PORTRAITRaum nehmen –ohne sich zuentschuldigenPoetry Slammerin Lia Hartl überFeminismus, Bühnenmut und GleichstellungMit gerade einmal 20 Jahren steht Lia Hartl aufgroßen Bühnen, spricht vor mehr als tausendMenschen – und trifft mit ihren Texten einenNerv. Das belegen auch die zahlreichen Auszeichnungen,welche die Rankweilerin bereits in derTasche hat: Im vergangenen Jahr gewann sie etwadie österreichische Poetry-Slam-Meisterschaft,den Ö-Slam in Innsbruck und auch bei Bewerbenin Deutschland konnte sie heuer schon Erfolgeeinfahren.Ruhm und Titel stehen für Lia aber nicht im Vordergrund.Was sie antreibt, sind Themen, die wehtun, dieberühren – und die sichtbar machen, wie viel Aufholbedarfes beim Thema Gleichstellung noch immer gibt.Aufgewachsen in Rankweil, maturiert am Musikgymnasium,studiert sie heute Psychologie in Wien.Geschrieben hat sie eigentlich schon immer, erzähltsie im Gespräch mit 47°: „Und zwar Tagebuch, sehrpersönlich und oft auch dramatisch“, lacht sie. ZumPoetry Slam kam sie eher zufällig: Kurz vor der CoronaPandemie trug sie bei einer Talentebühne an ihrerdamaligen Schule einen Text aus ihrem Tagebuch vor.Eine Lehrerin erkannte ihre Begabung und vermitteltesie weiter. Der erste Auftritt folgte im Saumarkt beieinem U20 Poetry Slam. Der Rest ist eine steile, aberkonsequent gewachsene Entwicklung.AlltagsgeschichtenWas Lia Hartl auf die Bühne bringt, ist sehr persönlich.Es sind Beobachtungen und Erfahrungen ausihrem Alltag. Es sind Texte, die etwa Sexismus, Belästigungund Diskriminierung im Alltag auf ebensoberührende wie erschreckende Art und Weise beschreiben.Und es sind keine fiktiven Geschichten– sondern Situationen, wie sie immer wieder vorkommen,erklärt Lia: „Nach meinen Auftritten bekommeich immer wieder Rückmeldungen von Frauen, dieebensolche Situationen erlebt haben. Und es ist gut,dass das Thema angesprochen wird – auf der Bühneoder unter Freundinnen“.Denn Diskriminierung, Grenzüberschreitungen undhartnäckige Rollenbilder sind längst nicht passé,beschreibt die junge Frau: „In meiner Bubble gibt esviele respektvolle Männer und emanzipierte Frauen.Manchmal platzt die Bubble aber auch. Und generell,so ist mein Gefühl, geht die gesellschaftliche Bewegungwieder zurück in eine konservativere Richtung.“Zurück in die 60er?Besonders sichtbar wird das ihrer Erfahrung nachauf Social Media: „Da wird das Familienleben idealisiert,traditionelle Frauenrollen und perfekte Körperprägen die Feeds. Das ist ein bisschen wie eine Gehirnwäsche.Auch wenn man weiß, dass es inszeniert647° Rankweil und mehr
Frauen machen sich oft kleinerund beanspruchen weniger Raum.ist: Ich kenne kaum eine Freundin, die mit ihremAussehen zufrieden ist.“ Ein besonderer Social Media-Trendsind seit geraumer Zeit die sogenannten„Tradwifes“ – das sind Frauen, die ein konservativesRollenbild der 1950er-Jahre zelebrieren. Lia Hartlverurteilt diese Lebensform nicht: „Jede und jederist frei. Gerade in unsicheren Zeiten kann eine fixeAufgabenverteilung auch ein Gefühl der Sicherheitbringen. Schwierig ist jedoch die finanzielle Abhängigkeit– das macht einfach auch etwas in der Beziehungsdynamik“,gibt sie zu bedenken.„Männer nehmen sich mehr Raum und Zeit.“Auch auf den Slam-Bühnen sieht Lia Hartl noch Unterschiedezwischen Männern und Frauen: „Männernehmen sich dort oft selbstverständlich mehr Raumund Zeit und kommen gerade mit Humor häufig sehrgut an beim Publikum. Frauen hingegen machen sichoft kleiner und beanspruchen weniger Raum.“Ihren eigenen Stil beschreibt Lia Hartl als tiefgründig,ernst und emotional. Künftig möchte sie jedochauch andere Genres ausprobieren. Mit Blick auf dieZukunft wünscht sie sich für Frauen und Mädchenvor allem eines: „dass die Welt es ihnen erlaubt, genausoviel Raum einzunehmen wie Männern. Frauenhaben oft die Tendenz, es allen recht machen zuwollen – nicht zu groß und nicht zu viel zu sein. Dabeigeht viel Persönlichkeit verloren.“Schreiben als TherapieBeruflich möchte Hartl das Schreiben auf jeden Fallweiterverfolgen. Sie denkt über eine Textsammlungmit älteren Arbeiten nach, auch wenn der Weg zueinem Verlag schwierig ist. Zudem interessiert siesich für neue Genres, für Schreibtraining sowie füreine Ausbildung zur Schreibpädagogin in Wien. IhrPsychologiestudium ergänzt diese Interessen ideal– insbesondere im Hinblick auf kreative Therapieformen,in denen Schreiben eine zentrale Rollespielt. Denn aus eigener Erfahrung weiß Lia Hartl:Schreiben kann helfen, Erlebnisse zu verarbeiten undandere Menschen zu erreichen.Foto: JonasSamsonFotos47° Rankweil und mehr7
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