Psychiatrische Pflege

Aufrufe
vor 7 Jahren

Kompetenz - zwischen Qualifikation und Verantwortung (2007)

  • Text
  • Patienten
  • Pflege
  • Menschen
  • Psychiatrischen
  • Psychiatrische
  • Psychiatrie
  • Behandlung
  • Psychisch
  • Mitarbeiter
  • Entwicklung
  • Kompetenz
  • Qualifikation
  • Verantwortung
Kongressband Dreiländerkongress 2007 in Bielefeld

Die

Die Interrater-Reliabilität der »Nurses` Global Assessment of Suicide Risk Scale (NGASR)« zur systematisierten Einschätzung der Suizidalität. Bernd Kozel, Manuela Grieser, Peter Rieder, Erich Seifritz, Christoph Abderhalden Einleitung Selbsttötungen sind eines der größten globalen Gesundheitsprobleme. Gemäß WHO haben die Suizidraten weltweit in den letzten 45 Jahren um 60% zugenommen, Suizid gehört heute bei den 15-44-jährigen zu den drei häufigsten Todesursachen [26]. Im Vergleich zur Normalbevölkerung weisen PatientInnen psychiatrischer Institutionen eine besonders hohe Suizidrate auf. Dieser Umstand ist in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen und dokumentiert [11, 12, 24, 28, 29]. Ein wichtiger sekundärpräventiver [3] Beitrag zur Senkung der Suizidraten in der Psychiatrie ist die Risikobeurteilung der Suizidalität bei psychiatrischen PatientInnen. Bisher wird die Risikoeinschätzung der Suizidalität meist jedoch noch unsystematisch und auf Intuition beruhend vorgenommen [1]. Aus diesem Grund empfehlen einige Experten die Verwendung von Assessment Instrumenten, um die Einschätzung der Suizidalität systematischer und professioneller zu gestalten [6, 7, 9, 13, 17, 18, 22, 25]. Dabei muss darauf hingewiesen werden, dass die Beobachtung auffälliger Verhaltensweisen und das Gespräch mit dem Patienten weiterhin wichtige Bestandteile des »klinischen Suizidassessments« bleiben [14]. Die Verwendung eines Instrumentes zur Vorhersage der Suizidgefährdung kann nur dann Sinn machen, wenn es in den »klinischen Gesamteindruck« eingebettet ist [21]. In der Literatur werden etwa über 50 Instrumente zur Einschätzung der Suizidalität beschrieben [2, 4, 20, 23], von denen jedoch nur wenige für die klinische Praxis geeignet sind [1, 14]. Die Nurses`Global Assessment of Suicide Risk–Scale (NGASR-Scale) [6] ist eines der wenigen Instrumente, mit dem eine globale Einschätzung der (Basis)Suizidalität vorgenommen werden kann. Die NGASR-Skala Die NGASR-Skala wurde von J.R. Cutcliffe und P. Barker in England entwickelt und besteht aus 15 Items [6]. Auf einer dichotomen Rating-Skala werden die Items mit Ja / Nein beurteilt, je nachdem ob das Kriterium (zum Beispiel »Depression«) vorliegt oder nicht. Die einzelnen Items der NGASR –Skala sind mit Punktwerten unterschiedlich gewichtet (vgl. Tabelle 1), zum Beispiel mit drei Punkten für »Hoffnungslosigkeit« und mit einem Punkt für »Witwe / Witwer«. Die Items, die mit drei Punkten belegt sind, stellen Risikofaktoren mit einer besonders großen Bedeutung für eine Suizidgefährdung dar. Die deutsche Version der NGASR-Skala wurde nach Rücksprache mit einem der Autoren (J.R. Cutcliffe) mit dem Kriterium »mehrere psychiatrische Hospitalisationen in den letzten Jahren, Wiederaufnahme kurz nach der letzten Entlassung« erweitert. Der Gesamtscore der deutschen Version der NGASR-Skala beträgt somit 26 Punkte. Tabelle 1: Die deutsche Version der NGASR-Skala [1, 14] Risikofaktoren Punkte 1) Vorhandensein/Einfluss von Hoffnungslosigkeit 3 2) Kürzliche, mit Stress verbundene Lebensereignisse z.B.: Verlust der Arbeit, finanzielle Sorgen, schwebende Gerichtsverfahren 1 3) Deutlicher Hinweis auf Stimmen hören/Verfolgungsideen 1 4) Deutlicher Hinweis auf Depression, Verlust an Interesse oder Verlust an Freude 3 5) Deutlicher Hinweis auf sozialen Rückzug 1 6) Äußerung von Suizidabsichten 1 7) Deutlicher Hinweis auf einen Plan zur Suizidausführung 3 8) Familiengeschichte von ernsthaften psychiatrischen Problemen oder Suizid 1 9) Kürzlicher Verlust einer nahe stehenden Person oder Bruch einer Beziehung 3 10) Vorliegen einer psychotischen Störung 1 11) Witwe/Witwer 1 12) Frühere Suizidversuche 3 13) Vorliegen schlechter sozioökonomischer Verhältnisse z.B.: Schlechte Wohnverhältnisse, Arbeitslosigkeit, Armut 1 14) Vorliegen von Alkohol -oder anderem Substanzmissbrauch 1 15) Bestehen einer terminalen Krankheit 1 16) Mehrere psychiatrische Hospitalisationen in den letzten Jahren, Wiederaufnahme kurz nach der letzten Entlassung* 1 * Ergänzung für die deutschsprachige Fassung 116 117

Die Autoren der NGASR–Skala empfehlen zur Interpretation der Ergebnisse für den klinischen Gebrauch folgende Risikostufen: 0-4 Punkte = geringes Risiko; 5-8 Punkte = mäßiges Risiko; 9-11 Punkte = hohes Risiko; 12 und mehr Punkte = sehr hohes Risiko Die NGASR-Skala wurde von uns aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und im Rahmen erster Pretests einer Überprüfung der Interrater-Reliabilität unterzogen. Die daraus resultierende mangelnde Interrater-Reliabilität veranlasste uns dazu, eine Schulung und Durchführungsanleitung für das Instrument zu entwickeln. Fragestellung Wie reliabel ist die Rater-Übereinstimmung bei der Anwendung der deutschsprachigen Version der NGASR-Skala durch mehrere Rater? Methode Zur Untersuchung der Interrater-Reliabilität der deutschen Version der NGASR-Skala nahmen 13 Personen teil (ein Oberarzt, zwei Assistenzärztinnen, eine Beschäftigungstherapeutin, fünf weibliche und 3 männliche Pflegepersonen, eine Pflegeexpertin), die die Basissuizidalität von 12 PatientInnen aus Videosequenzen mit der NGASR-Skala einschätzten. Alle 13 Studienteilnehmer wurden in der Anwendung der NGASR-Skala geschult und bekamen eine Durchführungsanleitung ausgehändigt. Als Quantifizierungsmasse der Interrater-Reliabilität wurden Cohen`s Kappa [5] und die AC1-Statistik [10] verwendet. Zur Berechnung von Cohen`s Kappa diente das Programm SPSS für Windows Version 11, die AC1-Statistik wurde mit der entsprechenden Formel in MS-Excel berechnet. Die AC1-Statistik wurde als alternative Darstellungsform der Interrater-Reliabilität gewählt, da die Kappa-Statistik nicht in allen Fällen (bei ungleicher Randverteilung in der Vierfeldertabelle) in der Lage ist, die Interrater-Reliabilität adäquat abzubilden. Dieses Problem wurde in der Literatur bereits von einigen Autoren beschrieben [8, 19, 27]. Pro Item wurden für die Kappa- und AC1-Statistik 78 Koeffizienten (78 Rater-Paare durch Kombination aller 13 Rater) ermittelt, von denen jeweils der Median und das 1. und 3. Quartil berechnet wurde. Für die gesamte Skala wurde der Median der 16 Kappa- und AC1-Koeffizienten berechnet (Median aus 16 Medianen der 78 Kappa- und AC1-Koeffizeinten pro Item). Zur Interpretation der Kappa- und AC1-Koeffizienten wurde auf die Empfehlung von Landis und Koch zurückgegriffen (< 0.00 keine, 0.00-0.20 sehr geringe, 0.21-0. 40 geringe, 0.41-0.60 mittlere, 0.61-0.80 hohe und 0.81-1.00 sehr hohe Übereinstimmung) [16]. Ergebnisse Die Interrater-Reliabilität bei 13 Ratern ergab mittels der Kappa-Statistik folgende Resultate: fünf Items mit sehr hoher Übereinstimmung, sieben Items mit hoher Übereinstimmung, drei Items mit mittlerer und ein Item mit sehr geringer Übereinstimmung (vgl. Tabelle 2). Bei der Verwendung der AC1-Statistik ergab sich für neun Items eine sehr hohe und für sieben Items eine hohe Rater-Übereinstimmung (vgl. Tabelle 2). Der Median der Kappa-Koeffizienten der 16 Items betrug 0.64 (hohe Übereinstimmung), der Median der AC1-Koeffizienten der 16 Items ergab einen Wert von 0.85 (sehr hohe Übereinstimmung). Tabelle 2: Interrater-Reliabilität der deutschen Version der NGASR-Skala [15] n = 78 AC1 Kappa Nr. Item Median (1.-3. Quartil) Interquartil Median (1.-3. Quartil) Interquartil 14 Alkohol 1.00 (1.00-1.00) 0.00 1.00 (1.00-1.00) 0.00 6 Äusserung 1.00 (1.00-1.00) 0.00 1.00 (1.00-1.00) 0.00 Suizidabsichten 12 Suizidversuche 1.00 (1.00-1.00) 0.00 1.00 (1.00-1.00) 0.00 15 Terminale 1.00 (0.90-1.00) 0.10 1.00 (0.00-1.00)* 1.00 Erkrankung 11 Witwe 1.00 (0.89-1.00) 0.10 1.00 (0.62-1.00) 0.38 4 Depression 0.70 (0.52-0.84) 0.32 0.66 (0.52-0.83) 0.31 3 Stimmen 0.70 (0.52-0.84) 0.32 0.66 (0.52-0.83) 0.31 1 Hoffnungslosigkeit 0.73 (0.57-0.87) 0.30 0.65 (0.44-0.80) 0.36 8 Familienanamnese 0.70 (0.57-0.84) 0.27 0.63 (0.43-0.82) 0.39 7 Plan 0.90 (0.89-1.00) 0.11 0.62 (0.62-1.00) 0.38 Suizidausführung 10 Psychose 0.89 (0.80-0.90) 0.10 0.62 (0.00-0.75)* 0.75 9 Verlust Person 0.89 (0.76-1.00) 0.24 0.62 (0.42-1.00) 0.58 13 Sozioökonomie 0.73 (0.62-0.87) 0.25 0.55 (0.25-0.75) 0.50 16 Hospitalisation 0.62 (0.54-0.83) 0,29 0.43 (0.30-0.62) 0.32 2 Lebensereignisse 0.73 (0.58-0.91) 0.33 0.42 (0.25-0.62) 0.37 5 Sozialer Rückzug 0.80 (0.37-0.91) 0.54 0.00 (0.00-0.00)* 0.00 Alle Items 0.85 (0.72-1.00) 0.28 0.64(0.60-1.00) 0.40 118 119

© 2019 by Yumpu