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Sport + Mobilität mit Rollstuhl 10/2020

Informationszeitschrift des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes

FACHBEREICHEFast sieben

FACHBEREICHEFast sieben Jahre war er alsAssistent der FB-Leitung einegroße Stütze und die rechte Handvon Ute Herzog. Jetzt muss MihaiLucas aus gesundheitlichenGründen seinen hauptamtlichenPosten aufgeben.DRS-ROLLIKIDSI»Mihai, vielen liebenDank für Alles!!!«Mihai Lucas, Assistent der Fachbereichsleitung,geht in den Ruhestand.Fotos: PrivatMihai Lucas 2012Als Mihai am 01.06.2013 als Assistentder Fachbereichsleitungbei den Rollikids eine Halbtagsstelleim Home‐Office begann, war erzuvor schon einen langen Weg gegangen.Geboren und aufgewachsen in Rumänien,mit 18 Jahren durch eine selteneKrankheit querschnittgelähmt, kommtMihai 2004 zum ersten Mal nachDeutschland, wo sich unsere Wegedurch eine gute Freundin begegnen. Wirsind uns vom ersten Moment an sympathisch.Mihai nimmt 2005 am Familiensportkursin Regensburg teil. Er ist sehraufmerksam und lernbegierig, schautsich vieles ab und nimmt viele Ideen mitnach Hause. Haben wir uns anfänglichnoch auf Englisch unterhalten, so fließenimmer mehr deutsche Worte in seinenWortschatz ein. Er ist sehr sprachbegabtund äußerst ausdrucksstark inseiner Rede. Es entwickelt sich eineganz besondere Freundschaft und Verbundenheit.Wir lernen durch ihn viel über Rumäniendas Land, das so einen starkenWandel durchmacht und seit dem1.1.2007 Mitglied der EU ist. Was diesbedeutet – im Bezug auf Reisefreiheit,Arbeitsrecht, Mentalitäten, Vorurteileund Unwissen können wir nun hautnaham persönlichen Erleben sehen und unserenganz eigenen Anteil zum europäischenZusammenwachsen beitragen.Mihai beginnt in Regensburg zu studierenund bringt sich vor Ort in dieSportgruppe der SG Beni ein. Zunächstals Teilnehmer, später als Übungsleiter.Durch unsere gemeinsamen Aktivitätenlernen wir viel voneinander. Mihaisständige Begleiter sind aber leider auchungemein starke Schmerzen und äußerstbrutale Spastiken. Ich habe vielgesehen, in meiner langjährigen Arbeitmit den Rollikids, aber das was dieserMihai Lucas (m.) mit Petra Dinkel undKlaus D. Herzog.junge Mann durchmachen muss, istschon unglaublich.Die Schmerz‐Attacken sind es auch,die ihn immer wieder auf seinem Wegausbremsen und zu langen Krankenhausaufenthaltenund großen Rückschrittenzwingen. Nichtsdestotrotzkämpft sich der charmante junge Mannimmer wieder hoch, schließt Freundschaftenund wurzelt fester in Deutschland.Durch sein Computerwissen wirder uns ein Helfer für die Internetseiteder Rollikids (www.rollikids.de).Neben seinem Studium bewirbt ersich um eine Ausbildungsstelle zumElektroniker für luftfahrttechnischeSysteme bei der AirBerlin in Düsseldorf.24Sport + Mobilität mit Rollstuhl 10/2020

Er hätte den Ausbildungsplatz bekommen– doch ein weiterer Schub seinerKrankheit verhindert den Wechsel insRheinland und wirft ihn sogar noch weiterzurück. Nach einer Operation sinddie Schmerzen eher noch schlimmer, diekörperliche Situation sogar nochschlechter. Mihai ist nunmehr auf dauerndeAssistenz angewiesen und kanndie Uni nicht mehr besuchen. Dadurchwürde er aber die Krankenversicherungund seinen Status verlieren und ebensoseine Wohnung im Studentenwohnheim.Rumänien ist zwar in der EU, aberes gelten bzgl. Arbeitsrecht und Aufenthaltnoch Übergangsregelungen.Mihai beginnt auf 400‐Euro‐Basisden Fachbereich Kinder‐ und Jugendsportzu unterstützen. Durch einen Tippvon Udo Herterich im Januar 2013 bekommenwir die Idee zu einer sozialversicherungspflichtigenHeimarbeitsplatzstelle.Dadurch ist Mihai krankenundrentenversichert und kann selbstfür seinen Lebensunterhalt sorgen.Dank persönlichem Budget und Arbeitsassistenzund der Unterstützung durchdie Arbeitsagentur Regensburg wagenwir die unbefristete Stelle. Da die Rollikidssich nur über Spenden finanzieren,ist dies schon alles nicht so einfach.Aber zum Glück haben wir uns in denvergangenen Jahren soweit Vertrauenerwirtschaftet, dass wir gute Partnerund Unterstützer haben. Maßgeblichmöchte ich hier gerne Ingrid Hilmes vonder Kämpgen‐Stiftung nennen, die mirimmer wieder wertvolle Tipps gab.Auch und gerade Jean‐Marc Clémentvom DRS‐Vorstand hatte immer eine offenesOhr. Sein Pragmatismus gipfeltebei der Unterzeichnung des Arbeitsvertragesin den augenzwinkerndem Satz:»Nun, wenn das schief geht, dann gehenwir eben gemeinsam ins Gefängnis!«Es ging nichts schief. Ziemlich genausieben Jahre war Mihai eine große Stützeund die rechte Hand für Ute Herzogund den Fachbereich Kinder‐ und Jugendsport.(Bisher übrigens der ersteund einzige hauptamtliche Rollstuhlfahrerim DRS). Listenschreiben, Leute informieren,Backoffice und vor allem immerwieder die professionelle Pflegeunserer Homepage, das waren MihaisSpezialaufgaben, zudem war er alsÜbungsleiter bei den Familiensportkursenund auf Mobikursen in der Schweizund in Italien dabei.Zeitgleich hat er seinen Einbürgerungsantragmit Bravour gemeistertund uns in vielerlei Hinsicht bereichert.Jetzt musste er, wieder einmal seinerschlechten körperlichen Verfassung geschuldet,in Rente gehen. Eine zwar kleineRente, aber er hat sie sich ehrlich erarbeitetund verdient. Dank unserer europäischenWertegemeinschaft und unseresguten Sozialsystems kann er nunhier (einigermaßen) abgesichert lebenund er wird die Rollikids sicher gernemit Rat und Tat – wenn auch nun ehrenamtlich– weiter unterstützen und begleiten.Klaus und Ute Herzog, DRS Rollikids

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