Psychiatrische Pflege

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Kompetenz - zwischen Qualifikation und Verantwortung (2007)

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Kongressband Dreiländerkongress 2007 in Bielefeld

als ein Stückchen

als ein Stückchen Sahnetorte, dann muss erst der Oberarzt gerufen werden. Und das sind nur zwei Beispiele. Welche Haftungsfragen hier bedacht werden müssen, ist mir nicht immer deutlich geworden. Wahrscheinlich haben Ärzte eine schwere Urinallergie und Krankenpfleger und –schwestern drohen mehrjährige Haftstrafen, wenn Sie ohne schriftliche Genehmigung eines Facharztes Aspirin abgeben. Gut, dass das bei uns zuhause nicht so kompliziert ist. Krankenhausalltag aus der Patientenperspektive –ein Gedankenspiel Natürlich hat mich das auch beschäftigt, als ich wieder in meiner eigenen Krakenhausabteilung war. Für einen kurzen Moment habe ich mal darüber nachgedacht, was ich mir eigentlich von den professionellen MitarbeiterInnen wünschen würde, wenn ich bei uns Patient wäre. Denken Sie auch manchmal daran, wie das wäre, auf Ihrer Station selbst Patient zu sein? Stellen Sie sich vor, sie stehen als stationärer Patient vor ihrem Entlassungstag und wollen einen wichtigen Termin in der Stadt wahrnehmen. Da stehen zehn erfahrene Mitarbeiter im Dienstzimmer und keiner will die Kurzmitteilung für den Hausarzt ausfüllen, weil das nur der Arzt darf; der hat aber gerade keine Zeit und dann sitze ich da und warte. Oder wir sitzen da mit mehreren Stationsmitarbeitern in der Visite und es spricht immer nur der Arzt; dabei interessiert mich als Patient viel mehr, was der Krankenpfleger dazu sagt, der mich viel besser kennt. Warum macht der eigentlich keine Visite? Sollen wir uns mal die Station in der Psychiatrie ausdenken, auf der wir gerne behandelt werden möchten, wenn wir verrückt geworden sind oder wenn wir unseren Alkoholkonsum nicht mehr unter Kontrolle haben? Ich würde mir gerne selbst mein Behandlungsteam zusammenstellen, alles was ich brauche: Meine Pflegekraft, die speziell für mich zuständig ist, meinen Arzt des Vertrauens, meinen Sozialarbeiter und meinen Egotherapeut. Wenn ich dann einen von denen was frage, was meine Krankheit oder meine Behandlung anbetrifft, dann möchte ich, dass der mir sagt, was er darüber weiß. Ich möchte von all den Kompetenzen und Fähigkeiten profitieren, die jeder von denen hat – und nicht auf den Arzt warten müssen, weil der irgendwelche Vorrechte hat und deswegen halten sich alle anderen mit ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten zurück. Das ist mir zu anstrengend und letztlich finde ich das albern. Zumal der Arzt ständig stöhnt, dass er keine Zeit hat und völlig überfordert ist. Da könnten ihm die anderen bestimmt helfen, wenn sein Ego das verträgt. Die Pflegeleute könnten demgegenüber im Alltag aber auch manchmal etwas selbstbewusster auftreten. Ich frage mich manchmal: wenn jetzt jemand von den Pflegeleuten aufstehen würde und würde sagen: »Ach, Frau Doktor, Sie machen mir einen sehr erschöpften Eindruck, lassen Sie mich mal machen. Ich weiß wie das geht.« Ob der Arzt oder die Ärztin nicht doch irgendwann begreifen würde, dass es der Pflegekraft Spaß machen könnte, ihm selbst Kraft und Zeit spart und der Patient schneller das bekommt, was er braucht. Interdisziplinäre Teamarbeit in der Psychiatrie zwischen Sozialromantik und rauer Wirklichkeit Das scheint nun alles ganz unrealistisch zu sein. Deswegen habe ich das Angebot von Michael Schulz genutzt, und mal in der zur Verfügung gestellten Literatur nachgesehen, was dort an Anregungen zu finden ist. »Interdisciplinary teamwork and leadership: issues for psychiatrists« – das ist ein Aufsatz von Alan Rosen und Tom Callaly aus Australien, der mich sofort angesprochen hat. Dort werden die brennendsten Vorbehalte diskutiert, die Psychiater gegen interdisziplinäres Arbeiten vorbringen. Die erste Frage lautet, ob das ganze Gerede vom Teamwork nicht doch reine Sozialromantik ist. Funktionieren hierarchisch klar durchgegliederte Entscheidungsbäume mit schlauen Ärzten an der Spitze nicht am besten? Nur wenn alles Wissen im Medizinischen schon vorkommt, nicht aber, wenn das Wissen anderer Berufsgruppen einen wichtigen Beitrag leisten kann. Dann müsse man einander zuhören, komplementär zueinander arbeiten, Kenntnisse und Erfahrungen des anderen würdigen und gemeinsam an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten. Dann stellt er die Frage, warum interdisziplinäres Arbeiten in der Psychiatrie so wichtig sein soll, wo doch alle somatischen Disziplinen scheinbar weitgehend ohne derartiges Teamwork auskommen. Sind die Psychiater nicht auch hier wieder die dümmsten, eigentlich gar keine richtigen Ärzte? Rosen und Callaly drehen das um: Die Psychiatrie sei an der Spitze der Bewegung. Anders als in weiten Bereichen der Psychiatrie gehe es auf die Dauer gar nicht. Und von der interdisziplinären Arbeit in der Psychiatrie könnten andere viel lernen. Aber ob sich das auch wissenschaftlich belegen lässt? Rosen und Callaly behaupten, dass es dazu zwar nicht viel systematische Forschung gebe, dass aber die Cochrane Library fest- 66 67

gestellt habe, dass es erheblich kosteneffektiver sei und zumindest nicht schlechter als in klassischen Rollen geleistete stationäre Behandlung. Ich fasse den aktuellen Stand der Überlegungen zusammen: Aus Patientenperspektive wäre es erforderlich, dass die an den Wünschen des Patienten orientierte Behandlung einer bestimmten Störung und die Unterstützung im Umgang mit bleibenden Behinderungen im Vordergrund steht. Wer welchen Anteil dieser Aufgabenstellung in einem Behandlungskontext übernimmt, ist eigentlich nicht entscheidend. Jede Berufsgruppe sollte letztlich den Anteil übernehmen, den der jeweilige Ausbildungsstatus erlaubt. Aspekte der Effektivität und Effizienz dürfen dabei nicht unberücksichtigt bleiben. Höher qualifizierte Kräfte sollten deswegen primär mit Aufgabenstellungen befasst werden, bei denen ihre spezifischen Kenntnisse und Fähigkeiten im Dienste des Patienten möglichst umfassend genutzt und ausgeschöpft werden. Aktuell gelingt das nur unzureichend. Die angeführten Beispiele zeigen, dass Ärzte und Krankenpflege sich im Alltag noch viel mehr mit der Frage befassen, wer für den Patienten wie wichtig ist und wer der Bestimmer im beruflichen Alltag ist. Ärzte sind aufgrund ihrer traditionsreichen Profession bislang diejenigen gewesen, die im Umgang mit dem kranken Menschen die Definitionsmacht hatten. Sie bestimmen Sprache und Umgangskonzepte mit dem, was man »Krankheit« nennen mag. Die zunehmende Ökonomisierung im Gesundheitswesen hat den Geschäftführer über den Chefarzt gestellt und den Krankenkassendirektor über den niedergelassenen Arzt. Heilpraktiker profitieren von der Krise der Schulmedizin und psychologische Psychotherapeuten okkupieren zunehmend für sich ein Arbeitsfeld, für dessen Verteidigung die Anzahl ausbildungswilliger Ärzte nicht mehr ausreicht. An dieser Stelle werden politische Initiativen, das Arbeitsfeld nichtärztlicher Berufsgruppen auf Kosten des traditionell ärztlichen Terrains zu erweitern, mit Argwohn betrachtet. Die Pflege versucht in den letzten 20 Jahren, sich von der Rolle eines ärztlichen Hilfsberufes zu emanzipieren. In einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der Autonomie, Selbstwertbestätigung und säkularisierte Sinnbestimmung bestimmend geworden sind, hat diese Hilfsrolle etwas Kränkendes erhalten. Dem Arzt die Kurven hinterherzutragen, den Pausenclown zu spielen, wenn der Arzt mal wieder zu spät zur Visite kommt, bei der Zimmervisite den Oberbuttler mimen – das möchte heute keiner mehr. Symbolbehaftete Aktionen wie die Weigerung, Blut abzunehmen, mögen hier eine gewisse seelische Entlastung geliefert haben. Der Sache dienlich war es noch nicht. Wer rückt den Patienten wieder zurück in den Mittelpunkt? Aber um welche Sache geht es eigentlich? Eigentlich geht es weder um die verletzten Eitelkeiten der Ärzte noch um narzisstische Kränkungen der Pflege. Das mögen Ärzte und Pfleger mit ihren psychologischen Psychotherapeuten besprechen. Da geht es um die Bewältigung der Aufgabe, am Patienten gute gemeinsame Arbeit zu leisten. Patienten sind nicht dafür da, dass Selbstwertgefühl konkurrierender Berufsgruppen zu befriedigen. Patienten haben ein moralisches und privatrechtliches Recht darauf, ordentlich behandelt zu werden. Das kann nur gelingen, wenn die am Behandlungsprozess beteiligten Berufsgruppen die Aufgabe der Patientenbehandlung von berufsgruppenbezogenen Wettbewerben trennen. Wünschenswert wäre es aus meiner Sicht, wenn die Frage, wer welchen Behandlungsanteil übernimmt, an Kompetenzerwerb und Professionalisierung entschieden werden könnte. Wer in der Behandlung wichtig sein möchte, muss erstens aufgabenspezifische Kompetenzen erwerben und zweitens bereit sein, persönliche Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. In der Psychiatrie ergeben sich in diesem Prozess besondere Chancen und besondere Risiken. Selbst wenn der Psychiater in seiner Rolle als Arzt Anpassungsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Suizidalität oder übermäßigen Rauschmittelkonsum medizinisiert, so ist doch jedem klar, dass es hier um Störungsbereiche geht, die sich auch in der außermedizinischen Alltagserfahrung finden lassen. Sozial kompetente Menschen, gleich welcher Berufsgruppe, sind bei diesen Aufgabenstellungen oft hilfreicher als ein selbstunsicherer oder verkopfter Arzt mit Staatsexamen und Facharztausbildung. Das bedeutet gleichzeitig, dass gerade hier jedes Mitglied eines Behandlungsteams persönliche Kompetenzen einbringen kann, die weitgehend professionsunabhängig sind. Die Chance, zu einer von Respekt und Wertschätzung geprägten Zusammenarbeit zu kommen, sind hier eigentlich größer. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob bei einer hohen Bedeutung primärpersönlicher Eigenschaften in der Psychiatrie Medizinstudium und 68 69

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