KOLUMNE „LASSEN SIE MICH DURCH, ICH MUSS ZUM ARZT!“ Nach all den Jahren im Taxi sieht man ja vieles immer unter Berücksichtigung seiner Erfahrungen. Und man merkt schnell, an welchen Punkten das öffentliche Bild nicht so ganz dem Erlebten entspricht. Zum Beispiel bin ich mir sicher, dass bei einer Auswertung der letzten tausend Blockbuster 49 Prozent der Taxifahrten mit flirtenden Pärchen stattfinden und nochmal 50 Prozent mit schwangeren Frauen, deren Niederkunft eine Frage von Sekunden ist. Das eine übrige Prozent sind Fahrten mit Bruce Willis. Und ich hatte noch nie Bruce Willis im Taxi. Nein, o.k., im Ernst: Natürlich ging es mir nicht wirklich um Bruce Willis, sondern um all die schwangeren Frauen, deren Geburtshelfer ich theoretisch schon mindestens dreimal hätte sein müssen. Denn die gibt es gar nicht. Also natürlich gibt es schwangere Frauen, und viele von ihnen fahren im Taxi zur Klinik, das ist richtig – nur als einzelner Fahrer kriegt man von diesen Storchentouren nur sehr selten mal wirklich eine ab. Die zweite und bisher letzte in zehn Jahren war sogar eine von einer Leserin vorbestellte, die entsprechend gut vorbereitet war. Die einzige davor war zwar wirklich die klassisch spontane Winkertour, noch dazu hatten sie mich als Neuling in einer mir unbekannten Gegend zu zweit erwischt, konnten mir aber den Weg gut beschreiben und waren außerdem auch noch alles andere als kurz vor der Verzweiflung. Damals hab ich das zwar schon als ein wenig dramatisch empfunden, aber tatsächlich war ich jetzt in bald zehn Jahren kaum näher an einer Geburtshelfer-Rolle als ein zufällig über Berlin hinwegfliegender Storch. Sicher, die anderen Krankenhausfahrten hatten es teils in sich, aber abgesehen von einem Rentner, der mich mit ausgestreckten Armen in der Revaler Straße anhielt, weil er glaubte, vergiftet worden zu sein, waren die meisten anderen dann auch nicht schlimmer als manch andere Fahrgäste, die keine medizinische Behandlung in Betracht zogen. Ich denke nicht, dass ich das Stichwort Alkohol wirklich erwähnen müsste. Also ja, einmal „halt a bissl schneller“ zur Geburtsklinik und einmal eine Packung Taschentücher opfernd mit jemandem, der inzwischen auch gemerkt hatte, dass es eine dumme Idee war, nachts um drei Uhr betrunken über einen Stacheldrahtzaun zu klettern, um 500 Meter Weg abzukürzen. Nach wie vor war der große Filmritt nicht dabei. Im Wesentlichen bin ich ja froh drum, denn im Grunde reicht mir ja, was meine Fahrgäste sonst so alles im Taxi hinterlassen, da müssen nicht noch weitere Sorten von Körperflüssigkeiten, ganze Organe oder gar Neugeborene dabei sein, und ich bin mir sicher, dass meine Fähigkeiten als Geburtshelfer maßlos überschätzt werden. Was mich zum wesentlichen Punkt dieses Textes bringt: So selten wie sie sind, habe ich bis zur nächsten Storchenfahrt noch etwas Zeit. Weswegen ich mir dann »...als einzelner Fahrer kriegt man von Storchentouren nur selten eine ab.« ziemlich sicher bin, wann die nächste ansteht: Mit erscheinen dieser Taxi Times. Ich werde allerdings dieses Mal nicht auf dem Fahrersitz sitzen, denn der Fahrer wird sich meines ersten Sohnes wegen panisch durch den Verkehr schlängeln. Dann kann ich auch das mit der Geburtshilfe mal außerhalb des Taxis üben, denn ob man‘s nicht doch mal braucht, weiß man dann halt auch nicht. Selbst manche Filme beruhen ja auf wahren Begebenheiten. sash Der Autor Sascha Bors betreibt als Sash einen eigenen Taxiblog, hat sich aber vor kurzem in die Elternzeit verabschiedet. Wir wünschen eine tolle Zeit mit dem neuen Erdenbürger! FOTO: stock.adobe.com 32 APRIL/ 2018 TAXI
GASTROTIPP ZEIT FÜR EINE PAUSE PREISGÜNSTIG UND GUT ESSEN IN WILMERSDORF: RESTAURANT WANDEL 2 Das Wort Kantinenessen lässt einem normalerweise nicht das Wasser im Munde zusammenlaufen, schon gar nicht, wenn die Kantine sich in einem funktional anmutenden Behördenbau aus den Dreißigerjahren mit düsterem Eingangsportal befindet. Kantinen werden üblicherweise an Gastronomen verpachtet. Diese haben längst entdeckt, dass Behördenmitarbeiter auch Menschen sind, und machen aus der Kantine manchmal ein geschmackvoll eingerichtetes Restaurant mit ambitioniertem Speisenangebot zu immer noch günstigen Preisen. So geschehen im Dienstgebäude am Übergang von der Württembergischen Straße zum Fehrbelliner Platz, wo die Stadtentwickler des Berliner Senats tätig sind. Das Restaurant Wandel 2, zu dem man in der 4. Etage durch originelle Wegweiser geleitet wird, bewirtet jeden Mittag viele Mitarbeiter – sowie auswärtige Gäste, da die Qualität sich herumgesprochen hat. Besonderes i-Tüpfelchen ist die schön gestaltete, ruhige, helle Cafeteria im Vorraum des eigentlichen Restaurants. Hier gibt es von frühmorgens bis nach dem Mittag kleine und mittelgroße Gerichte auch für den kleinen Geldbeutel. Die sehr bequemen Sitze eignen sich sowohl für ein zwangloses Arbeitstreffen ohne Zeitdruck als auch für die schnelle Mittagspause während der Taxischicht. ar RESTAURANT WANDEL 2 Wilmersdorf, Fehrbelliner Platz 1 (gegenüber der Halteplatz-Einfahrt) Öffnungszeiten Mo-Fr 11 bis 14 Uhr (Restaurant) Mo-Fr 7 bis 15 Uhr (Kaffeebar) Barrierefrei PREISGÜNSTIG ESSEN MIT AUSSICHT: KANTINE IM RATHAUS KREUZBERG FOTOs: Axel Rühle / Taxi Times In der zehnten Etage des Hochhauses, das so gar nicht wie ein Rathaus aussieht, findet man eine Kantine, die von so manchem KANTINE IM RATHAUS KREUZBERG Kreuzberg, Yorckstr. 4-11 (zwischen Mehringdamm und Großbeerenstr.) Öffnungszeiten Mo-Fr 7 bis 15 Uhr Barrierefrei Gastronomen um ihre sagenhafte Aussicht beneidet wird. Das Ambiente und das Speisenangebot sind guter Kantinenstandard. Der Cappuccino trägt dazu bei, dass man die Aussicht gerne noch ein Viertelstündchen länger auf sich wirken lässt. Mit etwas Glück findet man eine Parklücke auf dem Mittelstreifen, ansonsten ist auf dem Hof ein Stellplatz für bescheidene 90 Cent zu haben. Obwohl die Kantine ihre Stammkunden hat, ist sie nicht überlaufen. Es wäre allerdings auch falsch, von einem Geheimtipp zu sprechen, denn dazu ist die Aussichtskantine viel zu beliebt. ar TAXI APRIL / 2018 33
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