KRIMINALITÄT Das Taxi mit den Blutspuren an der Fahrertür wurde zur Spurensicherung zum Landeskriminalamt nach Tempelhof geschleppt. TAXIRÄUBER GEFASST Innerhalb von acht Tagen hat die Polizei einen Räuber festgenommen, der am Ende einer Taxifahrt dem Fahrer ein Messer in den Hals gestochen hatte und mit dessen Geldbörse getürmt war. Die Tat hatte wie ähnliche Fälle für Aufsehen gesorgt: Ein 44-jähriger Fahrgast war am 28. Oktober nahe dem Potsdamer Platz in ein Taxi gestiegen und hatte eine verlassene Ecke in Tegel- Süd als Fahrziel angegeben. An der Kreuzung Kamener Weg/Werdohler Weg zog der Mann ein Messer. Ohne eine Drohung auszusprechen, stach er sofort zu, verletzte den Fahrer lebensgefährlich am Hals und an der rechten Hand, nahm die Geldbörse des Fahrers an sich und flüchtete. Der Kamener Weg verlängert sich nach Süden in einen Waldweg zum Flughafensee. Der verletzte Fahrer konnte selbst einen Notruf absetzen und wurde in ein Krankenhaus gebracht. Sein Taxi wurde zur Spurensicherung von der Polizei sichergestellt. Der 38-jährige Kollege hatte Glück im Unglück: Nach einer Notoperation konnten seine Verletzungen schnell behandelt werden. Nach nur acht Tagen kam zudem eine erfreuliche Nachricht: Die Kriminalpolizei hatte den Täter nahe dem Tatort, in der Bernauer Straße, fassen können. In seiner Wohnung wurde Beweismaterial gefunden. Zudem nahm die Taxi-„Innung“ sich des Falles an und kümmerte sich um ihr Mitglied. Der neu gewählte Zweite Vorsitzende Hayrettin Şimşek, besser bekannt als Simi, besuchte den Kollegen Muhammad A. im Krankenhaus und veranlasste, dass das Taxi, in dem der Mordversuch sich ereignet hatte, abgeholt wurde. Die „Innung“ ließ es auf eigene Kosten vom Landeskriminalamt in Tempelhof zu einer Spezialfirma nach Blankenburg schleppen, die die Innenreinigung und Desinfektion des Autos durchführte. TAXI-„INNUNG“ HALF Am 11. November wurde Muhammad A. aus dem Krankenhaus entlassen und konnte in Begleitung eines Freundes sein Taxi, das inzwischen mit Fackel im Kofferraum in die Persiusstraße gebracht worden war, abholen. Ob und wann er seine Tätigkeit wieder aufnimmt, konnte er noch nicht sagen. „Muhammad kam ein paar Tage später zur Innung, und wir haben über das weitere Vorgehen und Anträge bei der Berufsgenossenschaft und Gustav-Hartmann-Stiftung gesprochen”, sagte Simi gegenüber Taxi Times. „Die Innung wird jede Möglichkeit nutzen, um dem Kollegen zu helfen und ihn nicht alleine zu lassen. Leider wird es solche Taten immer wieder geben, und jeder weitere Fall ist einer zu viel. Jeder Betroffene ist froh über eine helfende Hand, und wir sind diese Hand.” Muhammad A. steigt zwei Wochen nach dem Mordversuch mit gemischten Gefühlen erstmals wieder in sein Taxi. Das Verbrechen erinnert an zwei Überfälle im Sommer 2015, als erst im Juni zwei junge Männer einen Kollegen in Berlin- Tiergarten überfielen und ihm zahlreiche Messerstiche zufügten, und im Juli ein Pärchen einen Kollegen in Berlin-Neukölln mit Reizgas attackierte und ebenfalls mehrmals mit einem Messer auf ihn einstach. Alle Täter konnten erst viele Monate später gefasst und vor Gericht gestellt werden. Solche Fälle bringen stets auch das Thema Überfallschutzkamera wieder in das öffentliche Bewusstsein, deren flächendeckender Einsatz noch immer von Datenschützern erschwert wird. ar FOTOS: Simi/Innung des Berliner Taxigewerbes e. V. 24 4. QUARTAL 2021 TAXI
TAXI-NOTHILFE Gustav Hartmann wird bei seiner Rückkehr nach Berlin bejubelt Der „Eiserne Gustav“ aus Eisen gegossen in Berlin-Tiergarten Grab des Ehepaars Hartmann auf dem Alten Friedhof Wannsee DIE GUSTAV-HARTMANN- STIFTUNG IM JAHR 2021 Ein aktueller Fall hat die Gustav-Hartmann-Stiftung wieder in das Bewusstsein gebracht. Sie geht auf ihren berühmten Namensgeber zurück und hilft noch heute Opfern von Gewalt und Unfällen. FOTOS: Axel Rühle/Taxi Times, Georg Pahl/Bundesarchiv, Wikipedia Gustav Hartmann war eines dieser Berliner Originale, die erst Berliner wurden. Der aus Magdeburg stammende Sohn eines Kutschers ging in jungen Jahren in die Hauptstadt des jungen Reiches und eröffnete einen Kolonialwarenladen. Mangels Erfolg zog er mit 26 Jahren in eine Villenkolonie 15 Kilometer vor den Toren Berlins, nahe dem Dorf Stolpe am Großen Wannsee, und gründete seinen Fuhrbetrieb. Der dortige Bahnanschluss verhieß gut betuchte Kundschaft. So stand Hartmann tagein, tagaus, mit einer seiner Droschken am Bahnhof Wannsee. 1898 wurde aus Stolpe und benachbarten Villenkolonien die Landgemeinde Wannsee. Wieder zum echten Berliner wurde er mit 61 Jahren, am 1. Oktober 1920, dem Tag, als Wannsee und 72 weitere Orte und Städte nach Berlin eingemeindet wurden. Berühmt wurde Hartmann schließlich 1928. Am 2. April brachen er und ein Zeitungsreporter mit seiner Droschke nach Paris auf, um ein Zeichen für die deutsch-französische Freundschaft zu setzen und nebenbei gegen den Niedergang des Pferdedroschkenwesens durch die Ausbreitung von Motordroschken zu protestieren. In vielen Orten wurde er mit Jubel empfangen, nur leider nicht in Paris. Dort stahl ihm am 4. Juni, seinem 69. Geburtstag, Charles Lindbergh die Schau, der soeben seinen ersten Flug über den Atlantik vollbracht hatte. Drei Monate später, am 1. September, jubelten ihm aber bei seiner Rückkehr die Berliner zu. ZEIT DER KRAFTDROSCHKEN WAR GEKOMMEN Durch die Reise zu Geld gekommen, gründete der „Eiserne Gustav“ eine Stiftung zur Hilfe für die Hinterbliebenen von – bei der Ausübung ihres Berufes zu Tode gekommenen – Droschkenkutschern. Als Hartmann zehn Jahre nach seiner legendären Reise starb, war längst die Zeit der Kraftdroschken gekommen, und so kümmert die Gustav-Hartmann-Stiftung sich heute um Taxifahrer. An Hartmanns letztem Wohnhaus in der Alsenstraße 11 hängt eine Gedenktafel. Womöglich wäre der „Eiserne Gustav“ nach dem Zweiten Weltkrieg über die Jahrzehnte in Vergessenheit geraten, hätten nicht die Wirtschaftsgenossenschaft Berliner Taxibesitzer und die Berliner Taxi-„Innung“ sich vehement um sein Andenken bemüht. Der Gustav-Hartmann- Denkmalpflegeverein veranlasste sogar gegen starke Widerstände die Errichtung eines Denkmals auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße in Tiergarten. Heute hilft die Gustav-Hartmann-Stiftung, die sich aus Spenden finanziert, immer wieder einmal, wenn Taxifahrer zu Schaden kommen, so wie kürzlich Muhammad A. (siehe linke Seite). An der Spitze des Stiftungsvorstandes steht Hermann Waldner, Zweiter Vorsitzender ist Leszek Nadolski, Dritter im Bunde ist Lothar Kubik. Ansässig ist die Gustav-Hartmann-Stiftung am Taxi-Zentrum Berlin in der Persiusstraße. ar TAXI 4. QUARTAL 2021 25
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