Psychiatrische Pflege

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Kompetenz - zwischen Qualifikation und Verantwortung (2007)

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Kongressband Dreiländerkongress 2007 in Bielefeld

Das ist etwas, was

Das ist etwas, was vermutlich alle gerne wollen, häufig auch können, aber je nach Befähigungsnachweis nicht immer dürfen, weil dann Kompetenzen, die plötzlich die zweite Bedeutung annehmen, nämlich die Befugnis, überschritten werden. Abbildung 1 aus: Knigge-Demal & Eylmann (2006) Bleibt noch zu klären worauf sich Qualifikation, Kompetenz und Verantwortung in der professionellen Pflege beziehen sollen. Die Robert Bosch Stiftung hat im Jahr 2000 den Bericht der Expertenkommission der Zukunftswerkstatt ›Pflege neu denken‹ vorgelegt. Darin ist unter anderem festgehalten: »Im Mittelpunkt der Pflege stehen […] der pflegebedürftige Mensch mit seinem subjektiven Erleben gesundheitlicher Einschränkungen, der objektive Anlass für den Pflegebedarf und das mitbestimmende Umfeld.« (Robert Bosch Stiftung 2000, S.3) Als grundlegender Rahmen für eine denkbare neue Ausrichtung der Pflegeausbildung galten der Expertenkommission 5 Prinzipien, nämlich: 1. 2. 3. Pflegen als menschliche Begegnung begreifen Pflegesituationen aktiv gestalten Praxisinhalte neu ordnen 4. 5. Geeignete Lebens - und Lernwelten schaffen Theorie und Praxis überdenken und verändern Vor dem Hintergrund dieser Prinzipien wollen wir eine Diskussion anregen. Denn: Diskussionen anregen ist eine wichtige Aufgabe in einer auseinandersetzungsfreudigen Berufsgruppe. Wer nicht diskutiert, der hat keine Auswahl, der lässt keine Widersprüche zu, der schärft nicht seine eigenen Argumente. Wer diskutieren will, muss sich zuvor eine Meinung gebildet haben und eine eigene Meinung bilden ist das zweite Schlüsselwort für kompetente Menschen. Dazu muss die eigene Berufserfahrung mit dem aktuellen Wissen der Berufsgruppe abgeglichen werden. Dazu gehört die Reflexion über die eigene Berufswahl und das Zur-Kenntnis-Nehmen der Bedürfnisse der Betroffenen. Wer sich eine eigene Meinung bilden will, der muss sich bilden. Bildung als drittes Schlüsselwort. Gebildet wird man nicht nur in der Aus- oder Weiterbildung, sondern auch beim Zeitunglesen. Dort erfährt man z.B., dass die Kantonalbank Zürich wieder Milliardengewinne erzielt hat. Die Gewinne seien auch durch gezielte Mitarbeitendenressourcennutzung entstanden – sprich, es wurden ziemlich viele Mitarbeitende entlassen. Von diesen werden etwas mehr als die Normalbevölkerung depressiv. Diese Depressionen werden zur Hälfte nicht erkannt. Wenn sie erkannt werden, werden sie nicht richtig behandelt. Und ein ganz kleiner Rest dieser depressiven Menschen findet den Weg in eine psychiatrische Institution und begegnet Ihnen dort. IHNEN, die Sie kompetent, qualifiziert und verantwortlich handeln, indem Sie den CEO der Zürcher Kantonalbank anrufen und ihm alle Schande sagen und ihn auf seine gesellschaftliche Verantwortung hinweisen.... Was ist die Verantwortung psychiatrischer Pflegefachpersonen gegenüber Menschen, die psychisch krank werden, weil gesellschaftliche Bedingungen sie krank machen? Man könnte behaupten, dass solche Menschen im geschützten Rahmen der psychiatrischen Versorgung wieder lernen können, Selbstvertrauen zu gewinnen. Dass sie die Trauer zulassen können und wieder neue Hoffnung schöpfen können. Dass sie zuversichtlich wieder an neue Vorstellungsgespräche gehen lernen, weil sie das mit den psychiatrischen Pflegefachpersonen geübt haben. 98 99

Man könnte ebenfalls sagen, dass Pflegefachpersonen in der Psychiatrie nicht dazu da sind, die Welt zu verändern, sondern um einzelnen Menschen wieder eine Perspektive zu bieten. Dieser Standpunkt reduziert die gesellschaftlichen Bedingungen auf das individuelle Schicksal eines einzelnen, kranken Menschen. Wir fokussieren noch sehr auf eine psychiatrische Pflege, die sich an individuellen, intrapsychischen Erlebnissen einzelner Menschen orientiert. An einer psychiatrischen Pflege, die postuliert, dass Schwache wieder in den Arbeitsprozess integriert werden müssen oder die an die Möglichkeit glaubt, mit therapeutischen Methoden mindestens diese Integration wieder zu ermöglichen. Dabei wissen wir, dass wir mehr und mehr Menschen behandeln, deren soziale Behinderungen enorm sind und deren psychiatrische Diagnosen immer unschärfer werden. Kompetente und qualifizierte psychiatrische Pflege wird deshalb die Themen der sozialen Desintegration, der Ausgliederung aus dem Erwerbsleben, der Vereinzelung aufnehmen müssen und sich der Auseinandersetzung mit Behörden, Arbeitgebern und Familienangehörigen stellen müssen. Dafür braucht es fächerübergreifende Betrachtungsweisen und ein Verständnis für soziale und ökonomische Lebensbedingungen. Die Probleme unserer Zeit lassen sich nur noch zu einem Teil im individuell therapeutischen Kontext einer sorgfältig aufgebauten stationären Versorgung lösen. Das Lexikon der Philosophie ergibt zu dem Begriff Verantwortung, dass deren Voraussetzung die menschliche Willensfreiheit sei. Und: » Wo wir auf Unrecht, Gewalt, Unfreiheit stoßen, stellt sich die Frage der Zuständigkeit nicht mehr in einem auf das einzelne Subjekt reduzierten Sinne. D.h., die Verantwortung wird dort zu einem obersten Grundsatz, wo es um die Verwirklichung einer menschenwürdigen Welt geht. Insofern bezieht sie sich nicht allein auf die vollzogene Handlung eines einzelnen, sondern auch auf die unterlassene Handlung einer Mehrheit.« (Prechtl & Burkard 1996) Verantwortungsvolle, qualifizierte und kompetente Pflegefachpersonen Psychiatrie sind deswegen aufgefordert, gewisse Behauptungen zu überdenken und zu revidieren. Unter Behauptungen verstehen wir eingefleischte Annahmen zum Berufsalltag, die einer Überprüfung in der Praxis nicht standhalten, aber sich hartnäckig in unserem Bewusstsein halten. Wir zählen folgende drei Behauptungen auf: Behauptung 1: Psychiatrische Pflegefachpersonen machen eine ganz andere Arbeit als die »normalen« Pflegefachpersonen. Behauptung 2: Betroffene werden bei uns selbstverständlich in die Behandlung miteingebunden. Behauptung 3: Wir befürworten die Aussage»ambulant vor stationär« sehr und würden gerne auch im ambulanten Setting arbeiten. Zu Behauptung 1: Psychiatrische Pflegefachpersonen machen eine ganz andere Arbeit als die »normalen« Pflegefachpersonen. Pflegefachpersonen in Akutspitälern, Altersheimen, der Spitex etc. beschäftigen sich vermehrt mit chronisch kranken Menschen. Diese leiden an Krebserkrankungen, an Diabetes, an Herz- und Kreislauferkrankungen. Im Rahmen dieser Erkrankungen sind sie verängstigt, verunsichert, haben Schmerzen, nehmen die Medikamente nicht regelmässig ein, sind wütend, müssen sterben, verstehen den Sinn der schweren Erkrankung nicht oder suchen den Sinn ganz verzweifelt. Auf diese Ängste, diese Schmerzen, diese Unsicherheiten, diese Fragen, diese Zweifel müssen Pflegefachpersonen reagieren und sie tun es auch. Und natürlich reagieren sie ebenfalls auf die psychischen Erkrankungen, die diese Zuckerkranken, HIV positiven, krebserkrankten Menschen im Rahmen ihrer somatischen Krankheit entwickeln. Welche Kompetenzen brauchen sie dazu? Sie brauchen ein Verständnis für Beziehungsaufbau in schwierigen Lebenssituationen, einen empathischen Kommunikationsstil, eine fürsorgliche Anteilnahme und eine Kenntnis der wichtigen psychischen Krankheiten. In der psychiatrischen Pflege begegnen uns hingegen besonders in der Alterspsychiatrie vermehrt PatientInnen mit komplexen somatischen Krankheiten. Deswegen wäre es gut, mehr von Wundversorgung, Sturzprophylaxe, Schmerzmanagement und Inkontinenz zu verstehen. 100 101

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