Psychiatrische Pflege

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Kompetenz - zwischen Qualifikation und Verantwortung (2007)

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Kongressband Dreiländerkongress 2007 in Bielefeld

ginnt mit dem ersten

ginnt mit dem ersten Schritt. Tide geht davon aus, dass jede wichtige Reise in unserer Imagination beginnt. Den nächsten Schritt herzustellen macht deutlich, wie wichtig es ist, einem Menschen zu helfen, sich die Zukunft vorzustellen: indem er kenntlich macht, was jetzt geschehen muss, um sich weiter zu bewegen. 7. Schenke Zeit: obwohl weitgehend trügerisch, ist die Zeit doch die Geburtshelferin des Wandels. Oft beklagen sich Menschen über Zeitmangel, speziell die Professionellen. Obwohl wir Zeit nicht herstellen können, finden Menschen durch schöpferische Aufmerksamkeit eben doch oft die Zeit, das zu tun, was getan werden muss. Hier geht es eher um unsere Beziehung zu dem Konzept von Zeit und unseren Umgang damit, als um die Zeit selbst (16). 8. Enthülle die persönliche Weisheit: Nur der Mensch selbst kennt sich. Dennoch finden die Menschen oft nicht die Worte, um die Größe oder Komplexität ihrer Erfahrung mitzuteilen. Sie brauchen persönliche Metaphern um etwas von diesen Erfahrungen zu vermitteln (17). Tide hilft den Menschen ihre persönliche Weisheit zu enthüllen und wertzuschätzen, damit diese dazu beitragen kann, sie auf der Genesungsreise zu stärken. 9. Wisse, dass der Wandel konstant ist: Obwohl Wandel unvermeidlich ist, folgt daraus nicht, dass Wachstum geschieht. Entscheidungen müssen getroffen werden; es muss gewählt werden. Wir sollten dem Menschen helfen, Achtsamkeit dafür zu entwickeln, wie Wandel sich vollzieht und ihn dabei zu unterstützen, Entscheidungen zu treffen, die ihn aus Gefahr und Leid herausführen und auf dem Kurs der Genesung zu bleiben. 10. Sei nachvollziehbar: Wenn die Pflegeperson und die andere Person ein Team werden, muss jeder seine »Waffen« niederlegen. Im Prozess des Geschichte-Schreibens, kann der Stift der Pflegeperson nur allzu oft eine Waffe werden. Das Aufschreiben einer Geschichte birgt das Risiko, Lebensentscheidungen des Menschen zu hemmen und zu beschränken. Professionelle sind in einer privilegierten Position und sollten Vertrauen als Rollenvorbild dahingehend zeigen, dass sie jederzeit nachvollziehbar sind und handeln. Indem sie die Sprache dieser Person benutzen und indem sie alle Assessments und Pflegepläne gemeinsam mit der Person anfertigen, wird die Art der Zusammenarbeit noch deutlicher nachvollziehbar. Die Geschichte der Genesung Das Gezeitenmodell sieht psychisches Leid als Drama und betont die zentrale Bedeutung des Geschichte-Erzählens. Die Geschichte von Leid, Zusammenbruch und Genesung ist der dramatische Schlüssel der Realität zur psychiatrischen Pflege. Husserl (18) stützte sich auf den Begriff und die Vorstellung von der Lebenswelt, um zu kennzeichnen, dass wir alle im Universum leben, es jedoch von jedem von uns anders erlebt wird. Wir alle haben unsere eigene, individuelle Perspektive auf die Welt, was häufig unser Ausblick oder Standpunkt genannt wird. Diese individuellen Perspektiven sind durch unsere Erfahrungen in der Vergangenheit, durch Erlerntes und andere soziokulturellen Faktoren beeinflusst. Sobald wir anfangen, Aspekte unserer Welt zu benennen, sprechen wir gleichzeitig über unsere Erfahrung, wir entfalten eine Erzählung. Mit der Zeit werden diese Erzählungen zu unserer Geschichte von Erfahrung, die beschreibt, wie wir Sinn herstellen aus und von unserer Welt und unseren Handlungen, die darin stattfinden. Das Gezeitenmodell stellt diese Geschichte der gesamten gelebten Erfahrung eines Menschen in den Mittelpunkt des Dramas von Zusammenbruch und Genesung. Diese Geschichte wird übermittelt durch drei unterschiedliche, aber miteinander zusammenhängende Bereiche - Selbst, Welt und Andere. Der Begriff Bereich kennzeichnet hier den Lebensraum von Menschen. Der Tidenbereich ist ein metaphorischer Platz innerhalb der Geschichte einer Person. Er fungiert als Setting die verschiedenen Aspekte der Geschichte der Person. • Im Bereich des Selbst verbindet sich der Mensch mit seinem privaten innersten Selbst. Hier fühlt er – oder begegnet (auch ohne Worte) seiner Lebensgeschichte. Im Bereich des Selbst ist die praktische Arbeit des Pflegeteams darauf ausgerichtet ein Gefühl von Sicherheit - physisch und psychisch - durch einen persönlichen Sicherheitsplan herzustellen. Dieser konzentriert sich auf praktische Dinge, die von diesem und anderen Menschen getan werden können, um ein Sicherheitsgefühl zu nähren. 48 49

• Im Bereich der Welt beginnt die Person ihre Geschichte zu überarbeiten und zu ergänzen, indem sie Aspekte und eigene Erfahrungen mit anderen bespricht und indem sie die vielfältigen Bedeutungen ihrer Geschichte reflektiert. Das ganzheitliche Assessment wird genutzt, um eine Zusammenfassung der Geschichte, wie sie im Augenblick verstanden wird, zu erzeugen. Dies schließt einige Probleme mit ein, die bildlich gesprochen mit der Person »an Land gespült worden« sind. Der Bereich der Welt ist auch der Ort, an dem die notwendigen, praktischen Schritte für den Genesungsprozess unternommen werden. In Einzelsitzungen widmet die Person ihre Erzählung der Entwicklung von Wandel: sie entwickelt Bewusstheit von jetzt ereignendem Wandel und wie sie ihre Bewusstheit über solche Wandlungen nutzen kann, um einen Kurs Richtung Genesung anzusteuern. • Im Bereich der Anderen führt die Person ihre Lebensgeschichte auf, indem sie Bindungen eingeht mit Familie, Freunden, anderen »Patienten« und Mitarbeitern. Hier lernt sie mehr über sich, lernt etwas von den Geschichten der Anderen. Der Bereich der Anderen ist der Ort, welcher der Gruppenarbeit gewidmet ist, wo die Person ihre Bewusstheit darüber entwickelt, in welcher Beziehung die Erfahrung anderer Menschen zur eigenen steht, und wie sie vielleicht anderen helfen kann, mit deren Lebensproblemen fertig zu werden. Das Gruppen-Setting verstärkt die persönliche Bewusstheit über persönliche Stärken und das Macht-Potenzial sozialer Verbundenheit. Forschung und Evaluation Vier Untersuchungen von Akutpflege-Settings aus England, Schottland und Irland, die den Weisungen des Gezeitenmodells gefolgt sind, haben sehr ähnliche Effekte bei einer Reihe klinischer, organisatorischer und persönlicher Variablen gezeigt (19, 20, 21 ,22, 23). Alle zeigten deutliche Rückgänge bei gewalttätigen und aggressiven Anzeichen sowie bei Suizidversuchen und Selbstverletzungen. Alle zeigten einen deutlichen Rückgang bei Beschränkungsmaßnahmen und Fixierungen zur Kontrolle von gestörtem Verhalten. Auf der Ebene der Mitarbeiter wurden deutlich weniger Krankheitsfälle und unentschuldigtes Fehlen registriert. Ergänzt wurden diese Ergebnisse durch verbesserte Resultate bei Mitarbeiter- und »Patienten«-Zufriedenheit und Zunahme der Kollegialität. An der Victoria Universität in Wellington (Neuseeland) wurde zwei Jahre nach der Einführung des Gezeitenmodells eine große phänomenologische Studie auf einer forensischen Hochsicherheits-Station durchgeführt (24). Die Ergebnisse schließen Beschreibungen von »erhöhtem Gefühl von Hoffnung und Optimismus« bei Mitarbeitern und Patienten ein. Dies war besonders signifikant, da den »Patienten« vorherbestimmt ist, viele Jahre in diesem begrenzendem Setting zu verbleiben. Nicht überraschend berichtet diese Untersuchung auch von einem Gefühl verbesserter »Zusammenarbeit« im gesamten Pflegeprozess, und zwar sowohl von der Perspektive der Patienten wie auch der Pflegenden. Die Patientengruppe beschrieb auch deutliche Veränderungen in ihrer Wahrnehmung von dem »Machtverhältnis zwischen Mitarbeitern und Patienten«, was die Forscher als ein Gefühl von »Augenhöhe« beschrieben. Die Patienten berichteten von einem verbesserten Verbundenheitsgefühl, sowohl zu sich selbst wie zu anderen Patienten. Vielleicht am ermutigendsten war die Übereinstimmung, dass die Pflege nun ein offenkundig menschliches Antlitz habe. Quer durch diese und andere, auch noch laufende Untersuchungen haben wir folgende Kommentare gesammelt von Menschen, die Tiden-Pflege erhalten. Die folgenden Beispiele sind typisch für viele hundert Kommentare, welche die Ansicht stützen, dass Tide einen humanisierenden Einfluss auf Pflege hat. Eine Kanadierin mit 20-jährigem Substanzmissbrauch sagte: »Tide hat Raum für meine Stimme geschaffen. Ich bin nicht einfach nur eine weitere Patientin, die psychisch krank ist. Ich bin ein Mensch mit Zielen und Träumen und einem lebenswerten Leben. Ich entdecke und lerne und bewirke Veränderungen.« Eine junge Bewohnerin eines schottischen Dienstes für junge Erwachsene kommentierte das Geschichte-Aufschreiben im ganzheitlichen Assessment: »Es vermittelt mir das Gefühl, dass ENDLICH jemand dem zuhört, was ich zu sagen habe UND damit etwas anfängt.« 50 51

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