Psychiatrische Pflege

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Kompetenz - zwischen Qualifikation und Verantwortung (2007)

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Kongressband Dreiländerkongress 2007 in Bielefeld

und

und differenzierteren ambulanten Angeboten gegangen wird. Denn die bisher bestehende Gemeindepsychiatrie, die hauptsächlich komplementäre und rehabilitative Angebote umfasste, wird damit um mehr Behandlungskomponenten erweitert. Neben der aufsuchenden psychiatrischen Pflege im Rahmen einer Psychiatrischen Institutsambulanz ist dies eine neue und eigenständige Möglichkeit ambulanter Pflege, die auch in berufspolitischer Hinsicht neue Wege aufzeigt. Im Bereich der Versorgung psychischer Erkrankungen hat diese Entwicklung ja sogar früher, seit Beginn der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts begonnen und in manchen Bundesländern zu einem ganz erheblichen Umschichten von stationären Kapazitäten in den teilstationären und ambulanten Bereich geführt, um dem Ziel einer patientenorientierten, personzentrierten, lebensweltorientierten psychiatrischen Behandlung näher zu kommen. Dieser Wandel bedingt einerseits eine Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen, der Finanzierungsstrukturen und Behandlungskonzepte, denn ambulante Versorgung erfordert andere Informations-, Entscheidungs- und Kooperationsmodelle. Der Wandel erfordert insbesondere aber eine Weiterentwicklung des gerade in der Psychiatrie bedeutungsvollsten Behandlungsfaktors, nämlich des Faktors Mensch, also der psychiatrisch tätigen Berufsgruppen durch Weiterentwicklung der Berufsbilder, der damit verbundenen Qualifikationen und der Klärung der Verantwortlichkeiten (WHO 2005). 4. Anforderungen an pflegerische Qualifikationsprofile Die im Zuge der Psychiatrie-Enquete eingesetzte Expertenkommission der Bundesregierung konstatierte schon 1988, dass psychiatrische Pflege, in Abgrenzung von der somatischen Pflege, nicht etwa nur ärztlich verordnete Leistungen wie Medikamentenvergabe durchführt, sondern dass sie darin besteht, »dem psychisch Kranken Hilfen zu geben, dass er die Regeln der Sorge des Menschen für sich selbst und des mitmenschlichen Umgangs als Element des eigenen Handlungsrepertoires wahrnimmt«. Der Wandel in den psychiatrischen Versorgungsstrukturen ermöglicht selbstständigeres, aber auch eigenverantwortlicheres Arbeiten, und hat damit selbstverständlich auch Auswirkungen auf pflegerische Qualifikationsanforderungen. Im Sinne des oben zitierten Pflegeverständnisses sind dazu vielfältige klinische Kompetenzen erforderlich: nämlich die Fähigkeit selbstständig diagnostische und therapeutische Entscheidungen zu treffen, die Kompetenz zur professionellen psychotherapeutischen Beziehungsgestaltung und zur Unterstützung in Alltagsaktivitäten, zur psychischen Gesundheitsförderung, zur Psychoedukation und zur Gruppenarbeit sowie die Fähigkeit zur Krisendiagnostik und Krisenintervention. Hinzu kommen organisatorische Kompetenzen wie die Fähigkeit zum case management und zu komplexen multiprofessionellen Behandlungsplanungen. Angesichts der Pflege als größter Berufsgruppe, sind diese Qualifikationsanforderungen überdies von besonderer Bedeutung für die psychiatrische Versorgungsqualität insgesamt. Für die Weiterentwicklung von psychiatrischen Angeboten hin zu patientenorientierten, personzentrierten und bedürfnisorientierten Konzepten, bedarf es einer wissenschaftlich fundierten Pflege, die neue Verantwortungsbereiche und Aufgabenfelder selbstverantwortlich übernehmen kann. Im Gegensatz zu der bisherigen, mehr handwerklich-assistierenden Pflegeausbildung geht es in den anstehenden Professionalisierungsbestrebungen allgemein gesprochen um die Befähigung zu einem eigenständigen, selbstständigen Berufsprofil. Die Professionalisierung hin zu einem eigenen Fachberuf mit berufsfachlichen Kompetenzen, ähnlich etwa wie Ärzte und Psychologen, erfordert einerseits die Entwicklung einer eigenen Fachlichkeit, andererseits muss jedoch auch multiprofessionell eine gemeinsame Sprache mit den anderen in der psychiatrischen Versorgung tätigen Berufsgruppen entwickelt werden, denn gerade die neuen Behandlungsansätze sind berufsübergreifend ausgerichtet (WHO 2005). Nicht zuletzt bedeutet eine wissenschaftliche Fundierung der Pflege auch eine Angleichung an internationale Entwicklungen, auch im Bereich der psychiatrischen Versorgung. Im europäischen Vergleich hat die Pflege in Deutschland hier in den nächsten Jahren noch einigen Nachholbedarf, betrachtet man die anspruchsvollen Tätigkeitsprofile der gemeindepsychiatrischen Pflege in Großbritannien oder Skandinavien. Eine ambulante gemeindepsychiatrische Pflege erfordert vielfältige, umfangreiche Kompetenzen und ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Nicht allein fundiertes Wissen um psychische Störungen, Versorgungsstrukturen und Methodenkompetenz wird benötigt, sondern ebenso die Reflexion eigener Einstellungen, Verhaltensweisen und Gegenübertragungen und die Auseinandersetzung mit einem humanistischen Menschenbild. Hinzu kommen Schlüsselqualifikationen wie Analysefähigkeiten, problemlösendes Denken und die professionelle therapeutische Beziehungsgestaltung. Arbeit in der Psychiatrie bedeutet ebenfalls, dass die Betroffenen- bzw. Nut- 58 59

zerperspektive immer miteinbezogen werden sollte, d.h. eine qualifizierte psychiatrische Pflege benötigt Erfahrung mit Psychoedukation, Psychoseminaren, Unterstützung von Selbsthilfeinitiativen und die Zusammenarbeit mit Psychiatrieerfahrenen. Sie wird zukünftig sicherlich auch mit mehr Beratungs- und Schulungsaufgaben konfrontiert sein. Eine Weiterqualifizierung und Professionalisierung psychiatrischer Pflege für den ambulanten Bereich benötigt eine Integration von allgemeinen Pflegetheorien einerseits und psychiatrischen Konzepten andererseits. Sie macht außerdem die Entwicklung fachlicher Standards und die Differenzierung verschiedener Ausbildungslevel und Qualifizierungsebenen erforderlich. Für diese Aufgaben reichen einzelne, mehr oder weniger zufällig ausgewählte Fortbildungsangebote genauso wenig aus, wie überwiegend auf Management- oder Forschungsfragen ausgerichtete Studiengänge. Die Weiterqualifizierung und Professionalisierung psychiatrischer Pflege bedingt ein modularisiertes, gestuftes, akademisiertes Ausbildungssystem mit verbindlichen, kontinuierlichen Weiterbildungsangeboten. Literatur: Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.) (1998): Von institutions- zu personenzentrierten Hilfen in der psychiatrischen Pflege. Baden Baden: Nomos Burns T, Knapp M, Catty J, Healey A, J Henderson J, Watt H, Wright C (2001): Home treatment for mental health problems – a systematic review. Health Tech Assess 5; Nr. 15 Kunze H, Becker T, Priebe S (2004): Reform of psychiatric services in Germany: hospital staffing directive and commissioning of community care. Psychiatric Bulletin 28-218-221 Schulz M (2003): Rekonzeptionalisierung als wesentliches Element einer qualitative hochwertigen psychiatrischen Pflege. Pflege & Gesellschaft 8: 140-145 WHO (2005): Human Ressourcen und Ausbildung im Bereich Psychische Gesundheit. Info Papier d. Europäischen Ministeriellen WHO-Konferenz. Helsinki 5. Zusammenfassung und Schlussbemerkungen Mit Enthospitalisierung und Aufbau gemeindepsychiatrischer Angebote werden in der psychiatrischen Versorgung allgemeine gesundheitspolitische Entwicklungen mit vollzogen, die unter der Devise »ambulant vor stationär« und »integrierte Versorgung« zu einer Verkürzung der stationären Behandlungsdauer um 30 – 40% (mit entsprechender Bettenreduktion) geführt haben. Eine deutlich frühere Entlassung erfordert aber auch eine Verlagerung qualifizierter Behandlungsangebote in den ambulanten Bereich, die bisher von pflegerischer Seite in diesem Umfang ambulant nicht angeboten werden konnten. Als Profession, die behandelnde, versorgende, beratende und schulende Methoden bündelt, könnte eine qualifizierte psychiatrische Pflege in ambulanten Behandlungsnetzen die Beziehungskontinuität mit dem Patienten gewährleisten und durch »home treatment« manche stationäre Aufnahme vermeiden helfen (Burns et al. 2001). Das Zusammenführen von bislang unvernetzten ambulanten psychiatrischpsychotherapeutischen Einzelleistungen und getrennten Behandlungsund Rehabilitationsbereichen zu gut strukturierten Versorgungsnetzen ermöglicht der Pflege neue Arbeitsfelder und Profilbildungen, sofern sie den eingeschlagenen Weg der Professionalisierung weitergeht und eigene hochwertige psychiatrische Qualifizierungen entwickelt. 60 61

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