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Sport + Mobilität mit Rollstuhl 10/2020

Informationszeitschrift des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes

MENSCHENauszuschlafen,

MENSCHENauszuschlafen, sind weit weg von Musahund von Haydom. Musah ist sieben, erist in Haydom geboren, mit Spina Bifidaund Hydrocephalus. Mit seiner Mutterhat er das von Dr. Theresa initiierteNachsorge‐Programm durchlaufen undkommt auch weiterhin regelmäßig zurKontrolle und weiteren Behandlung insKrankenhaus. Viele Stunden im Busmüssen sie aus ihrem Dorf anreisen undhaben immerhin das Glück, als Teilnehmerdes Spina bifida – Programms nichtdie gesamten Krankenhauskosten privatzahlen zu müssen. Musah hat sogareinen eigenen Rollstuhl, den hat hier beiweitem nicht jeder Mensch, der einenbräuchte. Wheelchair african style, ausgestattetmit geländegängiger Bereifungund einem großen Vorderrad, andersgeht es kaum bei dem unebenen Geländerund um Haydom. Aber er sitzt nichtsehr gut darin, es ist halt die Standardgröße,viel zu breit, mit loser Sitzbespannung,schlecht erreichbaren Rädernund unglaublich schwer zu drehenund zu lenken. Ankippen des Vorderrades?Unmöglich für Musah. Aber dasstört ihn kaum, er ist ein frecher, neugieriger,kleiner Kerl mit einem unglaublichbreiten Lächeln. Mit viel Müheschafft er es, sich ein klein wenig selbständigfortzubewegen, den großenKopf einigermaßen gerade zu haltenund ganz langsam dorthin zu rollen, wohiner möchte.Jede Menge Aufmerksamkeitund eine große SpendensummeGanz langsam dorthin rollen, wo sie hinmöchte, das tut auch Ina. Noch immerbergauf, unermüdlich. Doch es bestehenjetzt kaum noch Zweifel, sie wird esschaffen bis hinauf auf 3.860 m, bis aufden Gipfel von Little Meru. Der Regen istausgeblieben, die Sicht ist klar undpünktlich zum Sonnenaufgang zeigt sichder majestätische Nachbarberg, der Kilimanjaro,das Dach Afrikas. Es ist überwältigendund die Stimmung in der kleinenkunterbunten Expeditions‐Gesellschaftist fantastisch. Am Gipfel gibt’skein Halten mehr, Tänzchen, Lieder,Küsschen, Umarmungen, Fotos und diepure Freude. Ina und Santos sind dieersten Menschen mit Spina bifida hieroben, sie sind da, nach drei Tagen immerwährenden Aufstiegs. Wie stolzkann man sein? So stolz wie alle zusammen,one dream, one team und sie habenes geschafft, wir alle haben es zusammengeschafft. Ina freut sich besonders.Für sich selbst und über ihre unglaublicheLeistung, aber auch über ihreSponsoren. Denn die haben für jedenHöhenmeter, den sie zurücklegt, ihreUnterstützung zugesagt für das Houseof Hope in Haydom, für die Kinder undFamilien mit Spina bifida. Etwas mehrals 20.000 € kommen zusammen durchdie Gruppe auf dem Gipfel, die Sponsorenund weitere Spenden. Dazu jedeMenge Aufmerksamkeit für die Gipfelstürmerim Rollstuhl, für den ganzenCharity Hike: Das tansanische Fernsehenberichtet, wir werden angesprochenin den nächsten Tagen, im Hotelund auf der Straße. Ina ist eine Heldinund Santos ist ein Held.Ach ja: Runter müssen sie auch noch.Auch nicht leicht, nein, gar nicht. Demeinen schmerzen die Füße, der anderendie Schultern. Doch der Erfolg beflügeltund so geht es nach dem Auskosten desGipfels zurück zur Hütte. Zurück zurletzten, kurze Mittagspause und gleichweiter zur nächsten. Und heute Nacht,da macht dann wirklich jeder auf diesemBerg die Augen zu.rei Tage später erreichen wirDHaydom, im Gepäck die Erlebnisseund Berichte vomMt. Meru. Wir dürfen sie teilenmit den Ärzten, Pflegern und weiterenMitarbeitern des Krankenhauses,Fotos werden gezeigt und ein kurzerFilm vom Berg. Die Freude ist groß, Dr.Theresa ist wieder da und sie hat einpaar ziemlich verrückte Leute mitgebracht.Mit dem Rolli auf dem Mt. Meru?Wer hätte das gedacht, es geht! Ina, Lisaund David sind eine Attraktion, auch ohnedie Bergsteigerei. Drei erwachseneMenschen, mit weißer Haut, fit, selbstbewusstund mobil im Rollstuhl, das hatman hier noch nicht gesehen. Auch Musahist begeistert von den Gästen, erlacht und lächelt und strahlt. David under sind sofort Freunde, ganz ohne Sprache,nur durch ihre Augen, einen Volleyballund ein kleines Seil verbunden, sospielen sie miteinander auf dem Flurder Kinderklinik und lernen sich kennen.Eigenständige Mobilität ist kaumdenkbar für Musah und die anderenMusah ist nur eines von 17 Kindern, diesich in dieser Woche wieder auf den langenWeg von ihren Dörfern nach Haydomgemacht haben. Manche sind schonjugendlich, viele Kleinkinder, manchenoch Babies. Einige sollten Schulkindersein, doch nicht ein einziges von ihnenbesucht eine Schule. Dank Dr. Theresaund des Klinik‐Teams konnten sie überleben,sind gesund, Darm‐ und Blasenmanagementfunktionieren, aber einenRollstuhl haben nur wenige. EigenständigeMobilität ist so kaum denkbar, dazukommen die kleinen Hütten, in denensie leben, und die groben Schotterpisten.Keine asphaltierte Straße weit undbreit, Gehwege gibt es nicht. Neben dermangelnden Mobilität fehlt es den Kindernan einer guten Sitzpositionierungim Rollstuhl, viele haben kaum Halt imRollstuhl, keine Sitzkissen, keine Kopfstützen,schlecht eingestellte Fußrasten,dafür Skoliosen und schlimme Druckstellen.Viele werden weiterhin von ihrenMüttern auf der Hüfte getragen, esist schlichtweg die einzige Möglichkeitzur Fortbewegung.David, Lisa und Jens von den DRS‐Rollikids wollen hier ansetzen. Wir lernendie Kids von Haydom kennen, spie‐14Sport + Mobilität mit Rollstuhl 10/2020

Oben: In den mitgebrachtenlenRollstühlen (l.) kommen dieKinder in Haydom spielerisch inBewegung.Bremshebelreparatur in derKlinikwerkstatt von Haydom.kleine Spiele, haben Bälle dabei und vieleLuftballons, auch Mal‐ und Bastelsachen.Wir wollen Kindern, Eltern unddem medizinischen Personal zeigen,dass es geht, sich selbständig fortzubewegen,auch mit Spina bifida. Und Musahund die anderen, sie kommen durchspielerische Bewegung ins Rollen, wennauch langsam und beschwerlich. Klar,ohne Sprache ist es schwieriger, obwohlDavids Swahili‐Versuche auf viel Begeisterungstoßen. Aber es finden sich Wegeauch ohne Worte, nur mit etwas Musikund einem Springseil. Und so findet sicheine Gruppe, die Spaß am Ballspiel hat,kleine Pässe, werfen, fangen, Namen lernenmit dem Volleyball. Wir nennen sieZiehen, schieben, spielen – schon eineinfaches Seil kann Spaß bringen.›Tansania wheelchair Basketball Team2030‹, sie freuen sich über jeden gelungenenPass, jeden Ballkontakt und wirfreuen uns mit ihnen.Natürlich müssen wir an die Rollis ran.Bei einigen können wir etwas tun. Esdauert alles, immer ›polepole‹ natürlich,aber die Techniker des Krankenhausessind sehr offen, gemeinsam benutzenwir die Werkstatt und können Sitzbespannungendurch Sitzbretter ersetzen,Fußrasten in die richtige Höhe bringen,Kopfstützen anbringen, die Sitzflächenauspolstern, Vorderräder gängig machenund auch mal flugs einen Bremshebelanschweißen. Geht alles, hier aufdem staubigen Hof hinter der Kinderstation.Theresas Ziel ist es, hier nebender Reparatur‐Werkstatt auch eine Rolli‐Produktionzu etablieren, alles vor Ortzu haben, was den Kindern helfen kann.Nach diesem ersten Besuch in Haydomwissen wir nun zumindest, welcheBedingungen dort herrschen und könnenvielleicht etwas unterstützen, indemwir unsere Rollstühle herzeigenund ausprobieren lassen. Langsammöchten wir Bewusstsein schaffen fürdie Wichtigkeit einer guten Rollstuhlversorgung,Hinweise geben zur Sitzpositionierungund zur aktiven Rollstuhleinstellung.Gebaut werden soll dannhier, es wird noch dauern, aber der Anfangist gemacht und Theresa kann sehrausdauernd sein, wie gesagt.Als wir die mitgebrachten kleinenRollstühle der 4ma3ma und die Bällenach drei Tagen wieder einpacken gibtes einige Tränen und viele traurige Augen.Es hat allen so viel Spaß gemachtund das Erlebnis des leichten eigenständigenFahrens hat viele beeindruckt.Nicht nur die Kinder, die es erleben,auch die Erwachsenen, die dabei zusehenkonnten. Für uns ist klar: Wir kommenwieder. Bei der nächsten Schulungswochefür Eltern möchten wir dabeisein, wieder Rollstühle mitbringen,weiter an den vorhandenen Rollis arbeitenund spielerisches Mobilitätstraininganbieten.Wieder im Hotel, kurz vor der Rückreisenach Deutschland hören wir dannallerdings zum ersten Mal von einem Virus,das in China entdeckt wurde. DieCorona‐Pandemie nimmt ihren Lauf,wann wir wieder nach Tansania reisenkönnen ist unklar, aber so viel ist sicher:Theresa plant schon das nächste Abenteuerfür alle reiselustigen Unterstützer*innenvon Musah und den anderenKindern.➜ ➜Fotos: Haydom friends e. V.Sport + Mobilität mit Rollstuhl 10/2020 15

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