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Sport + Mobilität mit Rollstuhl 09/2020

Informationsschrift des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes

ROLlIKIDS.DEKonrad

ROLlIKIDS.DEKonrad Methfessel hatte sicher vieleTräume in seinem Leben – viele diesich auch erfüllten und bestimmtauch diverse unerfüllte. Doch einganz besonderer – gegen Ende seinerZeit auf Erden – waren ›seineRollikids‹ und die Schaffung vonöffentlichen Rollstuhl-Schaukeln inder Metropolregion Nürnberg.Klaus D. Herzogauf KonradsRolli-Schaukelin Nürnberg.Das seine HeimatstadtNürnberg auf der Landkarteder Rollstuhlsportvereineein weißerFleck sein solle, wollteKonrad gar nicht glauben, als ich ihmdas bei einem unserer ersten Treffen inder Sporthalle des ›Mar Y Sol‹ erzählte.»Ja, das gibt´s doch nicht?!« »Da mussman doch was tun!!« »Das machenwir!!« Ja, so war das – und es war derBeginn einer ganz besonderen Freundschaft.Konrad gab richtig Gas, als ob ihm bewusstwar, wie schnell die neurologischeErkrankung ALS voranschreitenwürde und wie stark sie ihn innerhalbvon drei Jahren von seinem bisherigenLeben wegbringen würde. Doch er wärenicht er gewesen, wenn er nicht auchmit dieser Herausforderung sein Spieltreiben würde. Mit Vollgas begab er sichin die Rolliszene und das bei steilsterTalfahrt, aber durchaus mit graziösenSchwüngen, wunderbaren Kapriolenund einigen Salti.POSITIV VERrÜCKT UND DASZIEL FEST IM BLICKZunächst versuchte er herauszufindenund zu analysieren, wie viele Rollifahreres in Nürnberg und Umgebung eigentlichgeben müsste. Er schrieb diverseEinrichtungen und Verbände an undstieß nach seinem Dafürhalten überallnur auf Zurückhaltung und Geheimniskrämerei.Argumente wie Datenschutzund fehlende Erhebungen stacheltenKonrad eher nur an. »Die versteckendie!« war nur eine seiner Einschätzungen.Aber pragmatisch wie er war, ließMENSCHEN UND MACHERIKONRADS TRAUMKonrad Methfessel, an ALS erkrankt und auf denRollstuhl angewiesen, verwirklichte eine Idee, dieaus seiner Situation entstand.er sich nicht aufhalten. Auf eigene Rechnungließ er 1000 Flyer drucken mitdem Aufruf, eine Rolligruppe gründenzu wollen und – ganz ›Manager of theUniverse‹ – gab er einen großen Packendavon an seinen Taxifahrer und an seineFreunde und Kollegen, damit sie, sobaldsie einen Rollifahrer durch Nürnbergrollen sehen, ihn einfach ansprechenkonnten.Parallel dazu setze er sich mit einemSchild und einer Vielzahl bunter Luftballonedirekt vor die Lorenzkirche unddemonstrierte für sein Anliegen.Und er fiel auf, der große Mann mitSchnauzbart und Wuschelkopf, seinemeinnehmenden Lachen, den selbergestricktenbunten Socken, seinem rosaHemd, den Hosenträgern und dem Borsalinoauf dem Kopf. Auch der Presseund den Behörden. Er bekam einen großenArtikel in den lokalen Zeitungenund für die nächste Demo einen gutenPlatz in der Fußgängerzone, um dortmit einem größeren Stand und diversenRollis auf die Möglichkeiten und Bereicherungendes Rollstuhlsports aufmerksamzu machen.Ich konnte Konrad das Inhaltlichebieten und meine jahrelangen Erfahrungenin der Selbsthilfegruppenarbeit. Erbrachte mir durch seinen Schwung undseine Aktivitäten neue Energien, dennich hatte bereits vor einigen Jahren Ähnlichesin Nürnberg versucht und erfahren,mit welch stoischer Ruhe, ja ichmöchte fast sagen mit welchem Fatalismus,ein Großteil meiner fränkischenDialektbrüder und ‐schwestern gesegnetsind.Doch langsam hatten wir Erfolge. MitKristina Höhn von der Lebenshilfe, diezu der Zeit auch eine Stelle als Inklusionsberaterinfür die Nürnberger Sportvereine(Freizeitnetzwerk Sport) innehatte, hatten wir eine ruhige, aber be‐Fotos: Klaus D. Herzog28Sport + Mobilität mit Rollstuhl 09/2020

harrliche Partnerin gefunden. Über ihreKontakte und Konrads lokalpolitischenFreunde gelang es uns, einen Termin ander Berta‐von‐Suttner‐Schule für einePilotveranstaltung zu bekommen. Frühernatürlich als ich dachte, denn Konradhatte es eilig.Zudem bekamen wir mit Thomas Königvom Sanitätshaus Reha & Care einendritten ›grauen Wolf‹ in unser Team. Erstellte Manpower in Form von Helfernund Equipment zur Verfügung.Nach den Sommerferien 2017 ging eslos. Es war eine tolle Auftaktveranstaltungmit über siebzig Teilnehmern, vieleninteressierten Aktiven, Würstchenstandund Catering, und das bei strahlendemSonnenschein. Die DRS‐Rollikidswaren mit vier Übungsleitern vertreten(Ulli aus Regensburg, Tine ausStraubing, Markus aus Bayreuth undich). So konnten wir ein sehr vielfältigesProgramm bieten und den unterschiedlichstenTeilnehmern gerecht werden.Der Tag verging wie im Fluge und amSchluss konnten wir den Anwesendenmitteilen, dass Konrad bereits eineMietvereinbarung über ein Jahr für denjeweils ersten Samstag im Monat mitdem Schulträger abgeschlossen hatte.Zudem war Konrad aktiv geworden wasdie Gründung eines Vereins anbelangte:Nach weniger als einem halben Jahrstand die Satzung und im November2017 wurde der ›Rolli‐Treff‐Franken‹ins Vereinsregister eingetragen. MitVorständen, Schriftführern, Kassenwart,Übungsleitern, einem tollen Logo, Visitenkarten,Flyern und einer professionellenWebsite.Konrad akquirierte derweil in seinemUmfeld viele aktive und passiveVereinsmitglieder und so war schnellauch die magische Marke von 100 Mitgliedernüberschritten. Zur Anerkennungund Belohnung gab es bei einerWeihnachtsaktion der Sparkasse Nürnbergdann noch eine dicke Spende füreinen besonderen Rollstuhl eines derRollikids.Anfang 2018 zog Konrad dann weiteralle Register: Die Jahreshauptversammlungfand auf seine Einladung hin in Teneriffaim ›Mar Y Sol‹ statt. Ein Stammtischwurde ins Leben gerufen, diverseKooperationen eingegangen – so mitdem Yacht‐Club Nürnberg (YCN) undden Moto‐Bikern für den Rolli‐Treff‐Franken. Welch´ glückliche Fügung, dassgenau zu dieser Zeit die ehemalige Rollstuhlbasketball‐NationalspielerinGescheSchünemann beim YCN eine Stelleangenommen hatte und nun genau daspassende Bindeglied zwischen Rollikidsund Seglern bildete. So konnten die Vereinsmitgliedernun auf einem von Konradgespendeten barrierefreien Segelbootauf dem Dutzendteich segeln, mitden ›Rockern‹ auf schweren Maschinenummanandt tuckern und sich durch einekonzertierte Aktion (›Handbikes fürNürnberg‹), sowie den Aktionstagen›Rund um den Dutzendteich‹ weit überihr bisheriges Maß hinaus bewegen undaktiv sein.Konrad Methfessel (r.) undKlaus D. Herzog 2018.DIE KRANKHEIT BESTIMmTEZUNEHMEND DAS TEMPO»Meine Krankheit ist schneller als ich!«wurde leider zur Wahrheit für Konradund wenn er auch versuchte, mit je einerArmbanduhr an jedem Handgelenkseine Zeit zu strecken, so wurde sein Gesundheitszustanddoch immer schwieriger.Es wurden mehr Hilfsmittel benötigtund immer mehr Assistenz und Hilfen.Konrad Methfessel musste zumGlück nicht auf lange Genehmigungsverfahrenbei irgendwelchen Kassen warten.Er kaufte sich einfach, was erbrauchte. Und er nutzte dieses Privileg,lebte damit sein Leben selbstbestimmtbis zum Tod.Und er hatte Träume auch darüberhinaus. So wusste er um das kindlich befreiendeGefühl des Schaukelns. Das Gefühlder Leichtigkeit ja Schwerelosigkeit,des Vergessens allen Drumherumsund des Träumens auf der Schaukel.Aufgewachsen in der Zeit als Hans Albersschmetterte: »Komm auf die Schaukel,Luise!« mit einer wohl eher nicht soprickelnden Kindheit, schuf und realisierteer sich im Erwachsenenalter seineKindheitsträume. So machte er zumBeispiel den Segel‐ und den Dampflokführerschein,ja ich glaube gar den Flugschein.Er unterstützte aber auch immerandere und hier gerade Familien undKinder. Bis zum letzten Tag seines Lebenskämpfte er für öffentliche Rolli‐Schaukeln in Nürnberg. Er suchte diebeste aus, sammelte das nötige Geld,focht gegen die ›Windmühlen‹ der Bürokratieund bekam zur Belohnung dannauch noch die Gelder für eine zweiteSchaukel zusammen.Die Realisierung des Projektes begleiteter nun sehr wohlwollend von seiner›Spaghettimonsterwolke‹ aus. Undwas er da sieht, dürfte ihm ein Schmunzelnverleihen: Seine Rolli‐Schaukelsteht nun mitten in Nürnberg auf derWöhrder Wiese im Areal des ›Erfahrungsfeldesder Sinne‹. Die Schaukelwird somit von der Stadt gehegt und gepflegtund alle Leute können sie nutzen.Denn durch die Spende von Reha & Caresteht auch immer ein Rollstuhl zur Verfügung,damit Fußgänger auch eine Sitzmöglichkeithaben. So geht Integration(andersherum) oder wie man heute soschön sagt: Inklusion.Durch Corona etwas ausgebremst hatdas ›Erfahrungsfeld der Sinne‹ diesesJahr nicht mehr geöffnet – außer an derSchaukel. Da werden für den Rolli‐Treff‐Franken immer mal wieder Ausnahmengemacht. Die offizielle feierliche Eröffnungfindet dann wohl im Frühjahr2021 statt.Konrad Methfessel, der am 14. Dezember2018 gestorben ist, wäre in diesemJahr 70 Jahre alt geworden. Auchfür diesen Tag hatte er einen Wunschtraum:»Da bringst Du mich über dieSpanische Treppe in Rom!« Ja Konrad,das hätte ich gerne noch mit dir unternommen,wie so vieles andere mehr.Aber so ist das wohl mit den Träumen:sie zu realisieren ist das eine, wichtigaber – Träumen alleine ist schon auchein Weg und ein Ziel. Ich danke dir, meinFreund, für all unsere Begegnungen unddeine vielfältigen positiven Impulse fürden Rollstuhlsport und die Mobilität,Aktivität und Selbstbestimmung derMenschen im Nürnberger Raum.klausd.herzog@gmx.deSport + Mobilität mit Rollstuhl 09/2020 29

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