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Sport + Mobilität mit Rollstuhl 09/2020

Informationsschrift des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes

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SERVICESport + Mobilität mit Rollstuhl 09/2020 42

SERVICEOne team, one dream ‐ All the way to thesummit!Zu Besuch am Mt. Meru und bei den Rollikidsvon Haydom, TansaniaEs ist heiß und es ist mühsam. Es ist verdammtanstrengend. Schub für Schubdie Einen, Schritt für Schritt die Anderen.Und es sind viele Schübe, vieleSchritte, sehr viele, sieben Stunden lang.Und da sind die Steine, große und kleine.Sehr viele Steine, sieben Stundenlang. Für Füße ist es nicht leicht, aber esgeht schon. Für Räder ist es hart, knüppelhartund dann wieder viel zu weich.Mal versinken sie im Matsch, mal bleibensie hängen. Eigentlich bleiben sieständig hängen, rollen ist hier schwierig,ganz schlechtes Terrain für Räder.Dazu die Steigung, sieben Stunden heute,sieben Stunden morgen, immer nurSteigung, steil und steinig. Dann dieNachtetappe und rauf auf den Gipfel beiSonnenaufgang, das ist der Plan.„One team, one dream – all the way tothe summit!“. Alle machen sich Mut, allepacken mit an, alle sind zäh. Vor allemIna aus Stockholm, Santos aus Daressalam,Lisa und David aus Hamburg. AlleAnfang 30, alle keine Bergsteiger, aberalle zäh. Und so setzen sie Fuß vor Fuß,Schub an Schub, sieben Stunden lang.Rauf auf den Mt. Meru in Tansania, mindestensauf den kleineren der beidenGipfel, genannt Little Meru. Für sichselbst, wegen Spina bifida, für Haydom,für das House of Hope und wegen Theresa.Theresa ist auch zäh, sehr sogar.Seit zehn Jahren setzt sie sich für Kindermit Spina bifida und Hydrocaephalusein, in Haydom, einem Krankenhaus irgendwoauf dem Land mitten in Tansania.Man muss die Schotterpiste nehmen,um dorthin zu kommen, die asphaltierteStraße hat schon vor zwei Stunden aufgehört.Herrliche Landschaft einerHochebene, viele Felder, es wachsenSonnenblumen, Kartoffeln, Mais. Dazwischeneinfache Hütten, mal ein kleinesDorf, immer wieder Kinder am Straßenrand.Sie schauen gebannt, gleich zweiJeeps mit Rollstühlen auf dem Dach, dashaben sie so auch noch nicht gesehen.Haydom ist ein kleiner Ort, der sichlinks und rechts der Schotterstraße ausbreitet.Noch vor dem Ortseingang liegtdas Krankenhaus, ein großes Geländemit vielen flachen Gebäuden, einigenBäumen und etwas Schatten. Der Einzugsbereich,den das Krankenhaus versorgt,ist groß, der Weg beschwerlich,als Krankenwagen dienen zwei Jeepsmit je einer Matratze im Laderaum.6000 Kinder werden hier jedes Jahr geboren,das ist mehr als in jeder deutschenEntbindungsstation. Dass sie mitSpina bifida, also einer angeborenenQuerschnitt‐ lähmung und einem Hydrocaephaluszur Welt kommen, ist hiervergleichsweise häufig. Es gibt keineVorsorge mit Folsäure, kaum pränataleDiagnostik, keine Schwangerschaftsabbrüche.Die Kinder werden geboren unddass sie überleben, das ist Theresa zuverdanken und dem ganzen Team derKinderstation.Theresa Harbauer, Kinderärztin, 35, ausHamburg wird hier einfach Dr. Theresagenannt. Zwei Jahre hat sie hier gelebtund gearbeitet. Hat die Kinder operiert,den offenen Rücken verschlossen, Ventilefür das nicht ablaufende Hirnwassergelegt. Die hiesigen Ärzte geschult, dasPflegepersonal angeleitet, die Elternaufgeklärt. Seitdem gibt es Elternschulungen,jeweils eine Woche, zwei Mal imJahr. Sie sind Teil eines Nachsorge‐Programms,das dafür sorgt, dass die Familienregelmäßig zur Klinik kommen, katheterisierenlernen, dass Blasendruckmessungenerfolgen und regelmäßigneue Katheter ausgegeben werden. Einmalim Monat, immerhin. Sterile Einmal‐Kathetergibt es hier nicht.Das Team der Kinderstation kann mittlerweileeigenständig versorgen. Theresaschaut trotzdem mehrmals im Jahrvorbei, hilft, schult, pflegt die Kontakte,untersucht die Kinder. Und möchte einHaus bauen, das House of Hope. Damitdie Familien eine Unterkunft in der Klinikhaben, damit ihre Kinder in Ruhebehandelt werden können, damit sie einenOrt haben, an den sie können, wennes schwierig wird in ihrem Dorf, in ihrercommunity, wo Leben mit Behinderungnicht selbstverständlich dazu gehört,sondern eher stört und verstört.Für den Bau des House of Hope brauchtes Geld. Und so keuchen sie also denBerg hoch, diesen wunderschönen Bergin Sichtweite des Mt. Kilimanjaro, deshöchsten Bergs Afrikas mit seinem flachenDach aus Schnee. Der Meru ist etwasniedriger, 4566 m der große, immernoch 3860 m der kleine Gipfel. Imposantist er trotzdem, dieser ruhende Vulkan,dessen Krater man beim Aufstiegdeutlich sieht und der in herrlicherLandschaft steht. Von Steppe umgebenbegegnet man schon bei der Anfahrtund den ersten Wander‐Etappen derganzen Pracht Tansanias, den Zebra‐Herden, den Wasserbüffeln, den Giraffenam Straßenrand und den schwarzweißenKolaboo‐Affen, die sich überden Köpfen der Wanderer durch dieBaumwipfel schwingen. Der Regenwaldist dicht, schimmert in allen erdenklichenGrüntönen, birgt ein Konzert vonVogelstimmen und zwischendurch immerwieder herrliche Aussichten in dieEbene.Die Gruppe der Wanderer ist groß, fastfünfzig Leute. Da sind Ina, Lisa und Davidmit ihren Rollstühlen, jeweils mitgroßem Vorsatzrad, breiten Reifen undlangen Schiebegriffen. Das Materialwird bis zum Äußersten gefordert, Armeund Schultern sowieso. Santos istdabei, er geht zu Fuß und an Stöcken,zäh und unbeirrt. Dr. Theresa und dasganze Team aus Haydom, ein Arzt, einPhysiotherapeut, mehrere Pfleger, Leutevom Spina bifida – Selbsthilfe‐Verein,die Leiterin eines schon bestehendenHouse of Hope in der Hauptstadt. WeitereLeute aus Deutschland, eine Kinderärztin,zwei Sonderpädagogen, ein Fotograf,dazu die Guides, die Ranger, dieTräger – alle wollen auf den Gipfel, allewollen das House of Hope. One team,one dream.Am Wasserfall die erste Pause. Fotoswerden gemacht, Ideen ausgetauscht,das Material begutachtet, die Technikbesprochen. Kann man es schaffen, mitdem Rollstuhl auf den Mt. Meru, all theway to the summit? Alle sind fest ent‐43Sport + Mobilität mit Rollstuhl 09/2020

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