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Sport + Mobilität mit Rollstuhl 09/2020

Informationsschrift des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes

ROLlIKIDS.DEVor dem

ROLlIKIDS.DEVor dem Beginn der Corona-Pandemie war so vieles mehrmöglich – etwa eine Schulfahrt ineine Sportschule. Ihren Berichtüber die Fahrt im Januar hatAutorin Ute Herzog mit demWissen der letzten Wochen undMonate entsprechend aktualisiert.SCHULSPORTFAHRT DER FÖRDERSCHULEN NRWI»Sch … drauf,Hachen ist nureinmal im Jahr!«?!?Schulsportfahrt zum Sport- undTagungszentrum Hachen des LSB NRWWenn es sie nicht schon gäbe, ichwürde sie gerne erfinden, dieseSchulsportfahrt nach Hachen. MitSchülerinnen und Schülern meinerSchule, der LVR‐Frida‐Kahlo‐Schule inSt. Augustin, war ich in diesem Jahr zumzweiten mal mit dabei. Insgesamt nahmenneun Förderschulen mit dem Förderschwerpunktkörperliche und geistigeEntwicklung aus NRW teil. Inzwischenkann ich schon sagen, das warnoch kurz vor den Einschränkungendurch die Corona‐Pandemie, die sich imJanuar hier in Deutschland noch sehrzögerlich ankündigte.So verbrachten im Januar 2020121 sportbegeisterte Personen, davon93 Schülerinnen und Schüler sowie 28Lehrerinnen und Lehrer und weitereBegleitende, fünf ereignissreiche Tageim Sport‐ und Tagungszentrum Hachen.Diese größte Einrichtung des LandessportbundNRW (LSB NRW) liegt mittenim Sauerland und verfügt unter anderemüber drei große Sporthallen, eineMehrzweckhalle, einen Gymnastikraum,einen Partyraum und Treffpunkt, einSchwimmbad und noch kleinere Aufenthaltsräume.Sport ›en masse‹ gab es für die Teilnehmenden.20 unterschiedliche Sportangebote– bis zu vier Angebote nacheinanderpro Tag und bis zu fünf Angeboteparallel – standen auf dem Programm.Während der fünf Tage warenvier Rollstuhlsportler zu Besuch, sowievier Mitglieder vom ›Young Team‹ desBehinderten‐ und RehabilitationssportverbandesNRW (BRSNW), darunterDeutschlands bekanntester Wheelchairskater(WCMX) David Lebuser undseine Freundin Lisa Schmidt. Darüberhinausüberzeugte die Sportschule miteiner sehr guten Verpflegung. Allerdingsgab es auch nur einen Aufzug für alle,der am Ende der Woche so langsamstörrisch wurde und seinen Dienst quittierenwollte.Vorab konnten die Schülerinnen undSchüler, Aktivrollstuhlnutzer, Elektrorollstuhlnutzerund Fußgänger, aus vielenSportarten ihre Favoriten auswäh‐Ein Bild aus Vor-Corona-Tagen: BeimSportangebot ›Zumba für alle‹ mit ConnyRunge (r.) platzte das Hallen-Drittelfast aus allen Nähten.Foto: Thomas Rohleder24Sport + Mobilität mit Rollstuhl 09/2020

«Foto: Thomas RohlederEin Schülerkommentar zur Sportfahrt:»Wir haben sehr wild getanzt!«n Ich war auf der Sportfahrt in Hachen. Das Essen war super. Wir hattenzu jeder Mahlzeit ein großes Buffet. Die Zimmer waren sehr groß und gemütlich.Wir konnten viele Sportarten ausprobieren wie z.B. Schwimmen, Tischtennis,Rollibasketball, Rolliparcour. Wir wurden in Gruppen aufgeteilt undwaren mit anderen Kindern von anderen Schulen zusammen. Wir habeneinige neue Freunde kennengelernt. Am meisten hat mir das Spiel Takeshigefallen. Bei Takeshi wird ein Parcour aufgebaut, den man durchlaufen muss.Dabei wird man mit Bällen beworfen. Man darf sich aber nicht treffen lassen.Wenn man den Parcour schafft, ohne getroffen zu werden, dann kriegt maneinen Punkt. Polybat war auch cool! Das ist ein Geschicklichkeitsspiel, wo mansehr schnell sein muss. Es wird auf einer Tischtennisplatte ohne Netz aber mitseitlichen Banden gespielt. Wir hatten am Dienstag und am Donnerstag Disco.Da ging die Party ab! Einige haben sich verkleidet und wir haben sehr wildgetanzt. Nach der Woche konnte ich mich kaum bewegen, weil ich so Muskelkaterhatte.Janlen. Allerdings konnten nicht mehr alsdrei Schüler einer Schule an einem Angebotteilnehmen. Dadurch war gewährleistet,dass die Teilnehmendenaus allen Schulen bei den Sportangebotengut gemischt waren und damit vielKontakt zu den Schülerinnen und Schülernder anderen Schulen gegeben war.BAHNANREISE MITBEKANnTEN HINDERNISsENAngereist mit der Deutschen Bahn,merkten wir wieder mal, dass der EinundAusstieg für Rollstuhlnutzer immernoch nicht barrierefrei ist und infolgedessenbei einer Gruppenreise mit JugendlichenProbleme bereitet. Selbstdas vorherige Anmelden ist keine Garantiefür eine Einstiegshilfe, die dannauch am Bahnsteig bereitsteht. DieseHilfsperson hätten wir beim Umstiegam Schalter abholen sollen??? Da frageich mich ja, wer dann wem hilft.Unser gesamtes Gepäck, ein paar zusätzlicheRollstühle und Sportmaterialienkonnten wir in einen Anhänger verstauenund mit einem Schulbus nachHachen transportieren lassen.Gleich am ersten Abend gab es eineBegrüßungs‐Party. Mit einem speziellenDiscolight unter ihrem Rollstuhl befestigt,heizte Laura die gute Stimmung an.Alle fanden genügend Platz zum Tanzenund Feiern.Beim Rollstuhlrugby konnten es dieSchülerinnen und Schüler auch malKrachen lassen.Am Dienstag ging es dann los mit denSportarten, die alle auch für die Teilnehmendenmit Rollstuhl ausgerichtet waren:Badminton, Rollstuhl‐Hockey, Rollibasketball,Wheel‐Soccer, Tischtennis,Polybat, Bowldern, Tschoukball, Fußball,Selbstverteidigung, Judo, Hip‐Hop,Zumba, Trampolin, Boccia, Rollstuhlparcours,Schwimmen und Abenteuersport– Takeshi Castle – genannt.Am zweiten Tag zeigten uns DavidLebuser und Lisa Schmidt, die Rollstuhlskater,ein Video über ihre Reisenund ihren Sport WCMX und standen densehr interessierten Zuhörenden für alleFragen zur Verfügung. In der Sporthalleprobierte nicht nur David allerhandKunststücke aus, auch viele Schülerinnenund Schüler, Lehrerinnen und Lehrerwaren mutig und erprobten abenteuerlicheKunststücke mit Rollstuhl.Vier Leute vom Young‐Team desBRSNW stellten einen Rollstuhlparcours,Tischtennisvolleyball und Goalballvor. Heiko Striehl kam mit zehnRugbyrollstühlen und berichtete vonseiner Sportart. Er erklärte den begeistertenTeilnehmenden, dass diese Sportartin Kanada unter dem Namen ›Murderball‹entstand. Die Schülerinnen undSchüler, aber auch die ein oder die andereLehrperson fanden es grandios, dassdie Spieler beim Rugby mit dem Rollstuhlineinander krachen dürfen, wasdas Zeug hält: drauffahren, reinfahren,klemmen, alles ist erlaubt. Sie bestauntendie speziellen, extra stark gebautenund mit Rammbügel versehenen Rugbystühle.Die ganze Zeit über liefen die unterschiedlichstenSportangebote parallel.Alle Lehrpersonen und Begleiter brachtensich mit ihrer Sportbegeisterungund mit ihren unterschiedlichen Interessenund Erfahrungen ein. Selbst zwischendrin,mittags und abends gab esweitere Sportangebote. Auch dasSchwimmbad konnten wir fast jederzeitausgiebig nutzen. So konnten sich alle,die wollten, tüchtig austoben.Am letzten Abend hieß es dann wieder:»Ab in die Disco!«. EinstudierteTänze wurden vorgeführt, der Hachen‐Song »Sch… drauf, Hachen ist nur einmalim Jahr…« lauthals mitgegrölt, undtüchtig miteinander und umeinandergetanzt.Im nu war die Woche vorbei. Es warein wunderbares Miteinander aller Beteiligten.Die Angebote ergänzten sich,die Schülerinnen und Schüler der teilnehmendenSchulen lernten sich kennenund tauschten sich aus. Die Sportlerwurden mit großem Interesse interviewt.Es steht fest: wir machen allewieder mit. Die nächste Sportfahrt nachHachen ist für Januar 2022 fest eingeplant.Nun hoffen wir sehr, dass bis dahinsolche Fahrten wieder möglich seinwerden.Ute HerzogSport + Mobilität mit Rollstuhl 09/2020 25

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