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Sport + Mobilität mit Rollstuhl 10/2020

Informationszeitschrift des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes

KLINIK + SPORTFoto:

KLINIK + SPORTFoto: SRH.de»Meiner Ansicht nach ist Rollstuhlsport inder Reha-Phase, wenn die Patientenfunktionell fit sind, die wichtigste Therapieüberhaupt.ELKE CAGOLMit dem Ziel, die Lücke zwischenden Kliniken und denSportvereinen zu schließen,wurde das Konzept der DRS‐Klinikbeauftragtenund das ›Erfassungssystem derKlinikabgänger‹ vor 20 Jahren ins Lebengerufen. Für uns Anlass, DRS‐Klinikbeautragteaus den unterschiedlichen Klinikenin Interviewform vorzustellen.INTERVIEW DRS-KLINIKBEAUFTRAGTEISchnittstelle zwischenDRS und den PatientenElke Cagol, SRH Klinikum Karlsbad-LangensteinbachWie lange arbeiten Sie in IhremBereich und seit wann sind Sie DRS-Klinikbeauftragte?Elke Cagol: Seit ca. 30 Jahre arbeite ichim Querschnittbereich als Physio‐ undSporttherapeutin, Klinikbeauftragte binich seit ca. 20 Jahren.Was hat Sie motiviert als Klinikbeauftragtezu fungieren und welchekonkreten Aufgaben sind damitverbunden?Elke Cagol: Als Sporttherapeutin imQuerschnittbereich bin ich auch automatischKlinikbeauftragte.Innerhalb des klinischen Sport -programms werden den Frisch -verletzten u. a. die vielenMöglichkeiten des Rollstuhlsportsvorgestellt. Wie wichtig ist aus IhrerSicht Rollstuhlsport für die Patientenin der Reha-Phase?Elke Cagol: Da wir seit Jahren keineReha‐Klinik mehr sind, sondern eineAkutklinik, sind die Möglichkeiten fürRollstuhlsport sukzessive weggefallen(Schwimmbad, Tischtennis‐, Bogenschießhalle).Wir (meine Kollegen ausder Physiotherapie und ich) behandelnunsere Patienten jedoch sporttherapeutisch,d. h. wir schaffen die motorischenund sensorischen Voraussetzungen fürden Rollstuhlsport in der Rehaphase (inder Regel Bad Wildbad). Vor allem aberwollen wir die Patienten miteinander inKontakt bringen und vermitteln, dassSich‐Bewegen Spaß macht.Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen:Meiner Ansicht nach ist Rollstuhlsportin der Reha‐Phase, wenn diePatienten funktionell fit sind, die wichtigsteTherapie überhaupt.Welche Sportarten bieten Sie inIhrer Klinik schwerpunktmäßig anund welche werden besondersnachgefragt?Elke Cagol: Entsprechend der obengenanntenZielsetzung ist es das Rollstuhltrainingin der Gruppe, ›Kleine Spiele‹und Krafttraining. Da hat sich die Infrastrukturin den letzten Jahren erweitert,wir haben einen schönen Rollstuhlparcoursauf der Dachterrasse (gesponsertvon der Manfred‐Sauer‐Stiftung) und einenKraftraum, dessen Geräte vom Rollstuhlaus bedient werden können. SindPatienten länger da bzw. jünger undschneller auf einem motorisch ausreichendenStand, ist auch schnell eineTischtennisplatte aufgebaut oder wirkönnen in die Sporthalle bzw. auf denOutdoorplatz in der Psychiatrie gehen.Das Knowhow für Ballspiele, Badmintonetc. ist auf jeden Fall noch bei denTherapeuten vorhanden.Wie haben sich aus Ihrer Sicht dieAufenthaltsdauer und die Qualitätder sporttherapeutischen Erst -behandlung in den letzten Jahrenentwickelt? Was kann, was sollte eineKlinik leisten?Elke Cagol: Das Patientenklientel hatsich bei uns stark verändert, wir behandelnsehr viele alte Patienten, die oft ge‐22Sport + Mobilität mit Rollstuhl 10/2020

Foto: PrivatFoto: SRH.denug einen Querschnitt unter anderemhaben und zum Teil nie bzw. schon langekeinen Sport mehr getrieben haben.In der Regel können wir froh sein, wennwir es schaffen, die Patienten in eineneinigermaßen passenden Rollstuhl übermehrere Stunden zu mobilisieren undihnen die Basics des Rollstuhlfahrens zuvermitteln. Schön ist es, wenn sie Spaßmiteinander in der Gruppe haben undins Gespräch kommen. Das Sahnehäubchengewissermaßen ist es dann, wenndie Patienten ›Kleine Spiele‹ oder Tischtennismiteinander spielen können. DieAufenthaltsdauer ist inzwischen wiederausreichend lang, um die Patienten adäquatzu behandeln. Außerdem schließtsich ja noch ein Aufenthalt in der Reha‐Klinik an.n Im SRH Klinikum Karlsbad‐Langensteinbachhat die Behandlung derWirbelsäule nicht nur Tradition, sondernstellt neben den Bereichen Orthopädie,Traumatologie, Endoprothetik,Neurologie, Neurologische Frührehabilitation,Gefäßchirurgie, InnereMedizin und Psychiatrie auch einenEine hohe Motivation, auch nach derEntlassung regelmäßig Sport zutreiben, ist wichtig. Wie gelingt es,diese Motivation zu fördern?Elke Cagol: Eine wichtige Rolle spielendas ›Starter‐Kit‹ und der ›Info‐Check‹vom DRS, dadurch gewinnen die Patienteneinen ersten Überblick, was alles imRollstuhl möglich ist und wohin sie sichbei Interesse wenden können.Peers und an der Klinik bekannteRollstuhl‐Sportler, mit denen man diePatienten in Kontakt bringt, motivierenvor allem Patienten, die schon vor Eintrittder Querschnittlähmung Sport getriebenoder sich bewegt haben.Andere haben die Zielsetzung, wasfür ihren Körper, die Gesunderhaltungoder gegen Schmerzen zu unternehmen.Für diese Patienten mag es wichtigsein, das in der Klinik begonnene Krafttrainingweiterzuführen, z. B. in einemFitness‐Studio oder auch mit Hanteln,Therabändern, etc. Für viele steht dassoziale Miteinander im Vordergrund.Hier ist das Handbike mit seinen zig Varianteneine gute Möglichkeit, mit Familieoder Freunden unterwegs zu sein.Dafür bestellen wir Vertreter der Firmenein, um möglichst vielen Patientendas Angebot zu zeigen und bei Bedarf zuverordnen.Schließlich sind die in den letztenJahren an vielen Orten vermehrt ange‐SRH Klinikum Karlsbad Langensteinbachgroßen Schwerpunkt im Klinikkonzeptdar. Die Abteilung Paraplegiologie unterder Leitung von Chefarzt Dr. med.Carl Hans Fürstenberg verfügt überzwei Stationen mit insgesamt 38 Bettenund behandelt sowohl stationär alsauch ambulant durchschnittlich rund600 Patienten pro Jahr. Elke Cagolbotenen Seniorensportgruppen auchzum Teil für unsere älteren Rollstuhlfahrergeeignet.Als Ansprechpartner für vielerleiFragen, unter anderem zu Gesundheit,Ernährung und Bewegung und als schöneAuszeit mit dem Partner/ ‐in ist unbedingtauch die Manfred‐Sauer‐Stiftungzu erwähnen.Seit gut zehn Jahren gibt es dasProjekt ›richtig mobil‹, bei dem jederEntlasspatient einen Rucksack mitvielfältigen Angeboten bekommt(DRS-Infocheck). Welche Potenzialesehen Sie in diesem Projekt?Elke Cagol: Der DRS‐Infocheck gibt jedenPatienten eine erste Orientierung indieser großen Phase der Orientierungslosigkeitnach einem Unfall oder Erkrankung.Dies betrifft nicht nur diesportlichen Möglichkeiten, sondern vorallem auch die Fragen und Antwortenzu allen anderen Aspekten der Querschnittlähmung.Die Klinikbeauftragten sind gutvernetzt und tauschen sich inregelmäßigen Treffen aus. WelcheProjekte/Ziele konnten bereitsumgesetzt werden, wo besteht nochHandlungsbedarf?Elke Cagol: Ich nehme an den Treffennicht regelmäßig teil, zum einen weilwir – wie gesagt – keinen klassischenklinischen Sport mehr betreiben unddaher viele Projekte bei uns nicht umsetzbarsind. Zum anderen ist es auchein zeitliches Problem. Daher begrüßeich die geplante Kopplung an die DMGP‐Tagung.Zum Schluss eine persönliche Frage.Welche Sportart interessiert Sie undwas sind Ihre eigenen sportlichenZiele?Elke Cagol: Ich fahre meist mit demFahrrad zur Arbeit (32 km hin und zurück)und laufe gern am Wochenende.Obwohl ich normalerweise an wenigenLaufwettkämpfen teilnehme, freue ichmich jetzt – in der Coronazeit – endlichmal wieder an einem Wettbewerb zustarten, egal, ob 10 km oder Marathon.Vielen Dank für das Gespräch.Sport + Mobilität mit Rollstuhl 10/2020 23

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