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Sport + Mobilität mit Rollstuhl 05/2020

Informationsschrift des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes e.V.

Foto: BG Unfallklinik

Foto: BG Unfallklinik Murnau Zur Person: Sabine Drisch ist in ehrenamtlicher Funktion Verbandsärztin beim DRS und im Fachbereich Rollstuhlbasketball Vorsitzende der Kommission 5 (Klassifizierung). Hierbei ist sie für die Ausbildung der Klassifizierer und die Anträge auf Minimalbehinderung zuständig. Hauptberuflich ist sie Leitende Oberärztin und Stellvertretende Abteilungsleiterin in der BG Reha der Unfallklinik in Murnau. gehen. Es stellen sich die Fragen »wieviel Freiheit gebe ich mir in einer Gesellschaft und was bin ich bereit, für meine eigene Freiheit in Kauf zu nehmen«? SD: Die Folgen der Gesundheitsschäden sind noch nicht absehbar. Die Spitzensportverbände werden Beispiele geben, wie die Wiederaufnahme eines Spielbetriebes aussehen kann. Sobald diese Erfahrungswerte vorliegen, können sich der DBS und DRS daran orientieren und die Erkenntnisse auf den Behindertensport übertragen. Ob dies finanziell und organisatorisch zu stemmen sein wird, steht auf einem anderen Blatt. Wirtschaftsschäden sind sicherlich vorauszusehen, aber die Gesundheit muss Priorität haben. AE: Welche Lockerungen sind aus Ihrer Sicht verantwortbar? Welche Unterschiede sehen Sie zwischen Mannschaft- und Einzelsport, und Hallen- & Sport an der freien Luft? RT: Das ist eine schwierige Frage. Wann macht man ein Rollstuhlbasketball‐Spiel wieder möglich? Hier treffen Menschen zwangsläufig nahe aufeinander. Wie sieht es bei einem Massenevent wie den Paralympics aus? Das sind Fragen der Infektionsepidemiologie, der Mathematik, aber eben nicht nur. Es ist auch eine politische Frage: Was kann ich mir bezogen auf die Leistungsfähigkeit unserer Krankenhäuser erlauben an Durchseuchung? Hier gilt es auch regionale Unterschiede zu beachten. Das Gesundheitssystem in Deutschland stellt im internationalen Vergleich die absolute Spitze dar. Das ist kein Vergleich zu beispielsweise Italien. Vor ›Corona‹ wurde ständig die Kritik geäußert, dass man in Deutschland zu viele Krankenhäuser und zu viele Plätze für Intensivpatienten hätte. Das ganze System wurde als zu teuer beschrieben. Heute jedoch sind wir sehr dankbar darüber und die Situation stellt sich ganz anders dar. SD: Ganz klar sehe ich hier ›Individualsportarten‹ im Vorteil. Bildlich gesprochen ist das Netz im Tennis eine gern gesehene Barriere, die es im Blindenjudo oder im Rollstuhlbasketball nicht gibt. Somit sind Kontaktsportarten wie auch Mannschaftssportarten aus der heutigen Perspektive im Nachteil, ob in der Halle oder im Freien. »Die Themen Durchseuchung, Behandlung mit wirksamen Medikamenten oder Impfung werden uns noch eine Zeit lang beschäftigen.« SABINE DRISCH AE: Als Deutscher Rollstuhl- Sportverband steht für uns das Thema Mobilität für Rollstuhlfahrer im Fokus. In der aktuellen Zeit sehen wir uns als Bundesverband besonders in der Pflicht, einerseits die Gesundheit von Rollstuhlfahrern zu schützen und zugleich die Mobilität weiter zu ermöglichen. Diesen Spagat versuchen wir einerseits mit der Absage aller Veranstaltungen, andererseits mit wertvollen Informationen wie Workout-Videos für Rollstuhlfahrer in den eigenen vier Wänden zu meistern. Wie schätzen Sie den weiteren Verlauf des Jahres 2020 im Hinblick auf Sport im Rollstuhl ein? RT: Ein kommerzieller Veranstalter, der durch den Ausfall eines Events in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät, sieht womöglich die Wirtschaftlichkeit in erster Linie. Auf der anderen Seite wird der Tetraplegiker mit beispielsweise COPD (Erkrankung mit dauerhafter Verengung der Atemwege, die insbesondere die Ausatmung erschwert) seine persönliche Gesundheit im Blick haben. Für den Sport gilt es ganz klar zu unterscheiden zwischen Einzel‐, Mannschafts‐ oder Massensport. Es gibt natürlich auch gute Möglichkeiten für Rollstuhlfahrer. Handbikefahren an der Nordsee ist völlig unproblematisch. Ein Problem gibt es lediglich, wenn der objektiv erforderliche Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden kann. Ich behaupte, dass Sport oder Bewegung für Rollstuhlfahrer tendenziell noch wichtiger ist als für Menschen ohne Behinderung. Das folgt schon allein daraus, dass es für Menschen mit Handicap sehr viel schwieriger ist, gesunderhaltende Muskulatur zu erhalten und aufzubauen. Gerade vor diesem Hintergrund sind diese Video Workouts für 12 ›Sport + Mobilität mit Rollstuhl 05/2020

CORONA AKTUELL Rollstuhlfahrer zuhause so wichtig. Für alle Menschen, die weiterhin sportlich aktiv bleiben möchten, gilt einfach: Sich selbst ein Umfeld schaffen, in dem das Infektionsrisiko so stark reduziert ist, dass man Sport machen kann. Als Vizepräsident im Deutschen Behindertensportverband (DBS) ist mir die Problematik der weiteren Planung für 2020 auch in dieser Funktion bekannt. Selbst innerhalb des Sports ist die Situation unterschiedlich. Es ist auch nicht klar, wie sich die Situation im Hinblick auf die Partner und Sponsoren der Sportverbände auswirken wird. Für das Stattfinden der Paralympics sehe ich in 2021 jedoch eine reelle Chance. SD: Jeder Sportler ob behindert oder nicht, hat die Möglichkeit sich sportlich zu betätigen. Dank der vielen veröffentlichten Videos sind dem ›körperlichen Workout‹ keine Grenzen gesetzt. Auch die Fitnesstrainer der Nationalmannschaften werden dieser Tage kreativ, um die Form der Athleten auf einem bestmöglichen Niveau zu halten. Da kann man sich sicherlich inspirieren lassen. Der DBS hat sich, nach Lockerung der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen, zu einer Wiederaufnahme des „Rehabilitationssports“ ausgesprochen. Hierzu gibt es die zehn Leitplanken des DOSB mit den entsprechenden Umsetzungsempfehlungen. AE: Ein Blick in die Zukunft: Wie gilt es aus Ihrer Sicht nun in den nächsten Monaten mit dem Thema umzugehen? Welche Chancen und positiven Impulse können für die Zukunft aus dieser Phase mitgenommen werden? RT: Die Durchseuchung wird erfolgen, das ist klar. Hier gilt es nun, dass die Durchseuchung gesteuert erfolgen muss. Eine ganz wichtige Erkenntnis für die Zukunft ist es, dass auch wenn wir Corona irgendwann nicht mehr haben, kann es jeder Zeit ein neues Virus geben, welches uns vor ähnliche Probleme stellt. Eine große Chance für die Zukunft sehe ich, wenn wieder ein solches Problem in Form eines Virus auftaucht. Dann werden wir darauf vorbereitet sein und besser damit umgehen können. Die aktuelle Einschränkung der Mobilität kann man auch in Bezug zur Jahreszeit beziehen, ganz konkret die kalten Wintermonate. Auch hier verbringen wir ebenfalls mehr Zeit in den eigenen Wänden. Wir lernen in dieser Corona‐ Zeit nun kreative Lösungen für die dunkle Jahreszeit kennen. Das sind zugleich auch nachhaltige und langfristige Lösungen – in ähnlicher Weise – wie wir unsere Treffen nun mit Telefon‐ und Videokonferenzen abhalten. In der Medizin halten wir viele Visiten per Skype ab und das funktioniert auch. Das wird in Zukunft ein weiteres wichtiges Tool unserer Arbeit sein. Dadurch wird sich auch die Versorgungsqualität landesweit verbessern. Als Beispiel nenne ich Australien. Hier wären teils Flüge von mehreren Stunden zum Patienten notwendig. Dort hat sich das Tool Skype bereits schon vor drei Jahren erfolgreich etabliert. Besonders positiv empfinde ich die Zusammenarbeit mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über alle Berufsgruppen hinweg. In dieser Krisensituation hat sich ein Team zusammengefunden, das willens und in der Lage ist, etwas zu bewegen. Da ist etwas zusammengewachsen, was die Krise überstehen wird. Offenbar schweißt uns die Krise in vielen Bereichen der Gesellschaft zusammen. Ein bekanntes gesellschaftliches Phänomen, das es mangels Not seit dem Ende des zweiten Weltkrieges hierzulande nicht mehr zu beobachten gab. SD: In diesem Punkt kann ich mich meinem Kollegen Herrn Priv. Doz. Dr. med. Roland Thietje voll und ganz anschließen. Die Themen ›Durchseuchung, Behandlung mit wirksamen Medikamenten oder Impfung‹ werden uns noch eine Zeit lang beschäftigen. Die Entwicklung der Covid-19-Pandemie ist unklar und nicht abzuschätzen. Haben wir sie aber zu einem gewissen Zeitpunkt gemeistert, sind Erfahrungen gesammelt, die uns für die nächste Krise hilfreich sein werden. Ob die Gesellschaft auf längere Sicht hin, sich solidarisch zeigt, bleibt auch abzuwarten. Derzeit sind wir alle um unsere ›Gesundheit‹, wenn nicht sogar um unser ›Leben‹ besorgt; sobald sich wieder ein wenig Normalität einstellt, werden die finanziellen Ausmaße ersichtlich. Hier sehe ich neue – wenn auch andere – Probleme auf uns zukommen. AE: Vielen Dank für Ihre Zeit und die Beantwortung der Fragen. Informationen zu Auswirkungen der Corona-Pandemie n Der Fachbereich Rollstuhlbasketball (FB RBB) hat einen besonderen Service eingerichtet. Wer Fragen in Bezug auf die aktuelle Situation im Rollstuhlbasketball hat oder ganz konkret Unterstützung benötigt, findet unter www. rollstuhlbasketball.de mögliche Antworten darauf. Über ein Kontaktfomular können Interessierte weitere Fragen an die Verantwortlichen des FB RBB stellen. Wann die Rollstuhlbasketballer*innen wieder aktiv werden können, hängt zusätzlich von der Wiederöffnung der Sporthallen ab. Foto: Fachbereich RBB ›Sport + Mobilität mit Rollstuhl 05/2020 13

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