Psychiatrische Pflege

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Kompetenz - zwischen Qualifikation und Verantwortung (2007)

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Kongressband Dreiländerkongress 2007 in Bielefeld

Wie reliabel ist die

Wie reliabel ist die Brøset-Gewalt-Checkliste (BVC) zur Einschätzung des kurzfristigen Gewaltrisikos? Christoph Abderhalden, Caroline Gurtner Hintergrund Eines der wenigen Instrumente zur systematischen pflegerischen Einschätzung des Gewaltrisikos ist die Norwegische Brøset-Violence-Checklist BVC, die Brøset-Gewalt-Checkliste [3, 4] (Almvik & Woods 1998). Die BVC ist ein Instrument zur Einschätzung des Risikos, dass ein Patient in den 8- 12 Stunden nach der Einschätzung jemanden physisch angreifen wird. Die Checkliste umfasst sechs Verhaltensweisen, bei denen eingeschätzt wird, ob sie in den letzten Stunden bzw. seit der letzten Einschätzung beobachtet worden sind. Das Instrument wurde in mehrere Sprachen übersetzt, auch auf Deutsch, und mehrere Studien zu seiner Überprüfung bestätigten die in Norwegen gefundene gute Vorhersagekraft. Im Rahmen eines Schweizer Pflegeforschungsprojekts wurde die BVC um eine globale subjektive Einschätzung des Gewaltrisikos ergänzt (BVC-CH) [1, 2]. In bisherigen Studien erwies sich das Instrument als gut in den Arbeitsalltag integrierbar und einfach anzuwenden, es stösst im deutschsprachigen Raum auf grosses Interesse und findet zunehmend Anwendung im klinischen Alltag. Die Beurteilerübereinstimmung des Instruments wurde bisher lediglich in der Norwegischen Originalstudie überprüft, wo eine befriedigende Interrater-Reliabilität festgestellt wurde. Die Reliabilität der deutschen Fassung wurde noch nicht systematisch untersucht. Ziel Die Interraterreliabilität der deutschen Fassung der BVC in ihrer klinischen Anwendung zu prüfen. Methode und Material 16 Pflegende aus 3 Schweizer Akutstationen (10, 10, 15 Raterpaare pro Station) schätzten mit der BVC-CH das kurzfristige Gewaltrisiko von insgesamt 44 Patienten ein. Die Pflegenden schätzten das Risiko jeweils am Ende einer Schicht in einem Besprechungszimmer ein, unabhängig voneinander, 105

das heisst ohne Austausch von Informationen über die PatientInnen. Die Einschätzungen wurden im Beisein einer Forschungsassistentin (C.G.) vorgenommen. Eingeschätzt wurden diejenigen PatientInnen, mit denen alle anwesenden RaterInnen in der vorangegangenen Schicht ausreichend Kontakt gehabt hatten, um das Verhalten einschätzen zu können. Zusammen mit der schriftlichen Einwilligung zur Teilnahme an der Studie machten die Teilnehmenden Angaben zur Person, zur Ausbildung und zur Berufserfahrung. Die Übereinstimmung der Raterpaare haben wir stationsweise pro BVC-Item sowie für die subjektive Risikoeinschätzung berechnet. Für die dichotomen BVC-Items haben wir die AC1-Statistik [5] berechnet. Die Übereinstimmung der subjektiven Einschätzung haben wir mittels Berechnung der Intraklassenkorrelation (ICC) bestimmt. Zur Zusammenfassung der Ergebnisse der verschiedenen Raterpaare benutzten wir den Median der AC1-Koeffizienten, zur Bestimmung der Streuung zwischen den verschiedenen Raterpaaren die Interquartildistanz (1. – 3. Quartil). Die Reliabilitätskoeffizienten haben wir nach dem gebräuchlichen Schema von Landis & Koch [6] interpretiert, Interquartildistanzen unter 0,2 haben wir als gering interpretiert. Ergebnisse Beteiligte Pflegende Die Stichprobe umfasste 16 Pflegende. Das mittlere Alter der Pflegenden war 31 Jahre (19 – 54 Jahre), 63% (10) sind weiblich. Die durchschnittliche Psychiatrieerfahrung betrug 4 Jahre (0 – 12 Jahre), 10 der Befragten haben eine spezialisierte Grundausbildung in psychiatrischer Pflege, 10 eine in allgemeiner Pflege. Beurteilerübeeinstimmung Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse im Überblick. Bei den vier BVC-Items »Lärmig«, »Körperliches Drohen«, »Verbales Drohen« und »Angriff auf Gegenstände« lagen die AC1-Koeffizienten auf allen Stationen über 0,78, was als hohe bis sehr hohe Übereinstimmung gilt. Die Interquartildistanzen lagen mit einer Ausnahme unter 0,2. Beim Item »verwirrt« war die Übereinstimmung auf zwei Stationen hoch (> 0,75), auf Station C 0,5 (mittlere Übereinstimmung). Die Streuung war bei diesem Item auf zwei Stationen über 0,2 (Station B: 0,28, Station C: 0,25). Beim Item »reizbar« war die Übereinstimmung auf zwei Stationen hoch (> 0,7), auf Station C 0,1 (sehr gering). Die Streuung war bei diesem Item auf allen drei Stationen klein (< 0,2). Die Übereinstimmung bei der subjektiven Einschätzung des Gewaltrisikos war auf zwei Stationen sehr hoch (ICC > 0.85), auf Station C mittelmässig (ICC = 0,46, mit grosser Streuung). Die Übereinstimmung bei der Gesamtsumme (BVC-Items plus subjektive Einschätzung) war auf allen drei Stationen sehr gut (> 0.81). Tabelle 1: Reliabilitätskoeffizienten nach Station Station A Station B Station C BVC-Item Verwirrt* 0,888 (0,171) 0,769 (0,282) 0,495 (0,254) Reizbar* 0,708 (0,146) 0,754 (0,180) 0,122 (0,155) Lärmig* 0,873 (0,161) 0,833 (0,142) 0,779 (0,484) Körperliches Drohen* 0,923 (0,103) 1,000 (0,071) 0,783 (0,177) Verbales Drohen* 0,962 (0,191) 1,000 (0,071) 0,900 (0,099) Angriff auf Gegenstände* 1,000 (0,077) 0,929 (0,071) 1,000 (0,100) BVC-CH-Ergänzung 0.867 Subjektive Einschätzung $ (0.533-0.984) 0.929 Summe BVC-CH # (0.749-0.992) 0.921 (0.762-0.984) 0.937 (0.813-0.988) * Median der AC1-Statisik (Interquartildistanz) $ 0 – 6 Punkte; Intraklassenkorrelation (95%-Vertrauensintervall) # 0 – 12 Punkte; Intraklassenkorrelation (95%-Vertrauensintervall) 0.461 (-0.617-0.895) 0.846 (0.540-0.969) Diskussion Ziel dieser Studie war, die Interraterreliabilität der deutschen Fassung der BVC in ihrer klinischen Anwendung zu prüfen. Die Ergebnisse zeigen alles in allem eine sehr hohe Übereinstimmung und sprechen für eine gute Reliabilität des Instruments. Die Ergebnisse bestätigen die bei der Entwicklung 106 107

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