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Sport + Mobilität mit Rollstuhl 09/2020

Informationsschrift des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes

SERVICEschlossen, aber

SERVICEschlossen, aber niemand ist sich sicher.Sie sind die ersten, es hat noch niemandvor ihnen versucht. Es geht gut voran,zwar langsam, aber stetig. Ein Rangermit Gewehr vorne, einer am Schluss.Wegen der Büffel und der Leoparden.Keiner in Sicht, zum Glück. Die Stimmungist gut, es wird gesungen und geschoben,gelacht und gezogen, geschwitztund geschwätzt. Und geraderechtzeitig, kurz vor Einbruch der Dämmerungkommt die erste Hütte in Sicht.Nicht gerade barrierefrei, aber das warder ganze Tag schon nicht. Und mehrals etwas essen und dann sehr vielschlafen möchte heute sowieso niemandmehr.Wer gedacht hatte, Tag 1 des Aufstiegssei anstrengend gewesen, der macht anTag 2 nochmal ganz neue Erfahrungen.Ja, es geht noch steiler, ja, es geht nochsteiniger. Aber ja, es gibt auch nochschönere Ausblicke aus der Höhe in dieumliegende Savanne. Aber selbständigmit dem Rollstuhl, ohne Hilfe, ohneschieben, ziehen, tragen gibt es keineChance. Das müssen David und Lisa, dasmuss das ganze Team einsehen. Nochhält das Wetter, aber Regen ist wahrscheinlich,dann wird es glatt und rutschig.Der Anspruch, es aus eigenerKraft oder zumindest mit gemeinsamerKraft auf den Gipfel zu schaffen, er istnicht zu halten. Da ist der Kilimanjaroleichter zu bezwingen, wenn er auchdeutlich höher ist. Dort waren Rollstuhlfahrerschon oben, in Fernsehfilmenund auch ganz real. Sam natürlich auch,genau genommen über 200 Mal. Er istGuide und kennt an Meru und Kili jedenStein. Er gibt das Signal zum Abbruchund so bleibt ein Teil der Gruppe zurückund steigt ab zur Hütte. Mist, verdammter,die Enttäuschung ist groß.Die, die weitergehen, setzen weiter Fußvor Fuß. Polepole, immer schön langsam,dann ist alles hakuna matata, alleskein Problem. Auch Santos ist noch dabei,wandert ohne seine Orthesen ineinfachen Sportschuhen, gibt nicht auf,behält seine gute Laune, ist immer fürein Schwätzchen bereit, auch im steilenAnstieg. Auch Ina aus Stockholm istnoch dabei. Sie hat ein Team von Trägenund Helfern gefunden, das sich gut eingespielthat und gemeinsam schiebensie sich Stück für Stück, Kurve um Kurve,Stunde um Stunde der nächsten Hütteentgegen. Ihre Schiebegriffe, ihr Vorsatzrad,ihr Training und ihr eisernerWille machen sich bezahlt. Ihre MutterLiso sorgt für die gute Stimmung. Sie hatextra einen Song getextet und machtden DJ, mitten am Berg. Mama Meruwird schnell ihr Spitzname. So wird weitergesungen, getanzt, geschoben undgeschwitzt, all the way to the summit.Doch vor der Gipfeletappe darf noch eineNacht ausgeruht werden. Na gut, eigentlichist es nur eine halbe Nacht,denn schon kurz nach Mitternacht werdenalle schon wieder geweckt, es gibtTee, Porridge und Popcorn, tansanianischesHütten‐Frühstück wie an jedemMorgen, diesmal eben schon früh umzwei. Macht nichts, vor Aufregung kriegenso manche sowieso kein Auge zu.Und dann geht’s los auf das letzte Stück,mit eingeschalteter Stirnlampe, in dickeJacken gepackt, mit Handschuhen, demSonnenaufgang und dem Gipfel entgegen.Moussa hat von alldem noch keine Ahnung.Der Mt. Meru und die bunte Gruppe,die sich mitten in der Dunkelheit liebersteile Bergpfade hochstemmt alsauszuschlafen, sind weit weg von Moussaund von Haydom. Moussa ist sieben,er ist in Haydom geboren, mit Spina Bifidaund Hydrocaephalus. Mit seinerMutter hat er das von Dr. Theresa initiierteProgramm durchlaufen undkommt auch weiterhin regelmäßig zurKontrolle und weiteren Behandlung insKrankenhaus. Viele Stunden im Busmüssen sie aus ihrem Dorf anreisen undhaben immerhin das Glück, als Teilnehmerdes Spina bifida – Programms nichtdie gesamten Krankenhauskosten privatzahlen zu müssen. Moussa hat sogareinen eigenen Rollstuhl, den hat hier beiweitem nicht jeder Mensch, der einenbräuchte. Wheelchair african style, ausgestattetmit geländegängiger Bereifungund einem großen Vorderrad, andersgeht es kaum bei dem unebenen Geländerund um Haydom. Aber er sitzt nichtsehr gut darin, es ist halt die Standardgröße,viel zu breit, mit loser Sitzbespannung,schlecht erreichbaren Rädernund unglaublich schwer zu drehenund zu lenken. Ankippen des Vorderrades?Unmöglich für Moussa. Aber dasstört Moussa kaum. Er ist ein frecher,neugieriger, kleiner Kerl mit einem unglaublichbreiten Lächeln. Mit viel Müheschafft er es, sich ein klein wenig selbständigfortzubewegen, den großenKopf einigermaßen gerade zu haltenund ganz langsam dorthin zu rollen, woer hin möchte.Ganz langsam dorthin rollen, wo sie hinmöchte, das tut auch Ina. Noch immerbergauf, unermüdlich. Doch es bestehenjetzt kaum noch Zweifel, sie wird esschaffen bis hinauf auf 3860 m, bis aufden Gipfel von Little Meru. Der Regen istausgeblieben, die Sicht ist klar undpünktlich zum Sonnenaufgang zeigt sichder majestätische Nachbarberg, der Kilimanjaro,das Dach Afrikas. Es ist überwältigendund die Stimmung in der kleinenkunterbunten Expeditions‐Gesellschaftist fantastisch. Am Gipfel gibt’skein Halten mehr, Tänzchen, Lieder,Küsschen, Umarmungen, Fotos und diepure Freude. Ina und Santos sind dieersten Menschen mit Spina bifida hieroben, sie sind da, nach drei Tagen immerwährendem Aufstieg. Wie stolzkann man sein? So stolz wie alle zusammen,one dream, one team und sie habenes geschafft, wir alle haben es zusammengeschafft. Ina freut sich besonders.Für sich selbst und über ihre unglaublicheLeistung, aber auch über ihreSponsoren. Denn die haben für jedenHöhenmeter, den sie zurücklegt, ihreUnterstützung zugesagt für das Houseof Hope in Haydom, für die Kinder undFamilien mit Spina bifida. Fast 20.000 €kommen zusammen durch die Gruppeauf dem Gipfel, den Charity Hike, denTheresa ins Leben gerufen hat für ihrProjekt, die Spina‐Kids von Haydom. Dazujede Menge Aufmerksamkeit: Dastansanianische Fernsehen berichtet, wirwerden angesprochen in den nächstenTagen, im Hotel und auf der Straße. Inaist eine Heldin und Santos ist ein Held.Ach ja: Runter müssen sie auch noch.Sport + Mobilität mit Rollstuhl 09/2020 44

SERVICEAuch nicht leicht, nein, gar nicht. Demeinen schmerzen die Füße, der anderendie Schultern. Doch der Erfolg beflügeltund so geht es nach dem Auskosten desGipfels zurück zur Hütte. Zurück zurletzten, kurze Mittagspause und gleichweiter zur nächsten. Und heute Nacht,da macht dann wirklich jeder auf diesemBerg die Augen zu.Drei Tage später erreichen wir Haydom,im Gepäck die Erlebnisse und Berichtevom Mt. Meru. Wir dürfen sie teilen mitden Ärzten, Pflegern und weiteren Mitarbeiterndes Krankenhauses, Fotoswerden gezeigt und ein kurzer Film vomBerg. Die Freude ist groß, Dr. Theresa istwieder da undsie hat ein paar ziemlich verrückte Leutemitgebracht. Mit dem Rolli auf demMt. Meru? Wer hätte das gedacht, esgeht! Ina, Lisa und David sind eine Attraktion,auch ohne die Bergsteigerei.Drei erwachsene Menschen, mit weißerHaut, fit, selbstbewusst und mobil imRollstuhl, das hat man hier noch nichtgesehen. Auch Moussa ist begeistert vonden Gästen, er lacht und lächelt undstrahlt. David und er sind sofort Freunde,ganz ohne Sprache, nur durch ihreAugen, einen Volleyball und ein kleinesSeil verbunden, so spielen sie miteinanderauf dem Flur der Kinderklinik undlernen sich kennen.Moussa ist nur eines von 17 Kindern,die sich in dieser Woche wieder auf denlangen Weg von ihren Dörfern nachHaydom gemacht haben. Manche sindschon jugendlich, viele Kleinkinder,manche noch Babies. Einige solltenSchulkinder sein, doch nicht ein einzigesvon ihnen besucht eine Schule. DankDr. Theresa konnten sie überleben, sindgesund, Darm‐ und Blasenmanagementfunktionieren, aber einen Rollstuhl habennur wenige. Eigenständige Mobilitätist so kaum denkbar, dazu kommendie kleinen Hütten, in denen sie leben,und die groben Schotterpisten. Keineasphaltierte Straße weit und breit, Gehwegegibt es nicht. Neben der mangelndenMobilität fehlt es den Kindern an einerguten Sitzpositionierung im Rollstuhl,viele haben kaum Halt im Rollstuhl,keine Sitzkissen, keine Kopfstützen,schlecht eingestellte Fußrasten, dafürSkoliosen und schlimme Druckstellen.Viele werden weiterhin von ihrenMüttern auf der Hüfte getragen, es istschlichtweg die einzige Möglichkeit zurFortbewegung.David, Lisa und Jens von den DRS‐Rollikidswollen hier ansetzen. Wir lernendie Kids von Haydom kennen, spielenkleine Spiele, haben Bälle dabei und vieleLuftballons, auch Mal‐ und Bastelsachen.Wir wollen Kindern, Eltern unddem medizinischen Personal zeigen,dass es geht, sich selbständig fortzubewegen,auch mit Spina bifida. UndMoussa und die anderen, sie kommendurch spielerische Bewegung ins Rollen,wenn auch langsam und beschwerlich.Klar, ohne Sprache ist es schwieriger,obwohl Davids Swahili‐Versuche aufviel Begeisterung stoßen. Aber es findensich Wege auch ohne Worte, nur mit etwasMusik und einem Springseil. Und sofindet sich eine Gruppe, die Spaß amBallspiel hat, kleine Pässe, werfen, fangen,Namen lernen mit dem Volleyball.Wir nennen sie „Tansania wheelchairBasketball Team 2030“, sie freuen sichüber jeden gelungenen Pass, jeden Ballkontaktund wir freuen uns mit ihnen.Natürlich müssen wir an die Rollis ran.Bei einigen können wir etwas tun. Esdauert alles, immer polepole natürlich,aber die Techniker des Krankenhausessind sehr offen, gemeinsam benutzenwir die Werkstatt und können Sitzbespannungendurch Sitzbretter ersetzen,Fußrasten in die richtige Höhe bringen,Kopfstützen anbringen, die Sitzflächenauspolstern, Vorderräder gängig machenund auch mal flugs einen Bremshebelanschweißen. Geht alles, hier aufdem staubigen Hof hinter der Kinderstation.Theresas Ziel ist es, hier nebender Reparatur‐Werkstatt auch eine Rolli‐Produktionzu etablieren, alles vor Ortzu haben, was den Kindern helfen kann.Nach diesem ersten Besuch in Haydomwissen wir nun zumindest, welche Bedingungendort herrschen und könnenvielleicht etwas unterstützen, indemwir unsere Rollstühle herzeigen undausprobieren lassen. Langsam möchtenwir Bewusstsein schaffen für die Wichtigkeiteiner guten Rollstuhlversorgung,Hinweise geben zur Sitzpositionierungund zur aktiven Rollstuhleinstellung.Gebaut werden soll dann hier, es wirdnoch dauern, aber der Anfang ist gemachtund Theresa kann sehr ausdauerndsein, wie gesagt.Als wir die mitgebrachten kleinen Rollstühleder 4ma3ma und die Bälle nachdrei Tagen wieder einpacken gibt es einigeTränen und viele traurige Augen.Es hat allen so viel Spaß gemacht unddas Erlebnis des leichten eigenständigenFahrens hat viele beeindruckt. Nichtnur die Kinder, die es erleben, auch dieErwachsenen, die dabei zusehen konnten.Für uns ist klar: Wir kommen wieder.Bei der nächsten Schulungswochefür Eltern möchten wir dabei sein, wiederRollstühle mitbringen, weiter anden vorhandenen Rollis arbeiten undspielerisches Mobilitätstraining anbieten.Wieder im Hotel, kurz vor der Rückreisenach Deutschland hören wir dannallerdings zum ersten Mal von einem Virus,das in China entdeckt wurde. DieCorona‐Pandemie nimmt ihren Lauf,wann wirwieder nach Tansania reisen können istunklar, aber Theresa plant schon wieder.Vielleicht ja schon im Oktober?Für unsere Reisegruppe steht nach denTagen in der Klinik noch ein Schulbesuchan. So viele neugierige Gesichterals wir mit den Rollis auf den staubigenSchulhof rollen. Erst recht als David einigeseiner Tricks zeigt! Und der Schulleiterist erstaunlich offen für unser Anliegen,einen Schulplatz für die Kindervon Haydom zu finden. Schüler*innenmit Behinderung, im Rollstuhl gar, sindhier bisher undenkbar gewesen. Aber eskönnte wirklich sein, dass Dr. Theresaund ihre Haydom friends irgendwannauch das noch schaffen. Ein hohes Ziel,aber sie sind schon unterwegs, all theway to the summit.Text: Jens NaumannFotos: Lars Wehrmann/Haydom friendse.V.45Sport + Mobilität mit Rollstuhl 09/2020

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