite 13 und 14: • Menschen mit schweren chronisch
  • Seite 15 und 16: eitsmarkt vermittelt, häufig mit f
  • Seite 17 und 18: Validierende Gesprächsführung bei
  • Seite 19 und 20: • Überbewertung von individuelle
  • Seite 21 und 22: Warum ist neurobiologisches Wissen
  • Seite 23 und 24: den (und damit begrenzt). Bereits P
  • Seite 25 und 26: Pflegediagnosen als Grundvorrausetz
  • Seite 27: In der Zusammenarbeit zwischen Theo
  • Seite 31 und 32: • Im Bereich der Welt beginnt die
  • Seite 33 und 34: 21) Lafferty S and Davidson R (2006
  • Seite 35 und 36: so in ihrem psychosozialen Umfeld w
  • Seite 37 und 38: zerperspektive immer miteinbezogen
  • Seite 39 und 40: zende des Marburger Bundes, Dr. Fra
  • Seite 41 und 42: gestellt habe, dass es erheblich ko
  • Seite 43 und 44: Wie entsteht Arbeitszufriedenheit i
  • Seite 45 und 46: Die Hypothese »es gibt Eigenwirtsc
  • Seite 47 und 48: Die Schlüsselkategorie: »Individu
  • Seite 49 und 50: Kompetenzen in der Psychiatrischen
  • Seite 51 und 52: logs, der die formalen Kompetenzen
  • Seite 53 und 54: HORATIO und die Auswirkungen der Eu
  • Seite 55 und 56: Lesen, Schreiben und Publizieren in
  • Seite 57 und 58: Spezifische wissenschaftliche Fachz
  • Seite 59 und 60: Kompetenz - zwischen Qualifikation
  • Seite 61 und 62: Man könnte ebenfalls sagen, dass P
  • Seite 63 und 64: verstehen. Nur wenn wir unser Fachw
  • Seite 65 und 66: das heisst ohne Austausch von Infor
  • Seite 67 und 68: Welche Faktoren berücksichtigen Pf
  • Seite 69 und 70: her bekannt waren, wenn das Risiko
  • Seite 71 und 72: Die Autoren der NGASR-Skala empfehl
  • Seite 73 und 74: Evaluation der Verteilung von Pfleg
  • Seite 75 und 76: Barthelindex bei Aufnahme 75 Punkte
  • Seite 77 und 78: Adherence Therapie - Neues Berufs-
  • Seite 79 und 80:

    Die Stigmatisierung von psychisch k

  • Seite 81 und 82:

    andererseits durch diesen Bewusstse

  • Seite 83 und 84:

    Posterpräsentation »Und bist Du n

  • Seite 85 und 86:

    Weiterführende, sich auf die Krank

  • Seite 87 und 88:

    Wir wollen mit der Gruppe … 1.)

  • Seite 89 und 90:

    Einführung eines integrierten Füh

  • Seite 91 und 92:

    IV. V. Behandlungskonferenz (hier w

  • Seite 93 und 94:

    Unterstützende Voraussetzungen Zur

  • Seite 95 und 96:

    Den sozial-kommunikativen Bereich b

  • Seite 97 und 98:

    NANDA- Pflegediagnosen - ein Mittel

  • Seite 99 und 100:

    Das entwickelte Erhebungsinstrument

  • Seite 101 und 102:

    Konzeption zur Implementation von N

  • Seite 103 und 104:

    Klinikebene. So bedingt die in zwei

  • Seite 105 und 106:

    Modul 1 - Ich bin es mir (Selbst)we

  • Seite 107 und 108:

    Inhalte: • Unterbringungsgesetz

  • Seite 109 und 110:

    Therapie und Gesundheitszentrum Mut

  • Seite 111 und 112:

    3.4. Laufgruppe: Die Laufgruppe fin

  • Seite 113 und 114:

    Praktische Erfahrungen mit der Umse

  • Seite 115 und 116:

    Zielerreichung unter gegebenen Rahm

  • Seite 117 und 118:

    »Future starts now« Sommerprojekt

  • Seite 119 und 120:

    Körper und Gefühl - pädagogisch

  • Seite 121 und 122:

    Herausforderungen der Versorgung De

  • Seite 123 und 124:

    Körperlich aggressives Verhalten t

  • Seite 125 und 126:

    Durchführung einer Zeitstudie zur

  • Seite 127 und 128:

    der Langzeitpflege wurden auch die

  • Seite 129 und 130:

    Literatur: 1 Bartelt, G., Anliker,

  • Seite 131 und 132:

    Arbeitsaufteilung Unsere Abteilung

  • Seite 133 und 134:

    Der Stationsleiter übernimmt eine

  • Seite 135 und 136:

    3. Forschungsmethode Als wissenscha

  • Seite 137 und 138:

    » ... das ist die spezielle Situat

  • Seite 139 und 140:

    Wirksame Vereinbarungen mit Mensche

  • Seite 141 und 142:

    Dennoch stellen diese Strategien ei

  • Seite 143 und 144:

    enten zu arbeiten, statt sie mit gr

  • Seite 145 und 146:

    nicht, weil Programme und Konzepte

  • Seite 147 und 148:

    • • Verbesserung der Zusammenar

  • Seite 149 und 150:

    Gartentherapie an der sozialpsychia

  • Seite 151 und 152:

    • • • • können trainiert w

  • Seite 153 und 154:

    Analyse der Richtlinie zur ambulant

  • Seite 155 und 156:

    den Datenbanken wie die Cochrane Li

  • Seite 157 und 158:

    Diagnosen, die in der Richtlinie be

  • Seite 159 und 160:

    »Bühne frei ...« - Theaterarbeit

  • Seite 161 und 162:

    abgelehnte bzw. abgewehrte Anteile

  • Seite 163 und 164:

    leitern, einem Mitarbeiter aus der

  • Seite 165 und 166:

    Das Beraterteam in der Psychiatrisc

  • Seite 167 und 168:

    Insgesamt hat sich das Beraterteam

  • Seite 169 und 170:

    dex lag bei Aufnahme bei 13,9 (12,1

  • Seite 171 und 172:

    Wirksame Strategien eines kommunika

  • Seite 173 und 174:

    Ergebnisse Das standardisierte Beob

  • Seite 175 und 176:

    Psychoedukation bei schizophren erk

  • Seite 177 und 178:

    Die Aufbaumodule 1. Modul: Eincheck

  • Seite 179 und 180:

    Bäumchen wechsle dich - Fremdgehen

  • Seite 181 und 182:

    Hoffen wir, dass es lange anhält!

  • Seite 183 und 184:

    fälle in die Krankheit und stellt

  • Seite 185 und 186:

    Gray, R., Gournay, K., David, A. (2

  • Seite 187 und 188:

    Methode und Material: Im Laufe von

  • Seite 189 und 190:

    Er war jahrelang Pflegeleitung auf

  • Seite 191 und 192:

    Forschungsziel und Forschungsfragen

  • Seite 193 und 194:

    Pflegerische Aspekte einer multipro

  • Seite 195 und 196:

    Spezielle Aspekte der Behandlung: 1

  • Seite 197 und 198:

    • • • • Welche Unterstützu

  • Seite 199 und 200:

    Spiritualität und psychiatrische P

  • Seite 201 und 202:

    fahrten und Meditation zeigen teilw

  • Seite 203 und 204:

    Diskussion und Schlussfolgerungen A

  • Seite 205 und 206:

    dieses Grobkonzeptes ist, dass der

  • Seite 207 und 208:

    Bei den Kriterien »Miteinbezug der

  • Seite 209 und 210:

    genommen um die Festlegung des Pfle

  • Seite 211 und 212:

    weil deren spezieller Pflege- und U

  • Seite 213 und 214:

    generalistisch ausgebildete Pflegen

  • Seite 215 und 216:

    Die Implementierung von Pflegeproze

  • Seite 217 und 218:

    [dokumentierenden] Personen weitgeh

  • Seite 219 und 220:

    Insgesamt scheint eine Schulung zum

  • Seite 221 und 222:

    Die theoretischen Grundlagen der St

  • Seite 223 und 224:

    63.1. Es zeigte sich, dass Drogenab

  • Seite 225 und 226:

    Daraus folgt, dass man ein reales O

  • Seite 227 und 228:

    onen durch wissenschaftliche Befund

  • Seite 229 und 230:

    Zur Gewährleistung stabiler Unters

  • Seite 231 und 232:

    gnitiven Einstellungen bei den Betr

  • Seite 233 und 234:

    3. PAIR - Das Training zur Aggressi

  • Seite 235 und 236:

    Literaturverzeichnis 1. Bandura, A.

  • Seite 237 und 238:

    Die Bielefelder Behandlungsvereinba

  • Seite 239 und 240:

    • Mit der Behandlungsvereinbarung

  • Seite 241 und 242:

    und mit Kompetenzen im Bezug auf de

  • Seite 243 und 244:

    darauf hin, dass Menschen mit psych

  • Seite 245 und 246:

    Billardtraining auf der Station FP

  • Seite 247 und 248:

    Stigmatisierung von Alkoholkranken;

  • Seite 249 und 250:

    »Warum nehmen Sie Ihre Abendarznei

  • Seite 251 und 252:

    Fachhochschule Osnabrück im Fach P

  • Seite 253 und 254:

    Waltraud Koller, Jahrgang 1964, dip

  • Seite 255 und 256:

    essenschwerpunkte: Prinzipien und S

  • Seite 257 und 258:

    Martin F. Ward, Vorsitzender der Ex

© 2019 by Yumpu