Psychiatrische Pflege

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Kompetenz - zwischen Qualifikation und Verantwortung (2007)

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Kongressband Dreiländerkongress 2007 in Bielefeld

Da die Patientinnen

Da die Patientinnen und Patienten immer weniger »reine« Störungen aufweisen, muss auch die »reine« psychiatrische Pflege verabschiedet werden. Stattdessen müssen sich die Pflegefachpersonen Psychiatrie vermehrt dafür einsetzen, dass in den Lehrplänen der generalistischen Grundausbildung Pflege psychischer Störungen und der Umgang mit Betroffenen ebenso oft im Lehrplan vorkommen wie somatische Krankheiten. Zur Behauptung 2: Betroffene werden bei uns selbstverständlich in die Behandlung miteingebunden. Der Widerspruch zwischen dieser Behauptung und der Realität ist riesengross. Dies zeigt sich an fast jeder Fallbesprechung, an vielen Pflegeplanungen, an Unterrichtseinheiten etc. Und genau dies beklagen auch Betroffenenorganisationen. In Deutschland gibt es mittlerweile Betroffenenorganisationen, wie z.B. »Für alle Fälle«, wo sich Betroffene einmischen, Mitspracherecht verlangen. In der Schweiz gibt es z.B. auch den VPECH, den Verein Psychiatrieerfahrener Schweiz, aber er wird marginalisiert und belächelt. Es kommt kaum vor, dass Betroffene Stationspläne mitgestalten, an fachlichen Ausrichtungen mitarbeiten, Standards überprüfen helfen oder Lehrpläne mitentwickeln, wie dies z.B. in Grossbritannien der Fall ist. Auch an Kongressen wie z.B. dem Dreiländerkongress Psychiatrische Pflege werden sie nur marginal beteiligt. Lernende in der Pflegegrundausbildung kennen Begriffe wie »Salutogenese« oder »Empowerment« und können diese auch erklären. Aber wenn sie an einem konkreten Fallbeispiel, etwa einer jungen drogenabhängigen Frau mit Kinderwunsch, zeigen sollen, wie sie dieses Thema mit ihr besprechen würden, tauchen als Erstes repressive Vorgehensweisen auf. Betroffene in die Behandlung mit einbeziehen, bedeutet also auch, dass Behandlungspfade gewünscht und gefordert werden, die sich nicht an Ratschläge und Vorstellungen einer gradlinigen therapeutischen Beratung etc. halten, sondern die ganz individuelle Umgangsweisen entwickeln. Behauptung 3: Die psychiatrische Pflege befürwortet den Anspruch »ambulant vor stationär« und würde gerne mehr im ambulanten Bereich arbeiten. Sobald im stationären Setting ganz konkret an ambulanten Versorgungseinheiten gearbeitet wird, kommen jedoch plötzlich zwei Einwände auf: Die stationäre Arbeit darf unter diesen neuen Angeboten nicht leiden – sprich, es darf am stationären Setting gar nichts verändert werden. Arbeitszeiten, die in einer aufsuchenden Pflege nicht immer so steuerbar sind wie im stationären Alltag, geraten plötzlich ins Visier der Pflegefachpersonen. Es sind dann alle privaten Abmachungen nicht mehr lückenlos machbar, weil die Krise zuhause länger dauert, als es die 8,2 Stunden der Pflegefachperson vorgesehen hat. Es ist klar, dass keine zusätzlichen ambulanten Angebote errichtet werden können, sondern dass diese immer »auf Kosten« der stationären Versorgung gehen müssen. Das heisst, dass im stationären Bereich Abstriche gemacht werden müssen, wenn ambulante Einheiten aufgebaut werden sollen.. Die Anforderungen einer ambulanteren Psychiatrie und eines echten Einbezugs der Betroffenen verlangt von Pflegefachpersonen eine hohe Flexibilität und damit haben wir ein weiteres Schlüsselwort von kompetenten Fachpersonen genannt. Wenn wir beides umsetzen wollen, müssen wir mehrfach Abschied nehmen: Abschied nehmen von der Vorstellung, wir wüssten, was für Betroffene die beste Behandlung sei und Abschied nehmen von den immer gleichen Arbeitswegen zu uns bekannten Stationen und Abschied nehmen von absehbaren Dienstzeiten etc. Welche Qualifikation ist dafür für die psychiatrische Pflegefachperson notwendig? Wenn wir davon ausgehen, dass wir zumindest in Deutschland und der Schweiz die generalistische Pflegegrundausbildung haben und die psychiatrischen Themen nur zu einem kleineren Teil dort abgehandelt werden, dann müssten wir ein Augenmerk auf die fachliche Qualifikation nach dem Diplom legen und uns dort für übergeordnete Nachdiplomstudiengänge, für Masterlehrgänge und für interne kürzere Weiterbildungen stark machen. Daneben sind aber für Veränderungsprozesse, wie sie zuvor geschildert wurden, keinesfalls nur psychiatrische Fachthemen zu schulen. Kenntnisse über Organisationsentwicklungsprozesse, Neugierde auf neue Arbeitsgebiete, Lernen von anderen Ländern, wo aufsuchende Pflege schon länger praktiziert wird, all dies muss Pflegefachpersonen ebenfalls interessieren. Verständnis für Public Health Themen und Wissen um die Finanzierungsströme im Gesundheitswesen helfen, die psychiatrische Versorgung eingebettet in die grundsätzliche Gesundheitsversorgung eines Landes zu 102 103

verstehen. Nur wenn wir unser Fachwissen über die Begleitung einzelner Bezugspersonen hinaus erweitern, sind wir in voller Verantwortung als Fachpersonen unterwegs. Es wird immer eine Hauptaufgabe der psychiatrischen Pflegefachperson sein, Betroffene in ihrem alltäglichen Umgang mit ihrer Störung zu begleiten. Darüber hinaus ist es wichtig, ein Verständnis für einen erweiterten Auftrag für die psychiatrische Pflege, der gesellschaftliche Veränderungsprozesse und politische Rahmenbedingungen in die Pflege mit einbezieht, zu entwickeln. Das bedeutet: wir müssen Pflege als menschliche Begegnung begreifen, Pflegesituationen aktiv gestalten, Praxisinhalte neu ordnen, geeignete Lebens- und Lernwelten schaffen sowie Theorie und Praxis überdenken und verändern. Literatur Duden (1997): Das Fremdwörterbuch, Band 5, 6.überarbeitete und erweiterte Auflage, Dudenverlag, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich Duden (1997): Das Herkunftswörterbuch, Etymologie der deutschen Sprache, Band 7, Dudenverlag, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich Knigge-Demal, B. & Eylmann, C. (2006): Kompetenzorientierte Prüfungsgestaltung, Teil 1 – Anhand von Fallbeispielen. In: Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Pflege und Gesundheit (Hrsg): Berichte aus Lehre und Forschung, Nr.18; ISSN: 1433-4461 Metzler Philosophie Lexikon (1996): Begriffe und Definitionen. Hrsg.: Prechtl, P. & Burkard, F.-P. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart, Weimar. Robert Bosch Stiftung (2000): Pflege neu denken, Zur Zukunft der Pflegeausbildung, Verlag Schattauer, Stuttgart, New York 104

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